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StartseiteKalenderblattGrosnys Untergang11.12.2009

Grosnys Untergang

Vor 15 Jahren marschierten russische Truppen in Tschetschenien ein

Eine gewisse Zeit lang hatte die Sowjetunion sowie deren Nachfolgerstaat, die Russische Förderation, die abtrünnige Region Tschetschenien zwar nicht als unabhängig anerkannt, sie aber weitgehend gewähren lassen. Am 11. Dezember 1994 änderte sich das plötzlich und russische Truppen marschierten in Tschetschenien ein.

Von Matthias Bertsch

Die Bilder der zerstörten Hauptstadt Grosny gingen um die Welt.  (AP Archiv)
Die Bilder der zerstörten Hauptstadt Grosny gingen um die Welt. (AP Archiv)

Boris Jelzin: "Ich verfolge alles genau, was in Tschetschenien vor sich geht, ich habe die Situation unter meiner persönlichen Kontrolle."

Journalist: "Der russische Präsident Boris Jelzin übernimmt die persönlich-politische Verantwortung für das Vorgehen in Tschetschenien. In einer etwas über 20 Minuten dauernden Fernsehansprache nahm er heute Nachmittag zum ersten Mal seit Beginn der Invasion am 11. Dezember öffentlich Stellung und er blieb im Wesentlichen bei seinem harten, kompromisslosen Kurs gegenüber der abtrünnigen Republik."

Als sich Boris Jelzin am 27. Dezember 1994 zu Wort meldete, war die Entscheidung über den Einmarsch russischer Truppen in Tschetschenien bereits vier Wochen alt: Am 29. November hatte der Sicherheitsrat den Einsatz der Streitkräfte beschlossen. Drei Jahre zuvor hatte der tschetschenische Präsident Dschochar Dudajew die Unabhängigkeit seines Landes erklärt.

Weder die Sowjetunion noch die daraus entstehende Russische Föderation hatten diese Unabhängigkeit anerkannt, aber zunächst kaum etwas dagegen unternommen. Für Boris Jelzin, so der Politologe Markus Soldner von der Universität Dresden, spielten dabei innenpolitische Gründe eine wichtige Rolle: In seinem Kampf gegen den Obersten Sowjet war er auf die Unterstützung der Teilrepubliken angewiesen.

"Es war relativ klar, dass ein hartes Vorgehen gegen Tschetschenien von vielen Föderationssubjekten, an erster Stelle könnte man nennen, Tartarstan, aber auch andere, die selbst Ambitionen hatten, unabhängiger zu werden von Russland, dass also diese Republiken ein hartes Vorgehen gegen Tschetschenien als Bedrohung ihrer eigenen Republik betrachten würden, und das war ein ganz gewichtiger Faktor, warum die russländische Zentralregierung nicht massiv gegen Tschetschenien vorgegangen ist."

Nachdem Jelzin die innenpolitische Auseinandersetzung gewonnen hatte, änderte sich seine Politik gegenüber der abtrünnigen Republik, die sich unter Dudajew zu einem rechtsfreien Raum entwickelt hatte: Waffenschmuggel und Entführungen waren an der Tagesordnung. Die russische Regierung versuchte zunächst, Dudajew zu stürzen, indem sie die tschetschenische Opposition mit Geld und Waffen unterstützte. Als das erwünschte Ergebnis ausblieb, marschierten am 11. Dezember 1994 russische Truppen in Tschetschenien ein, um, wie es hieß, "die verfassungsmäßige Ordnung wiederherzustellen."

Trotz zahlenmäßiger Überlegenheit trafen die Soldaten auf erbitterten Widerstand: Die Bilder der zerstörten Hauptstadt Grosny gingen um die Welt und führten zu massiver Kritik am russischen Vorgehen. Im Bundestag ergriff Außenminister Klaus Kinkel das Wort.

"Wer seine territoriale Integrität erhalten will, kann das nicht dadurch tun, dass ganze Wohnviertel in Schutt und Asche gelegt werden und massivste Angriffe auf die Zivilbevölkerung stattfinden."

20 Monate dauerte der Krieg, mehrere Zehntausend Menschen starben. Im August 1996 wurde ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet, im Mai 1997 ein Friedensvertrag. Die Frage der Unabhängigkeit wurde ausgeklammert. Unter Jelzins Nachfolger Putin folgte im Herbst 1999 der zweite Tschetschenienkrieg. Auslöser waren Überfälle tschetschenischer Freischärler auf die Nachbarrepublik Dagestan und Sprengstoffanschläge auf Wohnhäuser in Russland. Im Unterschied zum ersten Tschetschenienkrieg, so Markus Soldner, gab es im zweiten kaum Protest gegen den Krieg.

"Russland hat den ersten Krieg vor allem auch deshalb verloren, weil es der politischen Führung nicht gelang, die Berichterstattung in ihrem Sinne massiv zu beeinflussen. Das lag schon daran, dass Journalisten im ersten Krieg nahezu uneingeschränkten Zugang zu Tschetschenien hatten. Präsident Putin hat im zweiten Krieg so gesehen erheblich dazu gelernt: Es ging ihm von Anfang an darum, Journalisten aus Tschetschenien raus zu halten und zwar unabhängig davon, ob es sich um russische oder internationale Journalisten handelt."

Wie lange der zweite Tschetschenienkrieg dauerte, ist bis heute umstritten. Russland erklärte ihn bereits nach einem Jahr für beendet, doch erst 2006 wurde ein Großteil der Truppen abgezogen, der heutige Präsident, Ramsan Kadyrow, gilt als enger Verbündeter Russlands. Gelöst ist der Konflikt allerdings nicht, er hat sich nur gewandelt und ausgedehnt. Während im ersten Tschetschenienkrieg die nationale Frage im Vordergrund stand, hat im zweiten eine Islamisierung des Konfliktes stattgefunden: Bewaffnete Gruppen, die sich islamischer Slogans bedienen, fordern ein Ende der russischen Herrschaft und eine islamische politische Ordnung – und das nicht nur in Tschetschenien. Anschläge auf russische Soldaten und die "Statthalter Moskaus" gehören mittlerweile in allen Republiken des Nordkaukasus zum Alltag."

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