Kommentare und Themen der Woche 09.01.2020

GroßbritannienDie Monarchie steht gefährlich nah am Rand einer KriseVon Friedbert Meurer

Beitrag hören Prinz Harry und seine Frau Meghan Markle (imago/Starface)Prinz Harry und seine Frau Meghan Markle (imago/Starface)

Die Entscheidung von Prinz Harry und seiner Frau Meghan, sich zu einem Gutteil aus der britischen Königsfamilie zurückzuziehen, sei ein halbe Abdankung, kommentiert Friedbert Meurer. Das Königshaus stehe wieder als verkrustete Institution da. Dabei hätte daraus sogar ein Coup werden können.

Eine der raren Gelegenheiten im Jahr, die Queen mit ihren eigenen Worten zu hören, ist ihre "Christmas Message". Dieses Jahr fiel den kundigen Beobachtern der Weihnachtsansprache ein kleines, unscheinbar wirkendes Detail auf. Auf dem Schreibtisch waren wie immer mehrere Familienfotos platziert, aber diesmal war keines dabei mit ihrem Enkel Prinz Harry und seiner Frau Meghan.

Die Fotos enthielten eine politische Botschaft, denn sie zeigten den Vater der Queen, ihren Sohn Charles, William und dessen Sohn George. Das ist die royale Thronfolgelinie. Das alles war gar nicht gegen Harry gerichtet. Stolz zeigen die Fotos Gegenwart und Zukunft der britischen Royals.

Das heile Bild, nur zwei Wochen alt, hat jetzt einen tiefen Riss bekommen. Harrys und Meghans Entscheidung, sich zu einem Gutteil aus der Königsfamilie zurückzuziehen, hat auch und gerade damit zu tun, welche Rolle denn für Harry in der königlichen Inszenierung übrig bleibt. In mehreren Stufen hatte sich das Paar schon vom Hof emanzipiert. Der De-facto-Umzug nach Kanada und eine halbe Abdankung folgen jetzt.

Die Monarchie steht gut 20 Jahre nach dem Tod von Prinzessin Diana wieder gefährlich nahe am Rand der Krise. Der Bruder des künftigen Königs schmeißt hin, ohne seine Pläne mit ihm, der Queen oder seinem Vater abzustimmen. Das Königshaus steht wieder als verkrustete Institution da, die vielleicht nicht ewig währen wird. Es werden Vergleiche mit der Abdankung Edwards VIII. 1936 gezogen, die die britische Monarchie damals erschütterte. Dass Charles Bruder Prinz Andrew gerade erst auch noch wegen seiner Verbindungen zum Sex-Straftäter Jeffrey Eppstein praktisch aus der königlichen Firma ausgestoßen wurde, macht alles noch schlimmer.

Die Royals sind Teil der "Soft Power" des Vereinigten Königreichs. Das Empire gibt es nicht mehr, aber britische Unis und Privatschulen genießen einen herausragenden Ruf, britische Popmusik ist weiter international populär und die Royals sind erstklassige Instrumente der britischen Außenpolitik. Die Queen ist die berühmteste und meist respektierte Frau der Welt, neben der der amtierende US-amerikanische Präsident wie ein halbstarker Flegel wirkt.

Eigentlich könnte es sogar funktionieren, dass Harry und Meghan die internationale Bühne bespielen und William und Kate eher traditionell als Tröster und Kümmerer der Opfer des angelsächsischen Turbokapitalismus agieren. Das besser vorzubereiten, hätte ein Coup werden können. Jetzt wird in einem Jahr auf dem Schreibtisch der Queen ein Foto womöglich wieder fehlen. Die Leerstelle bei den Royals wird dann aber einem Millionen-Publikum sofort klar werden.

Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer, Jahrgang 1959, studierte Germanistik und Geschichte in Mainz und Bielefeld mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. 1986/87 gehörte er zum Gründungsteam des Privatradios RPR in Koblenz und volontierte dann 1988/89 beim Deutschlandfunk. 1995 bis 1999 arbeitete Meurer als Parlamentsreporter in Bonn mit dem Schwerpunkt Außenpolitik. Bis 2015 war er Ressortleiter Zeitfunk und moderierte u. a. "Informationen am Morgen". Seit August 2015 ist er Korrespondent von Deutschlandradio in London.

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