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StartseiteCorsoGroßer Dichter und harter Arbeiter21.05.2013

Großer Dichter und harter Arbeiter

Biografie "Über Bruce Springsteen" von David Remnick

Er ist der Held der Arbeiterklasse, der hart arbeitenden sogenannten kleinen Leute: Bruce Springsteen. Auch David Remnick, Chefredakteur des renommierten "New Yorker", zeichnet in seinem biografischen Essay dieses Bild.

Von Klaus Walter

Bruce Springsteen (dpa / picture alliance / Steve Pope)
Bruce Springsteen (dpa / picture alliance / Steve Pope)
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Rock in Trümmern

Müsste man das umfangreiche Repertoire des Bruce Springsteen auf einen einzigen Songtitel reduzieren, es wäre es dieser: "Working on a dream", arbeiten und träumen, das sind die beiden wichtigsten Wörter in Springsteens Liedern. Er glaubt von Berufs wegen an den amerikanischen Traum. Auf jeden Fall ist er überzeugt davon, dass der amerikanische Traum nur mit harter Arbeit verwirklicht werden kann. Springsteen ist ein "Ohne-Fleiß-kein-Preis-Rocker".

"Ein Auftritt ist wie sprinten und dabei drei, vier Minuten lang schreien. Und dann macht man's wieder. Und dann macht man's wieder. Und dann läuft man ein wenig rum und brüllt die ganze Zeit dabei. Und so weiter. Das Adrenalin lässt dich schnell über die Kondition hinausgehen."

So zitiert David Remnick den sportlichen Springsteen. Der spielt am liebsten im Stadion, drei Stunden, gerne auch mehr, ohne Pause:

"Und dabei tanzt er unablässig, schreit, beschwört, fuchtelt, tritt und rudert mit den Armen. Dann wieder Crowdsurfing, steigt aufs Schlagzeugpodest, hüpft auf einen Verstärker, springt von Roy Bittans Klavier. Diese Energie und ihre totale Ausbeutung wird von ihm erwartet. Das Publikum dankt es ihm mit gemeinschaftlicher Verehrung. Wie Pilger bei einer riesigen Freiluftmesse – vergleichbar mit Johannes Paul II. in Danzig."

Wer Bruce Springsteen schon mal in so einer Arena gesehen hat, der kann Remnick nur zustimmen: Ja, Springsteen ist der Johannes Paul des Stadionrock. Und Remnick ist seit 1998 Chefredakteur des renommierten "New Yorker"- Magazins. Für sein Buch zum Untergang der Sowjetunion hat er den Pulitzer-Preis bekommen. Außerdem hat er viel gepriesene Bücher über Muhammad Ali und Barack Obama geschrieben. Mit Petitessen gibt sich der Mann also nicht ab, mit Frauen anscheinend auch nicht. In Springsteen sieht Remnick eine Figur, die die amerikanische Nation repräsentiert und prägt – wie Ali, wie Obama. Im Wahlkampf 2008 setzt Springsteen sich ein für den ersten schwarzen Präsidenten der USA. Obama spreche:

"Für das Amerika, das ich mir in den letzten 35 Jahren in meiner Musik vorgestellt habe. Ein großzügiges Land mit Bürgern, die bereit sind, differenzierte und komplexe Probleme anzupacken. Ein Land, das sich für seine kollektive Bestimmung und das Potenzial seines versammelten Geistes interessiert.

Bei einem Konzert am Lincoln Memorial vor Obamas Amtseinführung sang Springsteen mit einem Gospelchor "The Rising" und mit Pete Seeger Woody Guthries "This Land is Your Land"."


"The Rising" ist Springsteens Antwort auf die Anschläge vom 11. September. Er spricht seinen Leuten Mut zu.

"Die alte Geschichte, Springsteen als der Dichter des sogenannten kleinen Mannes: Das ist ja so ein Klischee, dass er die Sorgen und Nöte der kleinen Leute vertont. Da erzählt man immer die Geschichte vom Taxifahrer, der ihm nach 9/11 zugerufen haben soll, "Hey Bruce, we need you". Aber für solche Leute ist Springsteen tatsächlich eine Identifikationsfigur. Den Taxifahrer-Hilferuf hat er ernst genommen, nach 9/11 ist Springsteen explizit politischer geworden."

So Torsten Groß, Chefredakteur der Musikzeitschrift SPEX. In seinem Essay porträtiert David Remnick Springsteen als amerikanischen Nationaldichter auf den Spuren von John Steinbeck und Woody Guthrie, den großen Chronisten der Arbeitskämpfe des 20.Jahrhunderts.

Bruce Springsteen: Factory
Early in the morning factory whistle blows
Man rises from bed and puts on his clothes
Man takes his lunch walks out in the morning light,
It's the working, the working, just the working life.


Springsteen besingt das Arbeitsleben aus den Zeiten des Fordismus, Autofabriken, Vollbeschäftigung, Leben am Fließband. "The Boss", so nennen seine Fans ihr Idol Bruce Springsteen in einer sehr speziellen Mischung aus Ehrfurcht und Kumpelhaftigkeit. Seit über 40 Jahren singt der Boss von den großen Träumen der kleinen Leute im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Darüber ist er reich und berühmt geworden, aber für seine Fans ist er irgendwie immer noch einer der ihren. Wie schafft es der Boss, die Kluft zu seinen Untergebenen zu überwinden?

Schreibe nie etwas, das nichts mit dir zu tun hat. Sei solidarisch mit deiner Figur. Zeige Respekt gegenüber ihren Erfahrungen. Wenn du nach diesen drei Geboten handelst, dann wird der Song real, dann packt er die Leute am Kragen. Solidarität und Respekt.

Springsteen beschwört die alten Werte aus einer Zeit, als der Rhythmus der Fabriksirenen das Leben der sogenannten kleinen Leute bestimmt hat. David Remnick nähert sich Bruce Springsteen eher anekdotisch als analytisch. Aus kleinen Beobachtungen und Momentaufnahmen entsteht das Bild eines Mannes aus einem Amerika, das allmählich verschwindet. Ein Mann, der sein Leben lang hart gearbeitet hat für seinen amerikanischen Traum. Den "runaway american dream", den er in einem seiner berühmtesten Songs beschwört.

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