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StartseiteInformationen am MorgenNadelstiche gegen ein vernachlässigtes Problem14.01.2019

Großrazzia gegen ClankriminalitätNadelstiche gegen ein vernachlässigtes Problem

In Nordrhein-Westfalen hat die Polizei an diesem Wochenende ihre Stärke demonstrieren wollen, im Kampf gegen die Clankriminalität: Bei einer nächtlichen Razzia im Ruhrgebiet kontrollierten über 1.300 Polizisten Sisha-Bars, Wettbüros und Teestuben.

Von Moritz Küpper

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Bochum: Polizisten sichern während einer Razzia von Zoll und Polizei eine Shisha-Bar. Gleichzeitig wurden in mehren NRW-Städten mehrer Shisha-Bars durchsucht.  (dpa / Bernd Thissen)
Die Polizei kontrollierte bei Razzien in mehreren Städten in NRW unter anderem Shisha-Bars (dpa / Bernd Thissen)
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Um kurz vor halb zwei am Sonntagmorgen, ist dann auf einmal Schluss. Dutzendweise stürmen behelmte Polizisten an Türstehern vorbei, Gitter werden weggeschoben, der Platz hinter der Kasse sowie der Bar besetzt, das DJ-Pult geräumt. Musik aus, Licht an, in einer Diskothek in der Essener Innenstadt - und das, sehr zum Unmut der Feiernden.

An einem der Tische, direkt vor einer Bar, sitzt eine junge Frau: "Wir waren vorher eine Wasserpfeife rauchen, da war schon eine Razzia und jetzt hier. Ich habe in meinem Leben noch nie eine Razzia miterlebt und jetzt direkt zwei auf einmal", sagt sie.

Klar machen, dass die Polizei Herr der Lage ist

Vor ihr steht noch ein großer, silberner Bottich, in dem Flaschen mit hochprozentigen Getränken schwimmen, hinter ihr hat sich eine Gruppe Journalisten um Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul, CDU, gescharrt. Der gibt Interviews. Und der Eindruck der jungen Frau, er würde Reul gefallen. Denn: An diesem Wochenende wollte die Polizei im Ruhrgebiet einmal überall sein. Klar machen, so formuliert es Reul: "Dass der Staat, und zwar alle staatlichen Organe, die ja hier gemeinsam sind, dass die nicht zulassen, dass hier das Recht der Straße bestimmt, was gemacht wird."

Polizisten führen in einer Diskothek in Essen eine Razzia durch.  (Deutschlandradio / Moritz Küpper)Während des Tanzbetrieb: Behelmte Polizisten kontrollieren eine Diskothek in Essen (Deutschlandradio / Moritz Küpper)

Zusammen mit dem Zoll, Gewerbe- und Ordnungsämtern sowie der Steuerfahndung kontrollierten über 1.300 Polizisten in Städten wie Essen, Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen und Recklinghausen, mehr als hundert Objekte wie Wettbüros, Shisha-Bars, Spielhallen, Diskotheken und andere Lokale.

Nadelstiche setzen gegen ein vernachlässigtes Problem

Das Ziel: Mitglieder von Großfamilien, sogenannte Clans, die Grenzen aufzeigen, deutlich machen, dass nicht deren Regeln, sondern die des Staates gelten. Nadelstiche setzen, so heißt es in dieser Nacht immer wieder, gegen ein Problem, dass man zu lange geduldet habe.

Innenminister Herbert Reul: "Es ist wie bei jedem Menschen auch. Wenn sie immer wieder bei einem Verhalten, was sie nicht richtig machen, wenn sie es ewig machen können, sie werden nicht erwischt, dann machen sie weiter und entwickeln fröhlich weiter."

Insgesamt 1.500 Menschen wurden kontrolliert, 14 Menschen festgenommen, mehr als 100 Strafanzeigen gestellt, dazu hunderte Verwarngelder verhängt. In Bochum beispielsweise wurde eine Nebenstraße des berühmten Bermuda-Dreiecks kontrolliert, in der innerhalb von anderthalb Jahren eine Shisha-Bar nach der anderen eröffnet wurde.

Polizisten kontrollieren eine Shisha Bar in Bochum. (Deutschlandradio / Moritz Küpper)Auch die Shisha Bars standen im besonderen Augenmerk der Behörden. (Deutschlandradio / Moritz Küpper)

"Das Bermuda-Dreiecks ist nicht mehr das, was es mal war"

"Diese Schisha-Bars und die Art und Weise, wie sich verhalten wird, eigentlich dazu beiträgt, dass dieser Teil des Bermuda-Dreiecks nicht mehr das Bermuda-Dreieck ist, was es mal war", sagt Bochums Oberbürgermeister Thomas Eiskirch von der SPD und erinnert daran, dass der berüchtigtste Verbrecher Amerikas in den 1920er- und 1930er-Jahren, Al Capone, einst auch nur mit der Steuerfahndung zu Fall gebracht worden ist.

"Wir können eben feststellen, dass, wenn wir in unterschiedlichen Konstellationen unterwegs sind, mit Polizei und Zoll und Gesundheitsamt: Irgendwas ist immer. Also, das scheint notorisch so zu sein, eigentlich sich nicht im Rahmen dessen bewegen zu wollen, wie man eigentlich Unternehmen betreibt."

Eiskirch steht vor einer dieser Bars, die NRW-Innenminister Reul gerade besucht hat. Er nutzt die Nacht für eine Tour entlang des Einsatzes. In Bochum - zum Auftakt - werden eben mit einem Schlag, die Shisha-Bars besetzt. Beamten weisen an der Tür jeden ab: "Ich darf sie bitten weiterzugehen, weil, das wird erst einmal hier, weder rein- oder rausgehen."

NRW-Innenminister Herbert Reul posiert mit Diskotheken-Besuchern für ein Selfie. (Deutschlandradio / Moritz Küpper)NRW-Innenminister Herbert Reul (M.) posiert mit Diskotheken-Besuchern für ein Selfie. (Deutschlandradio / Moritz Küpper)

Der Innenminister posiert mit den Party-Gästen fürs Selfie

In Duisburg besucht Reul die Kontrolle einer Spielhalle, Steuerfahnder stehen an der Theke, zählen im schummrigen Licht die Beträge in der Kasse, wenig später lässt sich Reul dort noch in einem Café blicken. Junge Männer, die an Tischen sitzen und mit Chips, spielen.

Und dann eben, die Razzia in der Essener Diskothek. Doch gerade dieser letzte Einsatz wirkt ein wenig skurril. Nicht nur die behelmten Polizisten neben leichtbekleideten jungen Frauen oder Männern mit Baseball-Kappen sind ein Kontrast. Dass Innenminister Reul noch für ein Selfie mit Party-Gästen posiert, wirkt wirklich bizarr.

Passt zugleich aber dann doch wieder. Denn: Bei dem stundenlangen Einsatz, der zeitgleich um 21 Uhr am Samstagabend allerorts begann, ging es auch und gerade um eine Botschaft, weswegen das große Medienaufkommen durchaus gewollt war:

"Ein Teil der Kriminalitätsproblematik ist der tatsächliche Tatbestand und dann gibt es noch das berühmte Sicherheitsgefühl. Und dafür ist es natürlich eine Antwort. Das Leute sagen, die kümmern sich drum, es tut sich was, die haben es bemerkt, die machen ernst."

Reul weiß auch, dass das nicht das Problem lösen wird: "Aber ein Teil der Hilfe ist es auch, dass es auch das Klima ein Stück realistischer macht."

Auch und gerade im Ruhrgebiet.

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