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StartseiteWirtschaft und GesellschaftBestechungsvorwürfe zu Krebstherapien17.12.2019

Großrazzia in HamburgBestechungsvorwürfe zu Krebstherapien

Die Firma Zytoservice wird beschuldigt, Ärzte bestochen zu haben. Im Gegenzug sollten die Ärzte demnach Rezepte für teure Krebsmedikamente nur noch bei Apotheken einlösen, die zu Zytoservice gehören. Möglicherweise haben Patienten dadurch Medikamente bekommen die sie gar nicht brauchten.

Von Ines Burckhardt

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Ein Mitarbeiter in einem Labor einer Apotheke stellt mit grünen Gummihandschuhen Krebsmedikamente (Zytostatika) (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
Ein Labor in einer Apotheke zur Herstellung von Krebsmedikamenten (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
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Um Punkt neun Uhr startete die Razzia in Hamburg und Umgebung: 420 Polizisten und sechs Staatsanwälte durchsuchten die Firmensitze von Zytoservice. Das Unternehmen ist Marktführer bei der Herstellung von Infusionen für Krebstherapien.

Auch Privathäuser, Arztpraxen, Apotheken und ein Krankenhaus wurden nach Informationen von Panorama durchsucht, insgesamt 47 Gebäude. Die Ermittlungen richten sich gegen 14 Beschuldigte, darunter Ärzte, Apotheker und zwei Geschäftsführer.

Liddy Oechtering, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hamburg erklärt dazu:

"Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt, weil sie dem Verdacht nachgeht, dass diese Apotheker durch finanzielle Vorteile versucht haben, Ärzte an sich zu binden, zum Beispiel durch Sponsoring von Praxiseinrichtungen oder Studiengesellschaften. Ziel dahinter war, dass die Ärzte insbesondere Rezepte für hochpreisige Krebsmedikamente nur noch über die Unternehmen und Apotheken der beschuldigten Apotheker einlösen sollten."

Bestechungen sollen seit mehr als zwei Jahren stattfinden

Nach Recherchen von Panorama und Zeit Online soll die Firma seit mehr als zwei Jahren Ärzte bestochen haben – mit Geld, teuren Autos oder mit schicken Praxiseinrichtungen.

Im Gegenzug sollen die Ärzte dann ihre Rezepte für die Infusionen an eine Apotheke geschickt haben, die auch zum Firmenkonstrukt von Zytoservice gehört. Zytoservice hat also, so der Vorwurf, Ärzte bestochen, um an die lukrativen Rezepte zu kommen. Eine Krebstherapie kann bis zu 100.000 Euro kosten. Darum sind die Rezepte bei Apotheken und Herstellern so begehrt. In der Branche werden sie auch "Pharmagold" genannt.

Das Geschäftsmodell von Zytoservice war möglich, weil Patienten bei der Krebstherapie das Rezept nicht ausgehändigt bekommen. Der Arzt leitet es stattdessen direkt an eine Apotheke seiner Wahl weiter, die dann die Infusion zubereitet.

Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, ist entsetzt über den Vorwurf der Bestechung:

"Ganz wesentlich ist die Unabhängigkeit des Arztes und der freiberufliche Charakter. Dass er sozusagen die medizinischen Entscheidungen trifft, so wie er es für richtig hält und sich dort nicht an ökonomischen Zwängen orientiert, beispielsweise an der Verordnung von teuren Medikamenten."

Acht Millionen Euro Schaden für eine Krankenkasse

Die bestochenen Ärzte haben ihre Krebs-Patienten eventuell falsch behandelt, sagt Ludwig weiter:

"Das heißt, dass Patienten möglicherweise Medikamente bekommen, die sie eigentlich nicht benötigen. Und der Arzt sie darüber natürlich nicht entsprechend aufklärt, weil er selber auch unter einem ökonomischen Zwang steht."

Allein der Techniker Krankenkasse soll, so die Recherchen, ein Betrugsschaden von mehr als acht Millionen Euro entstanden sein. Die Staatsanwaltschaft Hamburg wirft Managern von Zytoservice, darunter die drei Gründer der Firma, jeweils vor, "gewerbsmäßig und als Mitglied einer Bande gehandelt zu haben."

Zytoservice war bislang nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

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