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StartseiteDlf-MagazinGrüne Basisdemokratie07.11.2013

Grüne Basisdemokratie

Kandidatensuche für die Europawahlen

Bei den Grünen werden Geschlechterproporz und Basisdemokratie großgeschrieben. Aktuell laufen übers Internet die Vorwahlen für die Europawahl. Jeder kann mitwählen, nicht nur Grüne. Bekannte Gesichter haben es da leichter.

Von Sabine Hackländer

Nach amerikanischem Vorbild: Die Grünen wählen ihre Spitzenkandidaten für die Europawahl in Vorwahlen. (picture alliance / dpa /Jürgen Effner)
Nach amerikanischem Vorbild: Die Grünen wählen ihre Spitzenkandidaten für die Europawahl in Vorwahlen. (picture alliance / dpa /Jürgen Effner)
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"Hello everybody, I am very happy to have here Ska Keller. Hi!"

Der Videoblog der europäischen Jugendorganisation FYEG präsentiert ihre Kandidatin Ska Keller. Die Brandenburgerin sitzt seit 2009 für die Grünen im Europaparlament, ist 32 Jahre alt und damit die jüngste von sechs Kandidaten, die es in die Vorauswahl der Primaries – der Vorwahlen - geschafft hat. Um diese Auswahl zu ermitteln, hatten im Vorfeld alle europäischen grünen Parteien - über 30 an der Zahl - ihr Votum abgegeben. Jetzt kann das Experiment grüner Basisdemokratie also endlich in seine letzte Phase gehen. Die europaweiten Vorwahlen im Internet, an denen jeder teilnehmen kann. Die Green Primaries beginnen am kommenden Sonntag und dauern bis zum 28. Januar. Der Co-Vorsitzende der Grünen im Europaparlament, Reinhard Bütikofer, erklärt, wie‘s geht:

"Offen heißt, nicht nur Parteimitglieder können sich beteiligen, sondern auch Sympathisanten, alle über 16 Jahren. Paneuropäisch heißt, die Wahlen werden von allen grünen Parteien in den 28 EU-Staaten organisiert."

Gewählt werden am Ende zwei Kandidaten. Wie im Bund treten die Grünen auch in der EU mit einer Doppelspitze an, d.h. mindestens eine Frau und die Kandidaten müssen aus verschiedenen Ländern antreten. Das macht die Sache schwer für die Jungpolitikerin Ska Keller. Denn sie muss als deutsche Kandidatin gegen ein politisches Schwergewicht antreten: die 57-jährige Co-Fraktionsvorsitzende der europäischen Grünen, Rebecca Harms. Ska Keller gibt sich optimistisch:

"Ich habe die Präferenz, dass die Leute abstimmen gehen und sich aussuchen, wen sie wollen, sich genau angucken, wer sie am meisten überzeugt, und dann für die Person abstimmt. Man kann es nicht vorhersehen, wer wie gewählt wird."

Sagt‘s und räuspert sich erst einmal ordentlich. So ganz sicher scheint sich die Brandenburgerin ihrer Sache doch nicht zu sein. In ihrem Büro im achten Stock des Brüsseler Abgeordnetenhauses versucht sie zu erklären, warum sie in Brüssel und nicht etwa in Berlin etwas bewegen will.

"Also für mich ist es ‘ne Wunschkonstellation für ‘ne europäische grüne Wahl Wahlkampf zu machen, das ist wirklich etwas, was mich antreibt für ganz Europa anzutreten, überall grüne Politik verkaufen zu können, verkaufen, anbieten, Leute überzeugen zu können, das ist das, worum‘s mir auch geht."

Was denn nun: Verkaufen? Anbieten? Überzeugen? Oder ist das am Ende doch alles dasselbe? Da ist die Konkurrentin Rebecca Harms in ihrer Wortwahl weitaus weniger zimperlich, wie sie im Oktober auf dem Parteitag der Grünen in Berlin unter Beweis stellte:

"In all der Scheiße auf der Welt ist Europa das Beste, und ihr seid doch nicht ganz bei Trost in Europa, wenn ihr ernsthaft darüber nachdenkt, das, was Politik überhaupt Großartiges auf diesem Kontinent geschaffen hat, jenseits der Nationen, wieder kaputtzumachen. Das sind nicht meine Worte …"

… sondern die eines berühmten kolumbianischen Autors, der ihr offensichtlich aus dem Herzen spricht. So kraftvoll kommt Ska Keller in ihrem Brüsseler Abgeordnetenbüro nicht daher. Sie will vor allem eines: Alles richtig machen. Da scheint schon ein Interview zum kleinen Wahlkampfauftritt zu werden. Erst als es um ihr Alter geht, kommen klare Ansagen.

"Im EP haben wir so viele Ex-Minister etc. versammelt, dass man eigentlich meinen sollte, wir haben doch so viel Wissen hier, das sollte doch zu etwas Gutem führen, aber leider wird das EP zu oft als letzter Versorgungsposten gesehen, und dass es eben neben den älteren Leuten, die man auf jeden Fall braucht, es aber wenig jüngere Leute gibt und das ist ein großes Problem, wenn das Parlament nicht mehr ungefähr, die Gesellschaft repräsentiert, sondern von einer kleinen Gruppe überwältigt wird."

Bei den Grünen machten Junge und Alte zwar ungefähr die gleiche Politik - schickt Keller dann etwas diplomatischer hinterher - aber eben doch auf eine andere Art und Weise.

"Wie gestaltet man z.B. Fraktionssitzungen, wie gestaltet man Öffentlichkeitsarbeit etc., da haben wir schon auch andere Ideen. Klar ist es so, wenn man hier seit zehn, fünfzehn Jahren sitzt und man immer schon was so gemacht hat, dann ist es auch schwierig, dann Sachen zu ändern, aber ich find‘s wichtig, dass man halt mit neuen Ideen reinkommt und die bringen eben nur neue Leute, die eben auch andere Hintergründe haben, wir zum Beispiel kamen aus der grünen Jugend Jan Albrecht und ich."

Noch sind die jungen Grünen, wie Netzwerkexperte Jan Albrecht und Ska Keller aber eine kleine feine Minderheit, im Europaparlament. Und auch immer noch ein bisschen blass im Vergleich zu den alten Schlachtrössern wie Rebecca Harms oder dem unberechenbaren Daniel Cohn Bendit. Deshalb dürften Kellers Chancen, schon bei den Green Primaries Herz und Gesicht ihrer Partei zu werden wohl nicht die besten sein. Aber was nicht ist, kann ja noch werden:

"Ehrlich gesagt finde ich das EP das spannendste Parlament überhaupt, was ich mir vorstellen kann, weil man eben hier so sehr über nationale Tellerränder hinwegschaut. Man arbeitet mit Abgeordneten aller Länder zusammen. Das finde ich superspannend hier und habe deshalb eben nicht vor, mich abzuseilen und dann lieber in die Bundespolitik zu gehen."

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