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StartseiteKalenderblattGrößte Fusion der deutschen Bankengeschichte26.09.2004

Größte Fusion der deutschen Bankengeschichte

Vor 75 Jahren fusionieren die Deutsche Bank und die Disconto-Gesellschaft

Es sind die späten zwanziger Jahre. Moderne Zeiten: Die deutsche Wirtschaft erlebt eine Fusionswelle ungekannten Ausmaßes. Es schließen sich Daimler und Benz zusammen. Die Vereinigten Stahlwerke entstehen und die Allianz. Schließlich fusionieren am 26. September 1929 auch die beiden größten Banken des Landes: Die Deutsche Bank und die Disconto-Gesellschaft.

Von Ralf Geißler

Heute: die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt (AP)
Heute: die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt (AP)

An die Kunden: Durch die Fusion ist unser Institut zur weitaus größten deutschen Bank geworden. Dadurch möge im gleichen Maße wie der Umfang unserer Organisation auch der Nutzen wachsen, den unsere Geschäftsfreunde aus ihrer Verbindung mit uns ziehen werden.

Jahrzehntelang hatten sich beide Kreditinstitute heftig bekämpft. 1851 hatte der preußische Politiker David Hansemann die Disconto-Gesellschaft gegründet. Zwanzig Jahre später entstand die Deutsche Bank. Ihr erster Direktor Georg Siemens kokettierte stets damit, vom Geschäft keine Ahnung zu haben.

Von dem amerikanischen und indischen Bankgeschäft verstehe ich zwar wenig, ich tue indessen sehr gelehrt, zucke ab und zu die Achseln und schlage zu Hause heimlich das Konservationslexikon auf, um nachzulesen, wenn ich ein mir unverständliches Wort hörte. Den Unterschied zwischen Brief und Geld habe ich denn auch schon annähernd erfasst.

Doch Siemens war viel gerissener als er zugab. Innerhalb weniger Jahre stieg seine Deutsche Bank zur Nummer eins des Deutschen Reiches auf und verdrängte die Disconto-Gesellschaft auf Platz zwei. Beide Unternehmen verdienten prächtig – bis Deutschland den Ersten Weltkrieg verlor. Es folgten die chaotischen Jahre der Weimarer Republik.

Sie können sich gar keinen Begriff machen, wie unsere Büros belastet sind,

klagte während der Inflationsjahre Deutsche Bank Vorstand Paul Mankiewitz.

Die Korrespondenzabteilungen, das Effektenbüro und auch das Sekretariat finden kaum Zeit, ihre Agenden gründlich zu bearbeiten. In den Büros herrschen Zustände, wie ich sie in einem so geordneten Konzern wie der Deutschen Bank nie für möglich gehalten hätte. Unsere Börsenvertreter fallen vor Erschöpfung um.

Während der Inflation verdoppelten sich die Mitarbeiterzahlen der Banken. Auch das Filialnetz wuchs auf eine beachtliche Größe. Als sich die deutsche Währung erholt hatte, blieben die Unternehmen auf gigantischen Kosten sitzen. Die Gewinne der Vorkriegsjahre wurden selbst in den Goldenen Zwanzigern nicht mehr erreicht. Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Oscar Wassermann, dachte deshalb 1926 erstmals über eine Zusammenarbeit mit der konkurrierenden Disconto-Gesellschaft nach.

Dass wir jede Gelegenheit, mit der Disconto-Gesellschaft gemeinschaftlich zu arbeiten, mit Freuden ergreifen, entspricht nicht nur der Tradition, sondern auch meiner Kollegen und meiner persönlichen Einstellung.

Der Zusammenschluss wurde still und heimlich vorbereitet. Erst zur Sitzung der beiden Aufsichtsräte, am 26. September 1929, wurden die Fusionspläne öffentlich. Die Mitarbeiter waren wenig begeistert. Ein Viertel der Angestellten verlor nach der Fusion seinen Job. Das lag allerdings auch an der Weltwirtschaftskrise, die dem Zusammenschluss unmittelbar folgte. Auf der Generalversammlung warnte der Vertreter des Personalrates davor, noch mehr Menschen zu entlassen.

Ich bitte Sie, meine Herren, sich einmal die Frage selbst zu beantworten, woher es wohl kommen mag, dass in den Großbetrieben der Banken die Gruppen extremster Richtungen, Kommunisten und Nationalsozialisten, einen derartig günstigen Boden finden. Ich sehe hier die Entwicklung zu einer Radikalisierung im Gefolge der durch die Fusion bedingten Maßnahmen, deren Endauswirkung ich hier nicht ausmalen möchte.

Das fusionierte Bankhaus nannte sich Deutsche Bank und Disconto-Gesellschaft. Mit 800.000 Kunden war sie das größte Kreditinstitut im deutschen Reich. In der Bevölkerung hieß das Unternehmen nur Dedi-Bank. Den Managern behagte diese Abkürzung überhaupt nicht. Und so entschlossen sie sich, 1937 zu einem der alten Namen zurückzukehren: Deutsche Bank. Die Disconto-Gesellschaft geriet in Vergessenheit.

Mehr als 60 Jahre später versuchte das Unternehmen noch einmal einen gigantischen Zusammenschluss. Im Jahr 2000 wollte die Deutsche Bank mit der Dresdner Bank fusionieren. Doch das Vorhaben scheiterte. Und damit blieb die Fusion von 1929 bis heute die größte in der deutschen Bankengeschichte.

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