Seit 23:10 Uhr Das war der Tag

Dienstag, 29.09.2020
 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseiteHintergrundKampf gegen Coronavirus: Too little, too late? 15.04.2020

GroßbritannienKampf gegen Coronavirus: Too little, too late?

Die konservative Regierung Großbritanniens hat nur zögerlich auf das Coronavirus reagiert. Inzwischen steht das öffentliche Leben im Land weitgehend still, aber die Fallzahlen steigen weiter. Und das nationale Gesundheitssystem steht kurz vor dem Zusammenbruch.

Von Sandra Pfister

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
"Thank you NHS" steht auf einem Zettel an einem Laternenpfahl an einer Londoner Straße, auf der Krankenwagen vorbeifahren, 14. April 2020 (dpa / NurPhoto / Wiktor Szymanowicz)
"Thank you NHS" - die Wertschätzung für das nationale britische Gesundheitssystem ist das einigende Band der Coronakrise (dpa / NurPhoto / Wiktor Szymanowicz)
Mehr zum Thema

Dossier zum Coronavirus

Großbritannien Die Pandemie als Übung - schon in 2016

Coronakrise in Großbritannien Vor dem Fall in den Abgrund

Coronavirus in Großbritannien Britisches Gesundheitssystem kurz vor dem Zusammenbruch

Grenzen der Globalisierung Wie die Coronakrise die Weltwirtschaft verändert

Coronavirus und die Autoindustrie Nagelprobe für eine Branche im Umbruch

Normalerweise wendet sich die britische Königin Elizabeth II. nur an Weihnachten direkt an die Bevölkerung. Ausnahmen davon macht sie äußert selten. Am 5. April war es soweit – aufgrund der Corona-Pandemie: "Better days will return. We will be with our friends again. We will be with our families again. We will meet again."

Bessere Tage versprach Königin Elisabeth und dass Freunde und Familien sich wiedersehen werden: "Ich hoffe, dass wir in den kommenden Jahren stolz darauf sein können, wie wir auf die Krise reagiert haben. Attribute wie Selbstbeherrschung, Entschlossenheit gepaart mit Humor und Gemeinschaftssinn charakterisieren dieses Land noch immer."

Dass sie bessere Zeiten beschwor, sollte wohl auch bedeuten: Stellen Sie sich auf Schlimmes ein! Mit ihrer Durchhaltrede appellierte sie an den britischen Nationalcharakter. Nachdem es Ende Februar erstmals zu Ansteckungen auf der Insel gekommen war, wurde in den britischen Zeitungen der "Blitz Spirit" beschworen: die Mobilisierung aller Kräfte gegen einen äußeren Feind - wie im Krieg.

Foto in Zitat der Ansprache von Königen Elisabeth II vom 5. April 2020 anlässlich der Coronapandemie sind auf einem Plakat in London zu sehen (imago / Zuma / Cover Images)Die Queen dankt der NHS und den Pflegekräften - Foto in Zitat der Ansprache von Königen Elisabeth II vom 5. April 2020 anlässlich der Coronapandemie (imago / Zuma / Cover Images)

Vor der Fernsehansprache hatte sich bereits der Sohn der Queen, Prinz Charles, mit dem Virus infiziert. Und Boris Johnson, der britische Premierminister, war ebenfalls schon positiv getestet und hatte sich bereits eine Woche lang in 10 Downing Street isoliert. "Ich habe leichte Coronavirus-Symptome, Fieber und einen Husten, der nicht weggeht."

Wie viele wirklich infiziert sind, ist vollkommen unklar

Als Johnson zwei Tage nach der Rede der Queen wegen Covid-19 sogar auf die Intensivstation kam, wurde klar, die Lage war ernst. Ausgerechnet er, dessen Regierung – so die Lesart vieler seiner Kritiker – Covid-19 am Anfang unterschätzt, heruntergespielt, zu spät darauf reagiert hatte.

Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien, gestikuliert während einer Pressekonferenz. (Pool Daily Mirror/AP) (Pool Daily Mirror/AP)Kommentar: Vor dem Fall in den Abgrund 
Das britische Gesundheitssystem steht kurz vor dem Zusammenbruch. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob sich das Vereinigte Königreich nach dem jüngsten Kurswechsel noch vor dem Fall retten kann.

Zu diesen Kritikern gehört auch Frank Ulrich Montgomery, Halbbrite, bis vergangenes Jahr Präsident der Bundesärztekammer und jetzt Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes: "Besonders erschreckend war die späte Reaktion der britischen Regierung. Die Leichtigkeit, mit der der ja doch sehr narzisstisch geprägte Premierminister Boris Johnson auf die schon laut klingenden Alarmglocken aus Italien und Frankreich reagiert hat und der sein Land lange Zeit in der Ungewissheit gelassen hat, was auf es zukommt. Das ist ein politisch sträfliches Versagen."

An Ostern stieg die Zahl der täglichen Coronavirus-Toten in Großbritannien laut Statistik der Regierung auf fast 1.000. Und offiziell werden im Vereinigten Königreich nur die Patienten gezählt, die in Krankenhäusern sterben. Wie viele wirklich infiziert sind, ist aber vollkommen unklar, denn Verdachtsfälle werden in Großbritannien nur dann getestet, wenn sie im Krankenhaus landen. Es gibt auch bei weitem nicht genug Corona-Tests, um selbst Ärzte oder Pflegepersonal zu testen.

Wer hat in Großbritannien wann versagt?

Ebenfalls über Ostern zog denn auch Jeremy Farrar eine verheerende Bilanz. Farrar ist der Direktor des Wellcome Trusts, einer einflussreichen privaten britischen Stiftung für medizinische Forschung. "Ja, das Vereinigte Königreich wird sicher eines der am stärksten betroffenen Länder in Europa sein, wenn nicht das am stärksten betroffene."

Interaktive Karte mit COVID-19-Statistiken vom Zentrum für Systemwissenschaft und Systemtechnik der Johns Hopkins University in Baltimore (picture alliance / dpa / Ostalb Network) (picture alliance / dpa / Ostalb Network)Aktuelle Coronavirus-Zahlen und Entwicklungen 
Wie viele gemeldete Coronavirusfälle gibt es in Deutschland? Verlangsamt sich die Ausbreitung des Virus, wie entwickeln sich die Fallzahlen international? Wie die Zahlen zu bewerten sind – ein Überblick.

Wer hat in Großbritannien wann versagt? Epidemiologen, Gesundheitsexperten und politische Kommentatoren streiten darüber.

Denn auch die britische Regierung hat auf wissenschaftlichen Rat gehört, auf den ihres obersten wissenschaftlichen Beraters Patrick Vallance, eines Arztes von exzellentem Ruf: "Wir haben ein Panel von weltweit führenden Wissenschaftlern, Epidemiologen, Mathematikern, die Modelle entwickeln, Virologen, Krankenhausärzten, und wir lassen uns von führenden Akademikern beraten bei der Entwicklung eines Plans, der wirkt."

Der wissenschaftliche Berater der britischen Regierung Sir Patrick Vallance am 13. April in der Downing Street in London, England, UK on Monday 13 April, 2020. Picture by Justin Ng/UPPA/Avalon | (picture alliance / dpa / Justin Ng/UPPA/Avalon)Der wissenschaftliche Berater der britischen Regierung: Patrick Vallance (picture alliance / dpa / Justin Ng/UPPA/Avalon)

Obwohl Boris Johnson bei einer Pressekonferenz zu Beginn der Corona-Krise bereits dramatische Worte wählte, beschränkte er sich weiterhin auf Empfehlungen, sich zum Beispiel gründlich die Hände zu waschen.

"Das ist die schlimmste gesundheitliche Krise dieser Generation. Ich muss ehrlich mit Ihnen sein, mit der britischen Öffentlichkeit: Viele Familien, noch viel mehr Familien werden vorzeitig geliebte Menschen verlieren. Aber wie wir schon in den vergangenen Wochen gesagt haben: Wir haben einen klaren Plan, und den arbeiten wir jetzt ab."

Angst vor der "Ermüdung" der Bevölkerung

Warum wurde den Briten dann noch bis in die dritte Märzwoche hinein nur empfohlen statt verordnet, einander einfach nicht zu nahe zu kommen? Das Argument der Regierung lautete: "Fatigue", "Ermüdung". Die britische Regierung wollte demnach nicht zu früh drakonische Maßnahmen verhängen, die dann mutmaßlich ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Epidemie nicht mehr ausreichend befolgt würden. 

