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StartseiteKommentare und Themen der WocheBizarre Diskussion über das Profil der Grünen und Baupolitik20.02.2021

Grüne und EinfamilienhäuserBizarre Diskussion über das Profil der Grünen und Baupolitik

Aus der Nachricht über einen Hamburger Bezirk, der kein weiteres Baugebiet für freistehende Einfamilienhäuser ausweist, ist eine bizarre Diskussion geworden, meint Silke Hellwig. Diese sei der Müdigkeit über Corona-Themen geschuldet und der offenbar ungebrochenen Sehnsucht vieler nach einem Eigenheim.

Ein Kommentar von Silke Hellwig, Weser-Kurier

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Neubau eines Hauses in Hamburg (dpa / Bildagentur-online / Ohde)
Hamburgs Wohnbau-Problem sind nicht etwa Einfamilienhäuser, sondern ein Mangel an bezahlbaren Mietwohnungen, meint Silke Hellwig (dpa / Bildagentur-online / Ohde)
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Im Politikbetrieb gibt es zwei Phasen, in denen an sich unspektakuläre Aussagen, Tweets oder Posts eine steile Karriere beschieden sein kann: im Sommerloch und im Wahlkampf. Derzeit wirkt eine dritte Kraft: die Müdigkeit beim Thema Corona-Politik. Dazu ist nahezu von jedem beinahe alles gesagt. Dankbar wird deshalb jedes andere Thema aufgegriffen, mit dem sich Wähler umgarnen und Stimmung machen lässt.

19.12.2020, Grossbeeren in Brandenburg. Neue Einfamilienhaeuser stehen an einer gruenen Wiese in Feldrandlage bei Grossbeeren. Foto: Wolfram Steinberg/dpa (picture alliance / Wolfram Steinberg | Wolfram Steinberg) (picture alliance / Wolfram Steinberg | Wolfram Steinberg)Debatte über Einfamilienhäuser - Die Grünen und der Eigenheim-Wahlkampfstreit
Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter hat mit kritischen Aussagen zum Eigenheim-Bau eine Debatte ausgelöst. Die politische Konkurrenz warf den Grünen daraufhin einen ideologisch motivierten Feldzug gegen Einfamilienhäuser vor. Was steckt hinter dem Streit in Wahlkampfzeiten?

So erklärt sich, dass die Nachricht über einen Hamburger Bezirk, der laut seinem rot-grünen Koalitionsvertrag kein weiteres Baugebiet für freistehende Einfamilienhäusern ausweist, für eine bundesweite Debatte gesorgt hat. Der Bezirksamtsleiter heißt Michael Werner-Boelz und ist Grünen-Politiker. Als Anton Hofreiter, Vorsitzender der Bundestagsfraktion, die Position seines Hamburger Parteifreunds in einem "Spiegel"-Interview stützte, war das Thema endgültig reif für eine bizarre Diskussion um das politische Profil der Grünen im Allgemeinen, um Verbote in der Wohnbaupolitik und nachhaltige Stadtentwicklung im Speziellen.

Politisches Framing

Aus der Skepsis gegenüber Einfamilienhäusern als taugliches Zukunftsmodell wurde in der "Bild": "Die Grünen haben einen neuen Feind: die Einfamilien-Häuser". Ausrufezeichen. Der thüringische CDU-Landesvorsitzende Christian Hirte sagte: "Hofreiter zeigt wieder einmal exemplarisch für die Grünen deren gestörtes Verhältnis zum Eigentum und der Lebensrealität im ländlichen Raum." Das nennt man politisches Framing.

Wenig Beachtung fand zum einen, dass der Koalitionsvertrag in Hamburg-Nord schon seit Oktober 2019 gilt, wonach bisher kein Hahn krähte. Zum anderen wurde unterschlagen, dass Eigenheime mit Abstand zu Nachbarn in Hamburgs Süden gebaut werden können und dass es auch andernorts Beschränkungen bei Bauformen gibt. Flächennutzungs- und Bebauungspläne regeln, was wo und wie aus dem Boden wachsen darf. Dass ein Stadtstaat wie Hamburg mit seiner begrenzten Fläche sparsam umzugehen hat, sollte selbstverständlich sein. Hamburgs Wohnbau-Problem sind nicht etwa Einfamilienhäuser, das Problem der Stadt ist das aller anderen Großstädte – ein Mangel an bezahlbaren Mietwohnungen für diejenigen, für die Eigentum eine Utopie bleibt.

