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StartseiteKommentare und Themen der WocheMit Compliance nichts am Hut02.04.2019

Grindel-RücktrittMit Compliance nichts am Hut

Der Rücktritt Reinhard Grindels als DFB-Präsident war überfällig, meint Andrea Schültke. Unklare Finanzbeziehungen und teure Geschenke seien nur ein Teil der schlechten Nachrichten während seiner Amtszeit. Unpassend sei, dass er weiterhin die Compliance-Kommission beim europäischen Fußballverband leite.

Von Andrea Schültke

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DFB-Präsident Reinhard Grindel schiebt sich seine Brille zurecht. (pictures alliance / dpa / augenklick / firo Sportphoto)
Verstellte Zukunft für den bisherigen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel (pictures alliance / dpa / augenklick / firo Sportphoto)
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Die Stunde hat geschlagen. Reinhard Grindels Zeit beim DFB ist beendet. Die Sache mit der Uhr gab dem angezählten Präsidenten den Rest. Und das ist gut so. Denn wer es mit Compliance nicht so genau nimmt, ist beim krisengeschüttelten Deutschen Fußballbund und überhaupt in der Fußballwelt fehl am Platz.

Compliance. Laut Duden bedeutet das in der Wirtschaft "vorschriftsgemäßes, ethisch korrektes Verhalten". Reinhard Grindel muss wissen, was das ist. Denn noch leitet er die Compliance-Kommission beim europäischen Fußballverband. Trotzdem war es für ihn ethisch korrekt, eine teure Uhr anzunehmen von einem UEFA-Vorstandskollegen aus der Ukraine. Der Leiter der Compliance-Kommission verbuchte das unter: privates Geschenk eines guten Freundes. Dabei musste er doch wissen, dass bei Geschenken unter Freunden im Sport immer Skepsis angebracht ist. Denn zu oft schon waren für diese Geschenke Gegenleistungen erwartet worden, also Bestechung.

Fülle schlechter Nachrichten

Aber diese Uhr war ja auch "nur" die letzte schlechte Nachricht einer Fülle schlechter Nachrichten, die sich seit dem letzten WM-Sommer anhäuften. Da war der unprofessionelle Umgang mit dem Erdogan-Foto der Nationalspieler Özil und Gündogan. Da war in der Folge das schlechteste Abschneiden einer DFB-Elf bei einer WM. Die voreilige Verlängerung des Vertrages von Joachim Löw. Da war das abgebrochene Fernsehinterview und zuletzt kamen wohl gezielt weitere Nachrichten an die Öffentlichkeit, die dem Präsidenten den Rest geben sollten: Nicht angegebenes Zusatzeinkommen und eben - die Luxusuhr.

Das konnte und durfte nicht gutgehen. Da werden sie beim DFB den Ex-Präsidenten intensiv bearbeitet haben, dass er jetzt doch schneller als gedacht die Konsequenzen zieht. Aber geht die ursprünglich angedachte Exit-Strategie jetzt noch auf: Rücktritt als DFB-Präsident, aber weiterhin internationale Funktionärsrollen bei FIFA und UEFA? Dafür kassiert Reinhard Grindel eine halbe Million Euro im Jahr und will das auch weiterhin tun. Aber kann einer, der mit Compliance nichts am Hut hat und dem die Uhr womöglich auch noch ein Steuerproblem à la Rummenigge beschert, weiter eine Compliance Kommission im Europäischen Fußballverband leiten?

DFB vor Genesungsphase

Wohl kaum. Bleiben zwei große Fragen. Erstens: Wie wenig zählen ständig propagierte Werte wie Moral und Ethik, wenn selbst der oberste Ehrenamtler des Verbandes sie einfach ignoriert? Keinerlei Unrechtsbewusstsein zeigt? Und zweitens: Wer hat genug Reputation, Expertise, Zeit und vor allem Lust, sich den Job des DFB-Präsidenten überhaupt anzutun?

Und da wären wir bei einer weiteren Bedeutung des Wortes Compliance: In der Medizin ist das nämlich die Bereitschaft zur aktiven Mitwirkung eines Patienten an therapeutischen Maßnahmen. Der Patient DFB hat eine lange Genesungsphase vor sich. Alles eine Frage der Zeit.

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