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StartseiteUmwelt und VerbraucherGrüne Exoten in grauen Großstädten17.02.2005

Grüne Exoten in grauen Großstädten

Wie Papageien in städtischen Parks heimisch werden

<strong>Dass tropische Vögel in nördlichen Gefilden anzutreffen sind, könnte zwar irgendwann auch mit dem Klimawandel und dem Temperaturanstieg zusammenhängen, dies ist aber derzeit noch nicht der Fall. Die Papageien, die man in den Parks deutscher Großstädte oftmals erst auf den zweiten Blick entdeckt, sind ursprünglich wahrscheinlich entflogen oder ausgesetzt worden. In den Sechszigerjahren wurden erstmals frei lebende Halsbandsittiche beim Brüten in Parks beobachtet, inzwischen haben sich bereits in Köln, Wiesbaden und Düsseldorf stabile Populationen entwickelt. Sogar Winter, Kälte und Schnee können ihnen nichts anhaben. </strong>

Von Nadine Querfurth

Papageien im Park (Stock.XCHNG / Michael Slonecker)
Papageien im Park (Stock.XCHNG / Michael Slonecker)

Da unten sieht man gerade drei an der Bruthöhle hängen, vier, jetzt fliegen sie darüber.

Durch ihr leuchtend grün-gelbes Gefieder und den roten Schnabel erkennt Detlef Franz, Ornithologe in Wiesbaden, die Halsbandsittiche im Stadtpark besonders gut. Am Ende des Winters fangen die Vögel an, ihre Bruthöhlen zu inspizieren. Die in Indien und Afrika beheimateten Papageien sind eigentlich hierzulande nicht heimisch. In den Sechszigerjahren tauchten erstmals einzelne Vögel in deutschen Großstädten auf: Vermutlich sind sie entflogen oder wurden ausgesetzt. Bis heute haben sich daraus stabile Populationen entwickelt mit Beständen von über 5000 Individuen. Als so genannte Neozoen, als eingewanderte Arten, leben die Halsbandsittiche heute wild in Deutschland. In einem Stadtpark bei Wiesbaden sind überall Hinweise auf die Papageien zu finden:

Was man hier ganz schön sieht: Diese Kastanienknospen sind aufgenagt, die sehen so aus wie kleine Wattebällchen. Besonders am Ende des Winters ernähren sie sich viel von Kastanienknospen und da sieht man die im Park überall liegen.

Das umfangreiche Nahrungsangebot ist mit ein Grund, weshalb die Exoten den Winter hierzulande überleben. Papageien haben ein breites, vegetarisches Nahrungsspektrum. Als Opportunisten lernen die Vögel schnell, sich neue Nahrungsquellen zu erschließen und das zu fressen, was sich ihnen bietet: Hartschalige Früchte und Knospen gehören dazu. Aber nicht überall in Deutschland kommen Halsbandsittiche vor. Stabile Populationen existieren am Oberrheingraben von Köln über Bonn bis Wiesbaden und Heidelberg. Es sind nicht unbedingt milde Temperaturen in der kalten Jahreszeit, die für die Verbreitung ausschlaggebend, sagt Detlef Franz:

Es ist so: Die Brutzeit der Sittiche ist genetisch fixiert. Sie können nicht beliebig spät im Jahr brüten. Eiablage so um den 20 März. Jedes Gebiet, in dem zu spät die Bäume ausschlagen, bietet zur Brutzeit zu wenig Nahrung. Jetzt ein paar kalte Tage im Winter ist kein Problem, aber es ist ein Problem, wenn die Bäume zu spät ausschlagen und dann nicht genügend Nahrung da ist, so dass die Brut hoch kommen kann.

Die Rosskastanie ist zum Beispiel eine Zeigerpflanze für das Verbreitungsgebiet der Papageien. Die Vögel kommen genau dort vor, wo die Rosskastanie zur Brutzeit schon Knospen trägt.

Bevor die Brutsaison Ende März beginnt, müssen die Papageien vorerst den Winter überstehen und der kann auch am Oberrheingraben Minustemperaturen und Schnee bringen. Je kälter es ist, umso näher rücken die Papageien auf den Schlafbäumen zusammen und schützen sich gegen den Frost. Trotzdem können die gut durchbluteten, fleischigen Füße der Papageien auch erfrieren und sich deformieren. Im Allgemeinen aber ist der Halsbandsittich gegen Kälte gut gewappnet, sagt die Tierärztin Dr. Angelika Wedel:

Die Körpertemperatur kann ein Vogel sehr gut halten, weil er ein warmes Daunengefieder hat. Er plustert einfach sein Gefieder auf und lebt dann wie in einer Thermojacke, schön mollig warm.

In Zusammenhang mit fremd eingewanderten Arten diskutieren Wissenschaftler immer wieder die Vertreibung von heimischen Arten. Die Problematik könnte darin bestehen, dass die kräftigen, großen Halsbandsittiche heimische Vögel an ihren Brutplätzen vertreiben. Derartiges konnten Wissenschaftler aber noch nicht nachweisen. Doch wenn Halsbandsittiche immer näher in menschliche Siedlungen vordringen, sind andere Probleme fast vorprogrammiert, sagt Angelika Wedel:

Die zweite Problematik, die ich sehe, ist die, dass alle Papageien große Holzzerstörer sind und über kurz oder lang auch mal Kollisionen mit Hausbesitzern auftreten können, wenn dort der Putz abgefressen wird oder Holzverschalungen von Häusern abgefressen werden, hinter denen sich die Vögel Nistmöglichkeiten versprechen.

Noch sind die Halsbandsittiche bei Wissenschaftlern und innerhalb der Bevölkerungen gerne gesehen. Detlef Franz wagt eine Zukunftsprognose:

Die Halsbandsittiche werden sich weiter ausbreiten, und zwar in allen Gebieten, die klimatisch begünstigt sind und geeignete Habitate haben, das heißt in Großräumen mit innerstädtischen Parkanlagen. Andere Papageienarten werden bestimmt noch nachkommen, also die Mönchssittiche waren zeitweilig da, sind dann aber wieder ausgestorben. Es gibt da noch eine ganze Reihe von Papageienarten, die in Frage kommen.

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