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Jeremy Hunt, Gesundheitsminister in der Vorgänger-Regierung, konnte das schon damals nicht nachvollziehen: "Ich glaube, die Menschen werden sich fragen, warum wir nicht schneller mit stärkerem Social Distancing anfangen, zum Beispiel externe Besuche in Pflegeheimen zu verbieten. Und das ist für mich das Verstörende an dieser Ankündigung: Ich würde gerne die Modelle sehen, die sagen, dass die Leute tatsächlich früh bei einer Maßnahme wie Social Distancing nicht mehr mitmachen, in so einer nationalen und internationalen Notsituation."

Der ursprüngliche Ansatz der britischen Regierung war, Ältere und Vorerkrankte durch "Cocooning", also Abschottung, zu schützen. Umstritten ist inzwischen, ob die Regierung tatsächlich wollte, dass sich der Rest der Bevölkerung "kontrolliert" anstecken sollte, um dadurch eine so genannte "Herdenimmunität" zu entwickeln. Gesundheitsminister Matt Hancock bestritt dieses Vorgehen Mitte März.

Von der Herdenimmunität-Theorie zur Lockdown-Praxis

Gleichzeitig jedoch brachte Patrick Vallance, der ärztliche Berater, die Idee der Herdenimmunität als Schlüsselmaßnahme ins Gespräch: "Wir glauben, dass es wahrscheinlich ist, dass dieses Virus jedes Jahr wiederkommt, saisonal, und wir werden dagegen immun werden. Und das wird ein wichtiger Teil sein, um das Virus längerfristig in den Griff zu bekommen. 60 Prozent der Bevölkerung müssen die Krankheit gehabt haben, um Herdenimmunität zu erreichen."

Covid-19-Glossar: Herdenimmunität 
Begriff, der vor der Corona-Krise etwa auch immer wieder in der Debatte um verpflichtende Impfungen gegen Masern verwendet wurde. Wenn eine bestimmte Zahl von Menschen gegen einen Erreger immun ist, kann sich dieser nicht weiter ausbreiten. Das schützt auch die Personen, die nicht immun sind – weil sie eine Krankheit noch nicht hatten oder sich zum Beispiel nicht impfen lassen dürfen.

Die Zeitung "The Guardian" hingegen behauptet, es habe durchaus auch in den Planungsunterlagen der Regierung ein solches Szenario gegeben.

Auch Weltärzte-Präsident Frank Ulrich Montgomery geht davon aus: "In England hat man falscherweise geglaubt, man könnte durch eine schnelle Erreichung von Herdenimmunität sozusagen Spitzenreiter in der Immunitätslage werden. Man hat dabei vollkommen vergessen, dass das zum Tod vieler Menschen führt, nämlich der Ungeschützten, der Schwachen, der Verletzlichen, hier hat man schlicht nicht weit gedacht und hat utilitaristisch-ethische Prinzipien mit medizinisch-epidemiologisch-virologischen Kenntnissen nicht ausreichend abgeglichen."

Frank Ulrich Montgomery, Ex-Präsident der Bundesärztekammer (BAEK), gestikuliert bei einem Interview in Berlin. (imago / Thomas Trutschel)Frank Ulrich Montgomery, Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes, wirft der britischen Regierung "politisch sträfliches Versagen" vor (imago / Thomas Trutschel)

Erst am 16. März brachte eine neue Studie des Imperial College London die erfahrenen wissenschaftlichen Berater der britischen Regierung zum Einlenken. In ihr wurden modellhaft Szenarien vorgerechnet, wonach ohne stringente Unterbindung weiterer Ansteckungen die Zahl der Toten im Königreich in die Hunderttausende steigen würde.

Darauf schwenkte die Regierung auf Social Distancing und Selbstisolierung um und damit darauf, dass öffentlichen Leben nach und nach still zu legen.

Zunächst forderte Boris Johnson die Briten auf, freiwillig nicht mehr ins Pub oder Theater zu gehen. Als das nicht ausreichte, wurde am 23. März der so genannte "Lockdown" verhängt: "Ich beschwöre Sie in dieser nationalen Stunde der Not. Bleiben Sie zu Hause! Beschützen Sie unseren NHS! Retten Sie Menschenleben!"

Die Regierung ordnete jetzt die Schließung von Pubs, Restaurants und allen Geschäften außer Apotheken und Supermärkten an. Am gleichen Tag schlossen die Schulen.

Konservative Regierung und das marode Gesundheitssystem

War das zu wenig und zu spät? Too little, too late? Richard Horton, der Herausgeber des renommierten Wissenschaftsmagazins "The Lancet", glaubt, die wissenschaftlichen Beratungsgremien in England hätten Covid-19 lange Zeit für vergleichbar mit einem jährlichen Influenza-Ausbruch gehalten.

Eine fatale Einschätzung, sagt Frank Ulrich Montgomery: "Dies kann auch darauf zurückzuführen sein, dass politische Berater aus der Epidemiologie-Szene, aus der Virologen-Szene, die britische Regierung unter einem anderen philosophisch-ethischen Ansatz, als wir ihn in Deutschland pflegen, falsch beraten haben. In England gibt es sehr starke Strömungen einer utilitaristischen Ethik, die davon ausgeht, dass alles, was möglichst schnell möglichst vielen nutzt, Ziel der staatlichen Maßnahmen sein sollte. Im Gegensatz dazu haben wir in Deutschland eine deontologische Ethik, bei der vor allem der Schutz des Einzelnen ganz im Vordergrund steht."

Voll verantwortlich war und ist die britische Regierung jedoch für den Zustand des Gesundheitssystems im Land.

Abonnieren Sie unseren Coronavirus-Newsletter (Deutschlandradio)Abonnieren Sie unseren Coronavirus-Newsletter (Deutschlandradio)

Jeremy Hunt, Gesundheitsminister der Vorgänger-Regierung, versuchte das zwar kürzlich klein zu reden. Aber auch er erkannte an, dass er es nicht geschafft hat, das unterfinanzierte Gesundheitssystem besser auszustatten: "Ich habe für mehr Geld im NHS gekämpft, ich wollte mehr Ärzte und mehr Pfleger. Aber ich denke, sogar die bestausgestatteten Gesundheitssysteme in Europa, zum Beispiel die Lombardei in Norditalien, das ist ein reicher Teil Europas und sie hat eines der besseren Gesundheitssysteme in Europa, sie haben wirklich zu kämpfen. Das Ausmaß dieser Krise ist einfach groß."

Hunt verschweigt allerdings, dass der NHS schon unter normalen Bedingungen mit Engpässen zu kämpfen hat, zum Beispiel langen Wartezeiten bei Krebs-Therapien.

NHS - chronisch unterfinanziert und überbelastet

Der NHS, das nationale Gesundheitssystem, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Er wird, anders als in Deutschland, nicht aus Krankenkassenbeiträgen, sondern aus Steuergeldern bezahlt – und ist chronisch unterfinanziert.

"Die Aufstellung des NHS zu Beginn der Krise war ausgesprochen schlecht. Es gab zu wenig Krankenhausbetten, insbesondere die Zahl der Intensivbetten ist massiv heruntergefahren worden. Die seit zehn Jahren andauernden und von den Vorgängerregierungen Boris Johnsons bereits zu verantwortenden Sparmaßnahmen im NHS haben eine wirklich gefährliche Auswirkung gehabt."

July 4, 2017 - Weston-Super-Mare, North Somerset, UK - Weston-super-Mare, North Somerset, UK. A protest against the overnight closure of Weston General Hospital Accident and Emergency department is held before the Weston Area Health NHS Trust  Board meeting at Weston General Hospital which is to agree the temporary overnight closure of the Accident & Emergency department because of staffing levels, with no projected date given for a return to 24hr service. It was announced last month the A&E unit would be closing between 10pm and 8am from Tuesday 04 July, after a Care Quality Commission inspection raised concerns over the long-term sustainability of staffing levels. The decision has been made on patient safety grounds because the trust cannot provide enough specialist hospital doctors to safely staff the A&E department overnight. Patients arriving by ambulance will instead be taken to either the BRI or Southmead in Bristol, or Taunton’s Musgrove Park hospitals, and anyone who would otherwise turn up to the A&E department themselves is being urged to either try to get to Bristol or ring the NHS helpline on 111. Unison, the trade union representing health workers, said it was vital the NHS bosses running Weston’s hospital had a plan in place to reinstate the 24 hour service as soon as possible, so the temporary closure didn’t become permanent. Unison says the closure comes from a staffing shortage that is the direct result of the government running down the NHS, and that on the week of the NHS' 69th birthday, they value this national treasure and the staff who keep it going more than ever. A hospital spokesman said they had no choice to close the unit after the CQC report rated the A&E department ‘inadequate’, and that A&E has been fragile for several years as a result of ongoing challenges around medical recruitment and a national shortage of A&E doctors which has made this position worse. They have become heavily reliant on locum and agency workers and ... (London News Pictures via ZUMA) (London News Pictures via ZUMA)Gesundheitsdienst NHS: Der englische Patient 
In Großbritannien wächst die Sorge: Das Coronavirus droht den ohnehin schon überlasteten NHS in die Knie zu zwingen. Viele Ärzte und Pfleger arbeiten schon jetzt am Limit.

Die Regierung unter Boris Johnson wollte schon vor der Corona-Krise mehr Geld in den NHS pumpen, so war es im neuen Budget vorgesehen. Aber auf die akute Notlage – zu wenig Intensivbetten – reagierte sie erst in allerletzter Minute.

Lisa Anderson, Kardiologin im St. George’s Hospital in London, berichtete schon am 22. März gegenüber der BBC: "Sie spüren auch diese gespenstische Ruhe vor dem Sturm. Im St. George's Krankenhaus sind schon vier Stationen mit Covid-Patienten belegt, und eine Station nur mit sterbenden Covid-Patienten, als Palliativstation. Die Intensivstation ist schon fast voll."

In ihrer Not mietete die Regierung fast alle Kapazitäten privater Krankenhäuser an. Die BBC-Nachrichten verkündeten die extrem ungewöhnliche Maßnahme: "Der NHS hat zum ersten Mal einen Vertrag mit privaten Krankenhäusern überall in England abgeschlossen, um deren Kapazitäten nahezu vollständig nutzen zu dürfen, um im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie zu helfen."

Fehlende Beatmungsgeräte und Schutzkleidung

Das nächste Problem war der sich abzeichnende Mangel an Beatmungsgeräten. Gesundheitsminister Matt Hancock appellierte in größter Not im März an Unternehmen wie Airbus und den Staubsaugerhersteller Dyson, ihre Industrieproduktion auf Beatmungsgeräte umzurüsten.

"Die Beatmungsgeräte sind der Knackpunkt. Sie sind nicht so kompliziert, dass die Massenfertigungsbetriebe dieses Landes ihre Produktionslinien nicht darauf umstellen könnten. Jeder, der kann, sollte seine Produktion und seine Ingenieure jetzt zur Fertigung von Beatmungsgeräten abstellen."

Firmen wie Airbus und der Autohersteller Vauxhall drucken inzwischen mit 3D-Druckern Teile für Beatmungsgeräte, Dyson hat ein eigenes Gerät entwickelt.

Ein Patient liegt während seines Aufenthalt im Krankenhaus Großhadern in einem Intensivzimmer an einem Beatmungsgerät und einem Dialysegerät.   (dpa / Peter Kneffel)Knappe Ressource in Großbritannien: Intensivbett mit Beatmungsgerät (dpa / Peter Kneffel)

Ein derzeit noch größeres Problem als die Beatmungsgeräte bildet die teilweise fehlende Schutzkleidung für das medizinische und pflegerische Personal. Während manche Krankenhäuser offenkundig rechtzeitig Schutzmasken und Kleidung besorgt hatten, reißen bis heute die Klagen aus anderen Krankenhäusern und Pflegeheimen nicht ab. Für Rinesh Parmar, Anästhesist und Vorsitzender der britischen Ärztevereinigung "Doctors‘ Association UK", ist das absolut inakzeptabel.

"Ärzte haben uns gesagt, dass sie sich wie Lämmer fühlen, die zur Schlachtbank geführt werden, wie Kanonenfutter. Hausärzte sagen uns, dass sie sich im Stich gelassen fühlen. Wir können nicht genug betonen, dass wir die Leute an der Front schützen müssen. Sie flehen alle darum, dass Boris Johnson sich darum kümmert, die lebenswichtigen Schutzausrüstungen zu besorgen, die wir alle in der vordersten Kampfzone des Gesundheitssystems benötigen."

Ein Mann läuft vor dem Londoner Krankenhaus St Thomas entlang  (Imago/ Zuma Press) (Imago/ Zuma Press)Britisches Gesundheitssystem kurz vor dem Zusammenbruch 
Zu wenige Betten, ausgedünntes Personal, Ärzte fühlen sich "wie Lämmer auf dem Weg zur Schlachtbank" – die Lage in britischen Krankenhäusern angesichts der Corona-Pandemie ist katastrophal.

Nach Angaben des NHS waren allein bis Ostern mehr als 20 Ärzte und Krankenpfleger an Covid-19 gestorben, auch jüngere und zuvor gesunde Mediziner. Matt Hancock, der Gesundheitsminister, beteuerte dagegen Woche um Woche, dass es genügend Schutzkleidung gebe.

Pflegekräfte klagen über mangelnde Schutzmaßnahmen

Alles hat die britische Regierung womöglich nicht getan, um dringend benötigtes Material zu beschaffen. In Brüssel, heißt es, nahm sie an drei Krisensitzungen der EU nicht teil und verzichtete damit darauf, zentral über die EU Schutzkleidung zu bestellen. Ein ähnliches Versäumnis bei der Beschaffung von Beatmungsgeräten durch die EU erklärte London mit "Kommunikationsproblemen".

Vor Ort kommen viele Masken und Handschuhe offenbar nicht überall an. Lisa Anderson, die Kardiologin im St. George’s Hospital in London, behauptet in der BBC, stattdessen seien die Vorschriften für Schutzkleidung in England gelockert worden und seien nicht mehr so sicher wie früher.

"Sie sind es absolut nicht. Die gegenwärtigen Richtlinien von "Public Health England" weichen von den WHO-Empfehlungen ab. Und solange das so ist, sind besonders Ärzte und Krankenschwestern im Vereinigten Königreich nicht geschützt."

Auch Pflegekräfte klagen über mangelnde Schutzmaßnahmen. Eine beträchtliche Zahl mobiler Pflegekräfte weigert sich inzwischen offenbar, zum Schutz der eigenen Gesundheit, Häuser älterer pflegebedürftiger Menschen zu betreten. Sie verfügten nicht über ausreichende Schutzkleidung. Es fehlt überall offenbar auch an Tests, ein in den britischen Medien vehement beklagtes Manko.

Die einigende Kraft des NHS

Die Wertschätzung für den NHS ist das einigende Band der Corona-Krise. Er ist steuerfinanziert, für die Patienten kostenlos und gilt geradezu als eine sozialistische Institution im stark marktwirtschaftlich ausgerichteten Großbritannien.

"Thank you NHS" steht auf einem bemalten Zettel am 15. April 2020 an einem Fenster in der Downing Street in London.  (dpa / picture alliance / Aaron Chown)"Thank you NHS" - ein Bürger dankt den Pflegekräften des nationalen britischen Gesundheitssystems für die Arbeit während der Coronakrise (dpa / picture alliance / Aaron Chown)

Das Coronavirus hat den Spaltpilz der britischen Gesellschaft, den Brexit, völlig verdrängt. So traurig der Anlass ist, so sehr scheinen sich viele Briten danach zu sehnen, in dieser Krise einen gemeinsamen Nenner zu finden, den NHS. Ein Solidaritätsprojekt, das die vom Brexit so tief gespaltene und verwundete Nation möglicherweise geradezu heilen könnte. Die einigende Kraft, auch Verklärung dieser von allen bewunderten Institution bleibt auch Boris Johnson nicht verborgen.

Am Tag seiner Entlassung aus dem Krankenhaus dankt er hymnisch dem NHS und stellvertretend zwei Krankenschwestern, die ihn betreuten: Jenny aus Neuseeland und Luis aus Portugal: "Der NHS hat mein Leben gerettet. Es hätte so oder so ausgehen können." Soll heißen: Der Premierminister hätte auch sterben können.

Was Boris Johnson über den Ausgang seines persönlichen Corona-Leidenswegs gesagt hat, gilt auch für sein Land. Die Lage sieht schlimm aus, womöglich schlimmer als in Italien. Doch gut möglich ist auch, dass der NHS als einigendes Band, mitgetragen auch von vielen Migranten auch aus der EU, am Ende der große Gewinner der Krise sein wird – zum langfristigen gesundheitlichen Nutzen vieler Briten.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk