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StartseiteKommentare und Themen der WocheBlinder Fleck der deutschen Geschichte18.04.2019

Griechische ReparationsforderungenBlinder Fleck der deutschen Geschichte

Während des Zweiten Weltkriegs begingen die Nazis grausame Verbrechen in Griechenland. Viele Deutsche hätten jahrzehntelang kaum etwas darüber erfahren, meint Michael Lehmann. Das griechische Volk habe sich mehr als das strikte Nein der Bundesregierung zu Reparationszahlungen verdient.

Von Michael Lehman

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Ein Helm und ein Maschinengewehr aus der Zeit der deutschen Besatzung liegen an der Gedenkstätte im Park Skopeftirioin in Athen. (dpa/picture alliance/Orestis Panagiotou)
Was unter der Nazi-Herrschaft in Griechenland passiert ist, scheint zu vielen Deutschen nicht wirklich unter die Haut zu gehen, kommentiert Michael Lehmann (dpa/picture alliance/Orestis Panagiotou)
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In den 80er-Jahren habe ich zum ersten Mal ausführlich gelesen und gehört von den grausamen Taten der deutschen Wehrmachtssoldaten in Griechenland. Es waren zwei Seiten in einem deutschen Reiseführer. Der Griechenland-Urlauber wurde mit kurzen Worten und ohne allzu viele Details aufgeklärt.

Und so wie mir ging es vielen Deutschen, die als Schüler zwar sehr viel über Hitlers Machtergreifung,  über die Judenverfolgung und den Verlauf des Zweiten Weltkriegs erfuhren – nicht oder so gut wie nichts aber erfuhren wir Kinder der 60er- und 70er-Jahre über die Verbrechen in Griechenland. Etwa 330.000 Griechen sind ermordet worden oder verhungerten während der Nazi-Herrschaft.

Raubende und tötende Wehrmachtssoldaten oder SS-Kämpfer zogen übers griechische Festland oder fielen zu Tausenden in nur wenigen Stunden nach Kreta ein. Deutsche Soldaten vernichteten nicht nur viele Menschenleben, Lebensmittel und Infrastruktur in Griechenland – sie ruinierten den Ruf eines ganzen Landes. Deutschland war das Land der Feinde.

Juristen raten zu Kompromiss

Das war die traurige Ausgangslage für zwei Länder, deren Menschen sich gegenseitig aber zum großen Glück nie aufgegeben haben. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist viel Gutes passiert. Deutschland und Griechenland sind wichtige Partner in Europa geworden, wichtige Handelspartner auch. Griechenland ist ein extrem beliebtes Reiseziel für deutsche Urlauber. Es gibt die deutsch-griechische Freundschaft, es gibt deutsch-griechische Paare und Familien. Nur diesen einen blinden Fleck scheint es für viele auf deutscher Seite nach wie vor zu geben. Was unter der Nazi-Herrschaft in Griechenland passiert ist, das scheint immer noch zu vielen Deutschen nicht wirklich unter die Haut zu gehen. Denn sonst gäbe es nicht die strikte Ablehnung auch der deutschen Bundesregierung, sich in letzter Konsequenz mit dem Thema Reparationszahlungen auseinanderzusetzen.

Es gibt viele Juristen, die wie die Bundesregierung sagen, das Thema sei abschließend behandelt worden und es könne keine Reparationszahlungen für Griechenland geben. Es gibt aber nicht wenige Juristen, die genau das bezweifeln. Sie raten dringend, den gestrigen Mehrheitsbeschluss des griechischen Parlaments ernst zu nehmen und in neue Gespräche zu gehen – einen Kompromiss auszuhandeln mit den griechischen Partnern. Am Ende wird natürlich keine dreistellige Milliardensumme aus Deutschland an Griechenland fließen können – aber mehr als das strikte Nein zu weiteren Gesprächen über Reparationszahlungen hat sich vor allem das griechische Volk verdient. Dieser Anspruch der Griechen ist nicht verjährt.

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