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StartseiteKalenderblattGroße Sprünge14.07.2010

Große Sprünge

Vor 100 Jahren starb der russische Choreograf Marius Petipa

Ohne das Oeuvre des französischen Tänzers und Choreografen Marius Petipa wäre das klassische russische Ballett undenkbar. In seinen über 50 Balletten ist es ihm gelungen, französische und italienische Traditionen mit russischen Elementen zu einer akademischen Form des Tanzes zu verbinden.

Von Wiebke Hüster

Erst Petipa verlieh der Schwanensee-Musik sein gefiedert-fantastisches Gesicht.  (Stock.XCHNG / Wendy Cain)
Erst Petipa verlieh der Schwanensee-Musik sein gefiedert-fantastisches Gesicht. (Stock.XCHNG / Wendy Cain)

Marius Petipa ist der Erfinder wundervoller Schritte zu dieser berühmten Musik: Nussknacker.

Und auch zu dieser Musik ließ sich der Ballettmeister unter fünf Zaren einen Wirbel an Pirouetten, kleinen battierten Sprüngen und graziösen Port de bras einfallen: Dornröschchen.

Vielleicht ist diese aber noch bekannter: zu ihr ließ Petipa Tänzerinnen als verzauberte gefiederte Naturwesen auftreten: Schwanensee.

Victor Marius Alphonse Petipa, Rufname Marius, geboren am 11. März 1818 in der Hafenstadt Marseille, ist auch in jener Welt, in der Marcel Proust oder Peter Tschaikowski geliebt werden, nicht unbedingt bekannt. Zu seinen Lebzeiten war das anders: Petipa wurde in Sankt Petersburg als Ballettmeister tief verehrt. Weltberühmt sind bis heute die Titel einiger seiner Ballette geblieben: "Nussknacker", "Dornröschen" und "Schwanensee". Petipa hätte, wie seine Biografen meinen, Grandpas heißen müssen, denn er habe wahrhaft große Schritte erfunden. Seine Werke sind das Synonym einer tanzferneren Gegenwart für klassisches Ballett.

Petipas größte Errungenschaft aber war nicht, dass er Märchenstoffe in Bewegung verwandeln konnte, Schwäne in Prinzessinnen, seine größte Leistung gelang ihm am Ende seiner fast sechs Jahrzehnte umspannenden Karriere in Russland.

Zu Tschaikowskys Musik choreografierte er ganze Passagen eigentlich sinfonischen Tanzes, ganze Variationen, bei denen der Fortgang der Handlung vergessen und der reine, gleichsam abstrakte Tanz das Interesse bildete. Der Ballettdirektor des Zarenhofes war sich dessen bewusst, er war, wie er Tschaikowski in St. Petersburg am 6. Mai 1889 schrieb:

"Glücklich und stolz, seine lange Karriere mit einem solchen Meister zu beenden."

Als man Marius Petipa 1896 in einem Zeitungsinterview fragte, womit der erfolgreiche Choreograf den Verfall des Balletts überall außerhalb Sankt Petersburgs erkläre, sagte er:

"Hauptsächlich damit, dass man dort allmählich von der echten seriösen Kunst abweicht und in den Tänzen zu irgendwelchen Zirkuskunststücken übergeht."

Die Stilsicherheit seines Denkens in Bewegung war Petipa in die Wiege gelegt worden. Der Vater Jean Antoine, Tänzer und Choreograf, erteilte ihm den ersten Unterricht und sein Bruder Lucien war in Paris ein berühmter danseur noble - wohl der bessere der beiden.

Gleichwohl war Marius Partner von Fanny Elssler etwa, neben Taglioni die berühmteste Ballerina seiner Zeit und später Assistent von Jules Perrot, dem Miterfinder von "Giselle". Petipa kam 1847 als Tänzer nach Sankt Petersburg und blieb, zunächst als Assistent, dann als Ballettmeister und Choreograf, als Schöpfer Dutzender großer spektakulärer Ballette, bis man den alten Mann 1903 unsanft in den Ruhestand schickte. Einsam und für altmodisch erklärt, starb er am 14. Juli 1910 auf der Krim. Doch spätere Generationen rehabilitierten ihn, so etwa der berühmte George Balanchine, Begründer des New York City Ballet:

"Was mich an den Energien dieses großen Meisters besonders interessiert, ist seine Verbindung von Eleganz und Professionalität. Jeder Choreograf eines Repertoire-Balletts muss ständig Neuigkeiten vorsehen. Nur wenige Ballettmeister sind jedoch in der Lage, kontinuierlich zu produzieren und einen hohen Einfallsreichtum zu bewahren ohne in Formelhaftes oder Monotonie zu verfallen oder ihre früheren Erfolge in einer verwässerten Form zu wiederholen."

Bis heute lernen Choreografen von Aufbau, Struktur und tänzerischen Details in Petipas Werken. So setzt sich die Ballettwelt und ihr Publikum bis heute immer wieder mit dem Choreografen auseinander, nach dem Motto der amerikanischen Tanzwissenschaftlerin Selma Jeanne Cohen, die ihr Petipa-Buch so nannte: "Next week, Swan Lake" – und nächste Woche, Schwanensee.

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