Es sind die Kommunen im Speckgürtel, die seit Jahrzehnten davon leben, Städter zu sich aufs Land zu ziehen. Doch auch dort setzt nach und nach ein Umdenken ein, was den Umfang weiterer Eigenheim-Siedlungen betrifft. Es ist zwar verführerisch, neue Steuerzahler anzusiedeln, aber Dörfer verlieren ihren Charakter oder wuchern durch Neubaugebiete für Berufspendler an den Ortsrändern ineinander.

Gängige Wohlstandsattribute

Die Landesregierung Bayern will den Flächenverbrauch im Freistaat bis zum Jahr 2030 auf die Hälfte reduzieren. 2018 lag er laut Statistischem Landesamt bei zehn Hektar pro Tag. Das entspricht gut 14 Fußballplätzen. Naturschützer warnen schon seit Jahren vor den Folgen dieses Flächenfraßes, die Grünen auf Bundesebene fordern eine "Bauwende": Baupolitik sei als Klimapolitik zu verstehen. Dabei geht es um mehr als Einfamilienhäuser: um die verwendeten Materialien, um Recyclingbaustoffe, Energieeffizienz und um den Lebenszyklus von Gebäuden.

Dennoch ist die Sehnsucht junger Mittelstandsfamilien nach den eigenen vier Wänden mit Doppelgarage, weitläufigem Garten samt Pool offenbar ungebrochen. Das eigene Haus und der Zweitwagen gehören zu den gängigen Wohlstandsattributen. Die Pandemie verstärkt dies. Und: Bauherren und -damen argumentieren meist mit individuellen Vorstellungen, der in einer Bestandsimmobilie naturgemäß gewisse Grenzen gesetzt sind. Von Individualität ist in Fertighaus-Siedlungen allerdings meist nicht mehr allzu viel zu sehen.

In Flensburg, berichtete der "Spiegel", standen im November 40 Restgrundstücke für Einfamilienhäuser teilweise bis zu tausend Interessenten gegenüber. Die Stadt will zeigen, wie "Urbanität ohne Einfamilienhaus Spaß machen kann." Flensburgs Kämmerer und Bürgermeister Henning Brüggemann sagte dem Nachrichtenmagazin: "Heute gibt es den Begriff Flugscham, und natürlich kann man von Wohnflächen- oder Zweitwagenscham sprechen."

Man muss kein Zukunftsforscher sein, um zu ahnen, dass ein Preis für Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit gesellschaftlicher und individueller Verzicht sein wird. Das gilt auch fürs Bauen und Wohnen und muss ja nicht gleich im trendigen Gegenextrem enden: in einem Tiny House mit 30 Quadratmetern. Obwohl das selbst in Hamburg-Nord vermutlich noch eine Chance hätte.

Silke Hellwig, Chefredakteurin "Weser-Kurier" (Frank Thomas Koch)Silke Hellwig, Chefredakteurin "Weser-Kurier" (Frank Thomas Koch)Silke Hellwig hat volontiert bei der "Hessisch-Niedersächsischen" Allgemeinen und deren (einstiger) Tochter "Mitteldeutsche Allgemeine", danach war sie Redakteurin in Thüringen und Nordhessen. Sie wechselte zum "Weser-Kurier", anschließend ein Jahr bei der "FAZ", danach rund zehn Jahre bei Radio Bremen Fernsehen (Reporterin, CvD, Abteilungsleiterin). Währenddessen eine Zeit lang freie Tätigkeit für die "Zeit". Seit fünf Jahren ist sie Chefredakteurin beim "Weser-Kurier".

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