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StartseiteEuropa heuteEin Ministerium für Einsamkeit12.08.2019

Großbritannien Ein Ministerium für Einsamkeit

Neun Millionen Briten gelten als einsam. Als erstes Land weltweit hat Großbritannien ein Ministerium für Einsamkeit ins Leben gerufen. Seit 2018 koordiniert es die Versuche der Regierung, Menschen aus der Isolation und der Anonymität zu holen.

Von Marten Hahn

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Ein Werbeschild des Ministeriums für Einsamkeit am Leicester Square in London  (Deutschlandradio / Marten Hahn)
Mit Werbeplakate weist das Ministerium auf das Problem der Einsamkeit hin (Deutschlandradio / Marten Hahn)
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Es riecht nach Popcorn. Ein großer TV-Bildschirm zeigt den Trailer des neuen Godzilla Films. Aus den Lautsprechern tönt Filmmusik. Normalerweise finden in dem Kino am Leicester Square Filmpremieren statt. Aber die Tory-Politikerin Mims Davies ist nicht hier, um sich unterhalten zu lassen.

"I’m the member of parliament for the Eastleigh Constituency, I’m the minister for sport and civil society and the minister for loneliness."

"Let’s talk loneliness"-Kampagne

Als Großbritanniens Ministerin für Einsamkeit gibt Mims Davies den Startschuss für eine einwöchige Kampagne. "Let’s talk loneliness." Lasst uns über Einsamkeit reden. Experten, Aktivisten und soziale Organisationen begleiten die Kampagne.

"Es ist wichtig, dass die Menschen verstehen: Manchmal passieren Dinge im Leben, die dir das Gefühl geben, allein zu sein. Und es ist okay, das auch auszusprechen. Wir wollen den Menschen die Kraft geben, zu sagen: Ich fühle mich gerade nicht gut und ich muss etwas ändern."

Dass auch Großbritannien sich verändern muss, erkannte die britische Regierung Anfang 2018. Damals wurde der Posten der Einsamkeitsministerin eingeführt. Studien zeigten: Ganze neun Millionen Briten fühlen sich einsam. Aber kann die Politik daran etwas ändern?

"Well we can absolutely make sure that our communities are stronger. We use everything through central government working with local communities not to make it worse."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Allein auf der Insel - Großbritannien und die Einsamkeit".

Die Gemeinden will Davies stärken und sicherstellen, dass die Politik der Regierung in London die Sache nicht noch schlimmer macht. Dafür setzt sich die Ministerin mit Verantwortlichen aus anderen Bereichen zusammen. Bereichen wie Gemeindewesen, Wohnungsbau und Verkehr.

"So sitzen alle mit am Tisch und stellen sicher, dass zukünftige politische Entscheidungen, Einsamkeit nicht erhöhen oder die Bewältigung des Problems erschweren."

Projekte sollen Einsamkeit verhindern

Schließt eine Gemeinde Jugendclubs oder hebt die Preise für den Nahverkehr an, würde das Einsamkeit befördern. Entscheidungen mit solchen Konsequenzen sollen im Voraus erkannt und verhindert werden. Schon jetzt stellt die Londoner Regierung 20 Millionen Pfund zur Verfügung. Das Geld geht an über 120 Projekte im ganzen Land, deren Ziel es ist, Einsamkeit zu lindern.

Es geht nach draußen. Mims Davies und Entourage lassen sich unter einem Bildschirm vor dem Kino fotografieren. Über den Köpfen von Touristen und Straßenmusikern bewirbt der riesige Screen die neue Kampagne.

Eine Frau ist allerdings nicht auf dem Foto: Jo Cox, ohne die es weder die Kampagne noch den Ministerposten gäbe.

"Ich glaube es ist fair, zu sagen, wenn Jo diese Arbeit nicht begonnen hätte, wäre es nicht möglich gewesen, all das so schnell umzusetzen: Die politische Strategie. Die Einsamkeitsministerin."

Kerzen brennen vor einem Bild der ermordeten britischen Politikerin Jo Cox. (AFP/DANIEL LEAL-OLIVAS)Die Labour-Politikerin Jo Cox wurde im Vorfeld des Brexit-Referendums im Juni 2016 ermordet (AFP/DANIEL LEAL-OLIVAS)

Catherine Anderson erinnert an die Politikerin Jo Cox, die 2016 von einem Rechtsradikalen erstochen wurde. Anderson leitet heute die Jo Cox Foundation. Die Organisation macht da weiter, wo die Labour-Abgeordnete aufgehört hat.

"Sie wollte Einsamkeit thematisieren, war dabei eine Minikommission aufzustellen, gemeinsam mit einem Kollegen der Konservativen. Sie hatte das Gefühl, das Einsamkeit in Großbritannien das Ausmaß einer Epidemie erreicht hat. Daran arbeitete sie gerade, als sie ermordet wurde."

Danach stellten Anderson und ihre Kollegen gemeinsam mit vielen anderen Organisationen eine Einsamkeitskommission zusammen. Sie empfahlen der Regierung: eine landesweite Strategie, ein Budget, ressortübergreifendes Arbeiten und eine Ministerin, die all das koordiniert.

"And we achieved all of that." Alles erreicht, sagt Anderson. Und nun? "Am wichtigsten ist, dass das Thema auf der Tagesordnung bleibt. Aber es wird natürlich auch immer um Ressourcen, Geld und Kapazitäten gehen." Denn Einsamkeit ist politisch schwer greifbar. "It’s an economic issue. It’s a health issue. It’s a education issue."

Unter Johnson neues Ressort für Davies

Wirtschaft, Gesundheit, Bildung. Auch Ministerin Davies weiß, wie komplex das Thema ist. Unter anderem, weil der Erfolg der Maßnahmen schwer messbar ist.

"Aber wenn wir die Sache jetzt nicht angehen und als Herausforderung für das öffentliche Gesundheitssystem begreifen, wird es zu spät sein und der National Health Service muss die Scherben zusammenkehren. Seelische Gesundheit wird zum Problem werden."

Unter der neuen Regierung von Boris Johnson wurde Mims Davies mittlerweile einem neuen Ressort zugeteilt. Um das Thema Einsamkeit wird sich nun Baronin Diana Barran kümmern. Auch die Politikerin mit Adelstitel wird merken, dass es keine einfache Lösung gibt. Gegen Einsamkeit gibt es keine Pille. Aber wie die Tafel am Leicester Square verkündet: Einsamkeit ist menschlich. Es ist Zeit darüber zu reden.

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