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StartseiteUmwelt und VerbraucherWeg für Hirsche und andere Waldbewohner über die A723.03.2016

GrünbrückeWeg für Hirsche und andere Waldbewohner über die A7

Die A7 von Hamburg nach Dänemark ist die wichtigste Nord-Süd-Verkehrsachse durch Schleswig-Holstein. Derzeit wird sie auf einer Strecke zwischen Hamburg und dem Autobahndreieck Bordesholm auf sechs Spuren ausgebaut. Eine neue Grünbrücke soll dabei den Waldbewohnern eine sichere Überquerung ermöglichen.

Von Dietrich Mohaupt

Ein Rothirsch in einer Nachtaufnahme, aufgenommen von einer Fotofalle an der neuen Grünbrücke an der A7. (Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein)
Ein Rothirsch in einer Nachtaufnahme, aufgenommen von einer Fotofalle an der neuen Grünbrücke an der A7. (Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein)

Noch ist die Grünbrücke nicht einmal halb fertig, bisher ragt nur der westliche Teil des Bauwerks in die Landschaft an der A7. Aber schon jetzt ist deutlich sichtbar, dass es sich hier nicht um irgendeine Brücke handelt. Christian Merl, Sprecher des für den Ausbau der A7 zuständigen Baukonsortiums Via Solutions Nord, hat die Eckdaten parat:

"Sie überspannt mit 45 Metern die künftig sechsstreifige A7. Und sie hat eine Länge von über 60 Metern – dementsprechend sind auch von der Statik her die Widerlager massiv gebaut und auch die Betondecke massiv, nämlich mit 1,2 Metern."

Aber nicht nur die schiere Größe der Brücke beeindruckt. Vor allem die gute Zusammenarbeit verschiedener Behörden und Naturschutzverbände in Schleswig-Holstein bei der Planung und Umsetzung solcher Bauwerke habe Modellcharakter für ganz Deutschland. Von dieser Kooperation habe man auf der Fachtagung eine Menge lernen können, betonte Marita Böttcher vom Bundesamt für Naturschutz bei einem Besuch auf der Baustelle:

"Wir wissen inzwischen eine ganz Menge: Wir wissen, wie wir die Querungshilfen gestalten müssen, wir wissen, wie wir sie planen sollten, wir wissen auch größtenteils, wer sie nutzt. Wir haben noch Wissensbedarf bei den Menschen, dass wir den Austausch vor allen Dingen zwischen den verschiedenen Behörden hinbekommen. Das ist auch jetzt bei dieser Tagung ein Hauptthema gewesen, dass wir zusammenarbeiten müssen, weil man dem Straßenbau allein nicht alles auflasten kann. Sondern wir können nur erfolgreich sein, wenn wir zusammen arbeiten."

Kosten in Höhe von fünf Millionen Euro

Immerhin gut fünf Millionen Euro wird diese Zusammenarbeit in diesem konkreten Fall kosten. In den vergangenen Jahren waren ähnliche Projekte bundesweit immer wieder massiv in die Kritik geraten. In Schleswig-Holstein sind diese Zeiten vorbei, betont der Direktor des Landesbetriebs für Straßenbau und Verkehr, Torsten Conradt:

"Ich kenne noch die Diskussionen aus den Anfang 2000er-Jahren, wo wir doch sehr stark angeschossen worden sind in der Presse, was wir da doch für eine Steuergeldverschwendung vornehmen. Und ich fand es doch sehr interessant, dass wir sogar jetzt schon Termine zusammen mit dem ADAC gemacht haben, wo diese Grünbrücken sehr positiv dargestellt werden. Und ich glaube, das sind Diskussionen, die wir zum Glück hinter uns gebracht haben. Wir sind jetzt dabei, gemeinsam Lösungen zu finden."

Und zwar Lösungen, die sowohl den Bedürfnissen nach Verkehrssicherheit Rechnung tragen als auch den Naturschutz im Blick behalten. Ganz wichtig dafür ist die Art und Weise, wie die Grünbrücke in die Landschaft eingepasst wird. Und das ist in erster Linie Sache von Björn Schulz von der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein. Gemeinsam mit Jägern, Förstern und Experten der Uni Kiel tüftelt er an einer funktionierenden "grünen Infrastruktur" im Hinterland der Grünbrücke auf beiden Seiten der A7 – denn:

"Das ist die einzige Stelle zwischen Hamburg und der dänischen Grenze, wo eine Grünbrücke gebaut wird – bisher. Insofern werden einige Arten, die endlich über die A7 rüber möchten, tatsächlich auch weite Wege in Anspruch nehmen müssen. Was wir jetzt möchten, ist, dass natürlich alle die Grünbrücke erreichen können. Und dazu braucht man artspezifische Wanderwege. Also Waldarten brauchen ganz gerne einen Waldverbund hin zur Grünbrücke. Und Feuchtgrünlandarten brauchen einen Feuchtgrünlandverbund hin zur Grünbrücke. Und das versuchen wir herzurichten."

Begleitung durch ein Forschungsprojekt

In einem kleinen Wäldchen am Fuß der breiten Erdrampe, die später einmal bis hinauf zu der eigentlichen Brücke führen soll, sind unscheinbare graue Kästen an Bäumen installiert. Auch sie sind Teil des Forschungsprojekts "Wiedervernetzung von Lebensräumen":

"Wir möchten natürlich viel, viel schlauer werden. Wie macht man eigentlich am allerbesten die Anbindung von Grünbrücken an Umlandbiotope. Und was muss man tun, damit möglichst viele Arten sie nutzen können. Und dafür machen wir sehr viele Erfassungen an verschiedenen Stellen – hier mit Fotofallen. Wir möchten wissen, welche Säugetiere sind jetzt schon hier und warten darauf, dass sie endlich hier rüber können."

Ein paar Meter weiter findet Björn Schulz zumindest schon mal eine Antwort auf diese Frage. Im weichen Erdreich sind ganz deutlich die tiefen Spuren eines Rothirsches zu sehen. Das vermutlich recht stattliche Tier hat offenbar schon einmal einen Querungsversuch über die A7 gewagt – allerdings vergeblich, denn die Brücke wird nicht vor Ende 2017 fertig sein.

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