Mittwoch, 20.10.2021
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteComputer und KommunikationGroße Brüder sehen alles02.04.2011

Große Brüder sehen alles

In Bielefeld wurden die elften Big-Brother-Awards verliehen

Datenschutz.- Zum ersten Mal wurden die Big-Brother-Awards nicht im Herbst verliehen, sondern am 1. April. Allerdings ist jener Negativpreis für Firmen und Behörden, die den Datenschutz missachten, alles andere als ein Aprilscherz.

Von Wolfgang Noelke

Mit dem Big-Brother-Award will FoeBuD ein Zeichen gegen zu viel Überwachung setzen.  (Stock.XCHNG / drouu)
Mit dem Big-Brother-Award will FoeBuD ein Zeichen gegen zu viel Überwachung setzen. (Stock.XCHNG / drouu)

Zu den Rubriken "Arbeitswelt", "Behörden und Verwaltung", "Technik", "Verbraucher", "Kommunikation" und "Politik" gesellt sich in diesem Jahr "Neusprech". "Neusprech" befasst sich mit Datenschutz-Unwörtern und in dieser Rubrik gab es gestern einen Big-Brother-Award für den Begriff "Mindestspeicherdauer". Hinter diesem sachlich klingenden Wort verstecke sich nichts anderes, als der ebenfalls schönfärberische Begriff "Vorratsdatenspeicherung", mit dem in Wirklichkeit Totalüberwachung gemeint sei, so der Sprachwissenschaftler Martin Haase.

Mit sachlich klingenden Worterfindungen drückten diejenigen, die solche Wörter benutzen, ihre Verachtung aus gegenüber demokratischen Idealen.

In der Kategorie "Arbeitswelt" gab es zwei Hauptpreise: Stellvertretend für mehrere deutsche Unternehmen bekommt die Stuttgarter Daimler AG einen Big-Brother für die Blutproben, die sie beim Einstellungsgespräch von ihren Arbeitnehmern verlange. Auch der Deutsche Zoll wird ausgezeichnet, weil er von deutschen Handelspartnern verlange, sich einem russischen Gesetz zu unterwerfen, um Arbeitnehmerdaten mit russischen Antiterror-Listen abzugleichen. Arbeitsrechtler Dr. Peter Wedde:

"Weiterhin legt das Gesetz fest, dass Beschäftigte, die auf russischen Anti-Terror Listen auftauchen von den Arbeitgebern, die Geschäftspartner sind, entlassen werden müssen! Zahlungen an die Beschäftigten werden als Unterstützung von Terroristen gegen den russischen Staat bewertet. Und der weitere Punkt ist, um die Einhaltung dieser Listen zu kontrollieren, die zertifizierten Unternehmen bereit sein müssen, Zugriff der russischen Stellen auf die deutschen Stellen durchführen zu lassen. Als Folge hat beispielsweise Gazprom angekündigt, dass deutsche Energieversorger nur noch dann preisgünstiges Gas erhalten, wenn sie diesen Abgleich und die Zertifizierung zeitnah durchführen. Findet der Datenabgleich mit den russischen Antiterrorlisten nicht statt, wird das Gas teurer."

Was dem Deutschen Zoll einen Big Brother-Award beschert, ebenso "facebook", dessen sogenannter "Freundefinder" alle auf Mobiltelefonen gespeicherte Daten seiner Mitglieder heimlich kopiere, so die Mitbegründerin des Vereins zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs (FoeBuD), Rena Tangens, und wohl auf direkten Wege auch in die Datenspeicher amerikanischer Geheimdienste leite, zu denen "facebook" engste Beziehungen pflege. iPhone-Kunden machen das nicht freiwillig. Sie würden von der Firma Apple dazu gezwungen, der Weiterleitung aller persönlichen Daten an die Werbewirtschaft zuzustimmen.

Der Niedersächsische Innenminister Schünemann bekam einen Big Brother für die erste drohnenüberwachte Demonstration, die Modemarke Peuterey, weil sie in ihren Kleidungsstücken RFID-Schnüffelchips verstecke, der Starnberger "Verlag für Wissen und Information" für die Weitergabe von Schüler- und Elterndaten an die Pharmaindustrie - und – die Nachfolger der Organisation des 1982 ersten deutschen Datenskandals, die für die Volkszählung zuständige Zensuskommission bekam einen Big-Brother. Deren Vorsitzender Professor Dr. Gert Wagner holte sich als einziger den Negativpreis in Bielefeld persönlich ab. Damalige Datenschutzmängel, verteidigt sich Wagner, seien bei der kommenden Volkszählung behoben:

"Ich nehme den Preis an, weil es ein Negativpreis ist. Das hat etwas Dialektisches. Nur wenn ich den Preis annehme, kann ich damit zum Ausdruck bringen, dass ich die Intention des Preises ablehne. Deswegen nehme ich ihn mit, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass der Falsche gewissermaßen ausgezeichnet wurde."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk