Dienstag, 11.12.2018
 
Seit 06:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKultur heuteGriechischer Buchhandel in der Krise20.05.2013

Griechischer Buchhandel in der Krise

Viele Verlage kämpfen ums Überleben

Die griechische Verlagswelt hat durch die Krise in den vergangenen Jahren enorme Verluste verzeichnet. Weil Buchläden schließen oder keine Literatur mehr von weniger bekannten Autoren kaufen wollen, können Verlage kaum neue Bücher veröffentlichen, wie ein Besuch der internationalen Buchmesse in Thessaloniki zeigt.

Von Marianthi Milona

Die griechischen Verlage müssen zwar schwere Verluste verbuchen, doch Bücher, die die Wirtschaftskrise analysieren und Antworten geben, boomen.  (dapd / Sebastian Willnow)
Die griechischen Verlage müssen zwar schwere Verluste verbuchen, doch Bücher, die die Wirtschaftskrise analysieren und Antworten geben, boomen. (dapd / Sebastian Willnow)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Das Messegelände in der Innenstadt Thessalonikis stand in den vergangenen Tagen ganz im Zeichen der internationalen Bücherwelt. Die 10. Internationale Buchmesse, die wichtigste ihrer Art in Griechenland, begrüßte den Besucher gleich am Eingang mit sanften Musiktönen, während in den beiden Messehallen griechische und internationale Verlage ihre Neuerscheinungen in diversen Lesungen präsentierten.

Bücher aus England, Frankreich und Deutschland konkurrierten um Aufmerksamkeit mit Literatur aus Russland, Bulgarien und China. Vor allem aber war Bühne für die stark angeschlagene griechische Verlagswelt, die durch die Krise in den vergangenen drei Jahren enorme Verluste verbuchen musste. Andeos Chrisostomidis ist beim Kastaniotis-Verlag, einem der größten griechischen Verlagshäuser, tätig und hat die Konsequenzen der Krise hautnah miterlebt.

"Wir haben als erstes unsere Preise gesenkt, obwohl ich nicht der Ansicht bin, dass die Bücher in Griechenland teuer sind. Besonders bei Übersetzungen. Wenn Du eine gute Übersetzung willst, musst du dafür mehr zahlen. Es ist lächerlich zu behaupten, Bücher seien teuer, wenn du in einem Land lebst, wo du für ein Essen mindestens 25 Euro ausgibst. Aber wenn ein Buch 15 bis 17 Euro kostet, wird geklagt: Ein Buch begleitet dich eine Woche, einen Monat, vielleicht sogar ein ganzes Leben. Wie lange dauert dagegen der Genuss eines Souflaki, frage ich Sie?"

Die Verbitterung des Buchexperten Chrisostomidis teilen die meisten griechischen Verleger, auch wenn sie wissen, dass die Ursache der Krise auf ihrem Gebiet eigentlich nicht beim griechischen Leser zu suchen ist. Katerina Karidi, Chefin des angesehenen Verlags Ikaros, bringt es auf den Punkt:

"Wir können kaum mehr etwas Neues herausbringen. Das hat mit den Buchläden zu tun. Viele mussten schließen. Und die übrigen sind beim Einkauf sehr vorsichtig geworden. Die Verlage bieten ihnen keine Kommissionsware mehr an, was früher immer üblich war. Wir haben viele Jahre die Erfahrung gemacht, dass die Buchläden wahllos einkaufen und die Ware nicht pünktlich oder gar nicht bezahlen. Seitdem kaufen die Buchläden kaum mehr ein. Vor allen Dingen keine Bücher von weniger bekannten Autoren. Das schränkt uns sehr ein."

Dabei gehört das Verlagshaus Ikaros zu den finanziell stabilen in Griechenland. Bücher der Nobelpreisträger Odysseas Elitis, Giorgos Seferis, aber auch Konstantinos Kavafis, haben Ikaros gerade zu Krisenzeiten immer die notwendige Sicherheit geboten. Doch zur Überraschung der Verlegerin Karidi hat auch das in den letzten Jahren nachgelassen. Was im Augenblick boomt, sind Bücher, die mit einem wissenschaftlichen Ansatz Antworten auf die Krise geben. Viel interessanter wäre es abzuwarten, wie sich die Krise in der Romanwelt literarisch niederschlägt. Das wird in den kommenden Jahren der Fall sein.

"Die gesellschaftliche und ethische Auslegung der Krise, geschrieben von angesehenen Ökonomen und politischen Analytikern, hat auch immer etwas Masochistisches. Aber wenn ein Schriftsteller in seinem Roman über die Stadt Athen von heute schreibt, dann kann er die geschlossenen Geschäfte, die Arbeitslosigkeit und die Bettler, die immer mehr werden, literarisch nicht ignorieren."

Ganz anders betrachtet Anastasia Lambria die Neuerscheinungen zum Thema griechische Wirtschaftskrise. Seitdem ihr mittelgroßer Verlag Potamos, heute ums Überleben kämpfen muss, hat sie sich bewusst auf interessante Bücher, die die Krise analysieren, konzentriert.

"Wir haben noch vor dem großen wirtschaftlichen Tiefpunkt das 'Wörterbuch der Krise' von Giannis Baroufakis herausgebracht. Er steht ja seit Jahren mit seinen kontroversen Ansichten im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Das Buch hat sich enorm gut verkauft. Er hat eine Sprache gefunden, um das zu kritisieren, was wir alle seit Jahren auf den Lippen haben und dennoch nicht ändern können."

Für Andeos Chrisostomidis vom Verlag Kastaniotis ist der größte Albtraum, dass hochwertige Literatur der Krise zum Opfer fällt. Er habe die Situation falsch eingeschätzt, behauptet er mit leicht sarkastischem Unterton.

"Ich muss gestehen, ich war überrascht. Ich habe immer gedacht, dass der Mensch in Krisenzeiten Besseres und Ernsteres lesen, dass er mehr nachdenken will. Doch es ist ganz anders. Die meisten wollen ein Buch, um zu vergessen, soweit schlechte Bücher überhaupt helfen können zu vergessen. Letztendlich ist das wohl alles eine Sache des Geschmacks!"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk