Donnerstag, 08. Dezember 2022

Kommentar zu Großbritannien
Wirtschaftliche Rosskur auf tönernen Füßen

Großbritannien stecke schon jetzt in einer Rezession und die Regierung sei zu einer ehrlichen Analyse der Gründe nicht in der Lage, kommentiert Christine Heuer. Aber wer Fehler nicht erkenne und einräume, verbaue sich die Chance, sie zu heilen.

Ein Kommentar von Christine Heuer | 17.11.2022

Banknoten von britischem Pfund und Dollar
Die britische Währung hat an Wert verloren und die Wirtschaft steckt in einer Rezession. Harte Maßnahmen sollen helfen (picture alliance / ZUMAPRESS.com / Steve Taylor)
Steuern rauf, Ausgaben runter: Die Regierung nimmt die Briten gleich von zwei Seiten in die Zange. Alle werden den Gürtel enger schnallen müssen, die Armen im Land so fest, dass viele kaum mehr Luft zum Atmen haben dürften.

Premier Richi Sunak spart die Reichen nicht aus bei der Kur

Immerhin: Rishi Sunak und sein Schatzkanzler Jeremy Hunt nehmen die Reichen nicht aus von der Rosskur, die sie dem Land verordnen. Ihr Haushaltsplan ist fairer, weniger kaltschnäuzig und vor allem vernünftiger als das furios gescheiterte Budget von Liz Truss im September. Und wenn die Rosskur wirkt – wenn die Inflation auf ein Normalmaß zurückgestutzt wird, die Wirtschaft gesundet, die Märkte wieder Vertrauen schöpfen – dann kann sich die Mühsal am Ende gelohnt haben.
Trotzdem steht auch Sunaks Therapie fürs Königreich auf tönernen Füßen. Denn in einem bleiben sich die wechselnden Tories in Downing Street treu: Sie verweigern eine sorgfältige Anamnese und damit eine genaue Diagnose der Krankheit, die Britanniens Wirtschaft befallen hat. Und das ist keine gute Grundlage für den Heilerfolg.

Fast drei Billionen Euro Schulden, Inflation bei elf Prozent

Das Königreich, hat der Finanzminister heute eingeräumt, ist bereits in der Rezession. Die Notenbank befürchtet, dass sie sich über Jahre hinziehen wird. Die Inflation liegt bei elf Prozent, Tendenz steigend. Das Land hat fast drei Billionen Euro Schulden angehäuft. – Und egal, wen man nach den Gründen fragt: Boris Johnson, Liz Truss, Rishi Sunak oder jeden anderen Tory: Sie alle antworten mit dem immer gleichen Mantra: Schuld sind die Pandemie und Russland. Internationale Probleme, unter denen alle gleich leiden.

Wirtschaft noch nicht von Corona erholt

Das aber ist glatt gelogen. Sei es um sich selbst oder nur die anderen zu täuschen. Großbritannien ist der einzige G7-Staat, dessen Wirtschaft sich noch nicht von Corona erholt hat. Und ein wichtiger Grund dafür ist der Brexit, das böse B-Wort, das Politiker (vor allem, aber nicht nur bei den Tories) so ungern in den Mund nehmen. Schon vor der Pandemie war Großbritannien ein Sorgenkind. Produktivität und Gehälter stagnieren seit Jahren, es gibt zu wenig Investition und Innovation. Die soziale Schere zwischen Arm und Reich, auch zwischen den Regionen, geht immer weiter auf. In so einer Situation den größten Binnenmarkt der Welt zu verlassen und sich abzuschotten gegen die direkten Nachbarn, kann man wahnsinnig finden oder wagemutig.
Aber wer Fehler nicht erkennt und einräumt, verbaut sich eindeutig die Chance, sie zu heilen. Es muss ja nicht gleich der Exit vom Brexit sein, auch kleinere Änderungen könnten etwas bewirken. Hier ist noch viel Luft nach oben, auch in der neuen Regierung von Rishi Sunak.  
Porträt: Christine Heuer
Christine Heuer, geboren 1967 in Bonn, studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Anglistik. Sie war für den Deutschlandfunk freie Korrespondenten im Bonner und Berliner Hauptstadtstudio, Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen und in der Kölner Chefredaktion Chefin vom Dienst. Heuer war zuletzt Redakteurin in der Abteilung Aktuelles und moderierte viele Jahre lang die Sendung "Informationen am Morgen" im Deutschlandfunk. Seit 2020 berichtet sie als Korrespondentin aus Großbritannien und Irland.