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StartseiteKalenderblattGriff nach den Sternen16.06.2007

Griff nach den Sternen

Wernher von Braun wollte auf der Seite der Sieger stehen

Vor 30 Jahren starb Wernher von Braun, eine der schillerndsten und umstrittensten Forscher-Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Er war ein Visionär der Raumfahrt, doch als Raketentechniker auch Vater der V2, einer Vernichtungswaffe der Nationalsozialisten.

Von Andrea Westhoff

Nachbau einer V2-Rakete  auf dem Gelände des "istorisch-technischen Informationszentrums in Peenemünde auf der Insel Usedom. (AP Archiv)
Nachbau einer V2-Rakete auf dem Gelände des "istorisch-technischen Informationszentrums in Peenemünde auf der Insel Usedom. (AP Archiv)

"Ich beneide euch um das Leben, das euch bevorsteht. Ich glaube, es hat noch nie eine Jugend so viele Möglichkeiten gehabt wie eure Jugend."

Ein bisschen wehmütig klingt Wernher von Braun in dieser Rede vor Schülern 1975, zwei Jahre vor seinem Tod. Dabei konnte der weltberühmte Raumfahrtpionier durchaus auf ein Leben voller Möglichkeiten zurückblicken, die er auch genutzt hat. Er war sogar direkt beteiligt, als einer der kühnsten Menschheitsträume verwirklicht wurde - der "Griff nach den Sternen": Im Mai 1961, nachdem die UDSSR zuerst einen Satelliten, dann sogar einen Menschen ins All gebracht hatten, verkündete der amerikanische Präsident John F. Kennedy in einer Rede vor dem Kongress:

"Ich glaube, dass unser Volk sich zum Ziel setzen sollte, noch vor Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond landen zu lassen und ihn sicher wieder zur Erde zurückzubringen."

Und der Mann, der dieses Ziel für Amerika erreichen sollte, war der Deutsche Wernher von Braun. Die Amerikaner hatten ihn wie viele Wissenschaftler 1945 noch während des Krieges gezielt "angeworben". Der langjährige technische Direktor der militärischen Raketenversuchsanstalt Peenemünde auf Usedom war maßgeblich beteiligt an der Entwicklung der V2, die von den Nazis zum Bombentransport genutzt wurde, die aber auch wegen ihrer Flughöhe von über 200 Kilometern als erste Weltraum-Rakete galt. Wernher von Braun begründete seinen Entschluss, nach Amerika zu gehen, später einmal mit den Worten:

"Mein Land hat zwei Weltkriege verloren. Diesmal möchte ich auf der Seite der Sieger stehen."

Die Verstrickung Wernher von Brauns in das NS-Regime wurde in den USA nie aufgearbeitet oder gar verfolgt - immerhin war er seit 1937 Mitglied der NSDAP gewesen, seit 1940 sogar Mitglied der SS, und er wusste auch, dass beim Raketenbau in Peenemünde Tausende KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Aber die Amerikaner interessierten sich in den 50er Jahren mehr für sein enormes raketentechnisches Wissen, das sie zunächst jedoch nur militärisch nutzten: Für die US-Armee entwickelte Wernher von Braun auf Grundlage der V2 die "Redstone", eine atomare Mittelstreckenrakete.

Persönlich hoffte er allerdings, in den USA endlich auch seinen Traum von einer zivilen bemannten Raumfahrt verwirklichen zu können. Mit populären Magazinartikeln und drei Fernsehproduktionen Walt Disneys gelang es ihm schließlich, die breite amerikanische Öffentlichkeit und auch die Politik, insbesondere Präsident Kennedy, dafür zu begeistern. 1960 kam Wernher von Braun zur US-Weltraumbehörde NASA, wo nach seinen Plänen die "Saturn 5" gebaut wurde, jene Trägerrakete des Apollo-Mondlande-Programms. Und als Neil Armstrong 1969 als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte, war dies der größte Erfolg seiner Arbeit:

Aber Wernher von Braun wollte mehr, träumte von einer bemannten Mars-Mission und plante die Weltraumstation "Skylab". Allerdings ließ nach den ersten Erfolgen die Raumfahrt-Begeisterung in den USA schnell nach: Die Milliarden-Dollar-Ausgaben für ein "bloßes Prestige-Projekt" wurden öffentlich kritisiert, der NASA-Etat schließlich drastisch gekürzt. Da halfen auch von Brauns Beschwörungen nichts:

"Der bleibende Wert von Apollo für die Menschheit ist somit nicht nur, dass Menschen wirklich auf dem Mond gelandet sind. Ebenso nachhaltig wirkte folgende Tatsache, dass durch Apollo die Naturwissenschaften und die Technik auf allen beteiligten Gebieten einen Quantensprung nach oben gemacht haben, von dem jetzt die Erde großen Nutzen gewinnt. Apollo ist somit nicht, wie viele Leute zu glauben scheinen, eine wahnwitzige Verschwendung von Steuergeldern gewesen, sondern meiner festen Auffassung nach eine der vernünftigsten, klügsten und weitsichtigsten Investitionen, die je ein Land gemacht hat."

Ziemlich verbittert reichte Wernher von Braun 1972 seinen Abschied bei der NASA ein und hoffte, als Vizepräsident des privaten Luft- und Raumfahrtkonzerns Fairchild mehr Platz für seine Visionen zu bekommen. Diesen Posten musste er jedoch ein Jahr später schon aufgeben, weil er an Nierenkrebs erkrankte.

Deshalb wohl die Wehmut in einer seiner letzten Reden, die er vor Jugendlichen hielt, als deren Schule seinen Namen bekam:

"Ihr werdet um vieles kämpfen müssen, ihr werdet immer weiter lernen müssen, aber wenn ihr dabei bleibt, wenn ihr euch einer Aufgabe widmet, dann steht euch das Leben offen, ich beneide euch darum."

Wernher von Braun starb am 16. Juni 1977 im Alter von 65 Jahren.

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