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StartseiteInterviewGrosse-Brockhoff: Müssen Sicherung von Archivalien überdenken05.03.2009

Grosse-Brockhoff: Müssen Sicherung von Archivalien überdenken

Kulturstaatssekretär in NRW zum Verlust historischer Dokumente im Kölner Stadtarchiv

Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, Kulturstaatssekretär in Nordrhein-Westfalen, sorgt sich hauptsächlich um die Menschen, die noch unter den Trümmern des eingestürzten Kölner Stadtarchivs vermutet werden. Über die Sicherheit bei der Archivierung historischer Dokumente angesichts dieses katastrophalen Falles müsse nachgedacht werden, ergänzte Grosse-Brockhoff.

Hans-Heinrich Große-Brockhoff im Gespräch mit Bettina Klein

Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma (Mitte) besichtigt  die zerstörten Gebäude rund um das eingestürzte Historische Stadtarchiv. (AP)
Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma (Mitte) besichtigt die zerstörten Gebäude rund um das eingestürzte Historische Stadtarchiv. (AP)
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Bettina Klein: Wir bleiben hier im Deutschlandfunk noch beim Thema Kultur, und zwar aus einem wirklich traurigen Anlass, und wenden uns noch einmal dem historischen Archiv in Köln zu. Im Augenblick werden die Nachbargebäude abgerissen.
Wir sind jetzt am Telefon verbunden mit dem Kulturstaatssekretär des Landes Nordrhein-Westfalen, Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff. Schönen guten Morgen!

Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff: Guten Morgen, Frau Klein.

Klein: Wie stark blutet Ihnen das Herz, angesichts dieser offenkundigen Verluste?

Grosse-Brockhoff: Zunächst einmal blutet einem das Herz über die Tatsache, dass noch immer zwei Menschen vermisst werden und wir kaum noch damit rechnen können, dass sie am Leben sind. Aber darüber hinaus ist in der Tat hier ein einzigartiges Kulturgut zumindest, ich will nicht sagen, verloren gegangen, aber stark gefährdet, und einiges wird verloren sein. Wir haben aber vielleicht Glück im Unglück – insofern, als unterirdisch doch die Unglücksstelle erreichbar ist und auch schon die ersten Kulturgüter dort gerettet werden konnten und eine große Aktion angelaufen ist nach einem Nothilfeplan für solche Fälle, den wir beim Land haben. Hier ist auch unser Landesarchiv, aber auch viele andere Archive im Lande behilflich.

Klein: Moment mal! Darf ich mal nachfragen? Wir hörten gerade, dass die Bergungsarbeiten eingestellt seien. Sie sprechen jetzt von einer Notaktion, die bereits angelaufen ist. Was passiert denn dort?

Grosse-Brockhoff: Die ist gestern angelaufen, aber dann zwischenzeitlich eingestellt worden. Aber man hat gestern auch schon eine Menge, wenn es auch nur ein Bruchteil ist, bergen können, musste dann aber eben wegen der Trümmerbeseitigung gestoppt werden, weil natürlich die Rettung von Menschen und die Suche nach Menschen vorgeht.

Klein: Absolut und die wird jetzt in den beiden Nebengebäuden vorgenommen. – Noch mal meine Frage: Wie müssen wir uns das vorstellen? Wie werden diese Urkunden und Dokumente dort geborgen, aus Trümmerbergen, aus Wasser heraus?

Grosse-Brockhoff: Ja. Das Wasser ist wahrscheinlich unser größter Feind. Im Moment ist für uns die große Frage, welche Wirkung hat es, wenn Trümmer auf Papierberge stürzen. Wie reagiert das Papier darauf? Wir wissen, dass Feuchtigkeit von unten oder eben auch von oben ein großes Problem sind. So weit die Archivalien geborgen werden können und nass sind, sind sie am besten sofort schockzugefrieren. Dazu stehen in Köln dankenswerterweise viele Kühlhäuser zur Verfügung. Und im Übrigen, so weit sie trocken geblieben sind, müssen die Überreste geborgen und in andere Archive transportiert werden. Hier haben sich auch viele Archive, auch unser Landesarchiv in Düsseldorf und mit dem technischen Zentrum in Münster, bereit erklärt, so dass hier auch viele Regalkilometer bereit stehen. Und dann wird man sehen müssen, wie man restauriert.

Klein: Herr Große-Brockhoff, Sie haben Hoffnung ausgedrückt, dass man manches wird retten können, vieles vielleicht wird retten können. Das sind aber Hoffnungen von Ihnen. Einen Überblick haben Sie einfach noch nicht?

Grosse-Brockhoff: Nein, haben wir alle nicht, weil eben, wie gesagt, die Rettung von Menschen auch vorgeht.

Klein: In diesem Archiv, in diesem historischen Stadtarchiv lagerten eben nicht nur Dokumente der Stadt Köln. Wie groß wird der Schaden sein für die Kulturgeschichte, für die deutsche Geistesgeschichte, wenn Dokumente wie etwa Handschriften Heinrich Bölls oder Klare Schumanns unwiederbringlich verloren sind?

Grosse-Brockhoff: Unermesslich, denn es geht noch weiter zurück und dieses Archiv war – ausgerechnet eben dieses Archiv – das wichtigste und bedeutendste Archiv nördlich der Alpen. Das haben wir immer gewusst. Deswegen war es auch immer besonders vorbildlich in seiner Art der Unterbringung. Es sollte ja übrigens ironischerweise auch künftig neu gebaut werden an anderer Stelle, um wieder in modernster Form das sicherste oder eines der sichersten Archive zu werden. Aber wenn der Untergrund nicht stimmt, nutzt einem natürlich die übrige Sicherheit nichts.

Klein: Das heißt, es war fahrlässig auch aus Ihrer Sicht, dass so wertvolle unwiederbringliche Objekte in einem Haus belassen wurden über einer U-Bahn-Baustelle?

Grosse-Brockhoff: Ich möchte jetzt keine Schuldzuweisungen aussprechen. Ich glaube, das wird uns in Zukunft noch zur Genüge beschäftigen. Aber ich glaube, wir müssen auch in Zukunft darüber nachdenken, wie wir mit der Sicherung von Archivalien generell umgehen, dass zum Beispiel bestimmte Archivalien, besondere Urkunden, in Panzerschränke gehören. Darüber muss man, glaube ich, künftig nachdenken.

Klein: Warum ist darüber bisher nicht nachgedacht worden in Köln?

Grosse-Brockhoff: Weil es offensichtlich bisher sehr gute Feuersicherung gab. Das ist generell ein Problem in Archiven. Ich denke, ein solcher katastrophaler Fall, wie es ihn bisher nicht gegeben hat, muss uns alle nachdenklich machen.

Klein: Nachdenklich machen und auch politische Konsequenzen nach sich ziehen, wenn sich herausstellt, wer dafür Verantwortung trägt?

Grosse-Brockhoff: Gut! Wenn die Verantwortung klar geklärt ist, werden auch hier natürlich Konsequenzen zu ziehen sein. Aber wichtig ist, glaube ich, dass wir auch Konsequenzen für die Zukunft daraus ziehen. Wissen Sie, wir sind zwar alle dabei, zurzeit zu beginnen, unsere Bestände zu digitalisieren, aber was nutzt uns ein digitalisiertes Archiv, wenn wir nicht mehr die Original-Papsturkunde oder Kaiserurkunde oder Handschriften anderer Art vor uns haben, bis eben zum Bestand Heinrich Bölls. Ich glaube schon, es muss uns auch um die Originale und ihre Sicherung gehen, denn das ist unsere Geschichte, das ist unser Gedächtnis.

Klein: Ja und die sind nun möglicherweise leider verloren gegangen.

Grosse-Brockhoff: Vielleicht haben wir Glück!

Klein: Das war Hans-Heinrich Große-Brockhoff, der Kulturstaatssekretär des Landes Nordrhein-Westfalen. Haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch.

Grosse-Brockhoff: Ich danke Ihnen.

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