Samstag, 23.02.2019
 
Seit 18:10 Uhr Informationen am Abend
StartseiteKommentare und Themen der WocheBeim Tierwohl ist der Fortschritt eine Schnecke18.01.2019

Grüne Woche Beim Tierwohl ist der Fortschritt eine Schnecke

Die Internationale Grüne Woche stellt das Thema "Tierwohl" in den Mittelpunkt. Das sei gut, kommentiert Georg Ehring, denn die bisherigen freiwilligen Siegel hätten wenig Fortschritt gebracht. Nur der Staat könne Missstände beseitigen - mit strengeren Vorschriften.

Von Georg Ehring

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eine Kuh mit prall gefülltem Euter wird von einer Maschine gemolken und schaut dabei mit großen Augen in die Kamera (imago/Thomas Trutschel)
Im Mittelpunkt der Grünen Woche: artgerechte Tierhaltung (imago/Thomas Trutschel)
Mehr zum Thema

Deutscher Bauernverband "Tierwohl ist das Trendthema"

Start der Grünen Woche Klöckner wirbt für Digitalisierung in der Landwirtschaft

EU-Parlament Weniger Tierwohl durch schlampige Formulierungen?

Neues staatliches Label geplant "Ein Mehr an Tierwohl wird ein Verkaufsargument sein"

Tierwohl-Siegel für Geflügel "Das bringt für Verbraucher und Tierschutz nichts"

Neues Tierwohl-Label "Schon wieder bloß eine Augenwischerei"

Das Wohl von Rindern, Schweinen und Hühnern liegt uns Verbrauchern am Herzen – auch wenn wir sie am Ende doch aufessen. Wie Umfragen ergeben, sind viele Menschen grundsätzlich dazu bereit, mehr für Fleisch und Wurst zu bezahlen, wenn die Tiere anständig leben durften. Deshalb ist auch endlich Bewegung in die  Debatte um die Haltung von Nutztieren gekommen: Der Staat plant ein Tierwohl-Siegel, große Handelsketten kommen mit einer eigenen Haltungskennzeichnung und Biofleisch gibt es immer häufiger auch im normalen Supermarkt. Bei der Internationalen Grünen Woche in Berlin ist das Wohlergehen der Tiere das Thema und das ist auch gut so.

Vorbei sind offenbar die Zeiten, in denen Bauern und Tierschützer einander ausschließlich mit Vorwürfen überschütteten. Beide Seiten reden endlich miteinander und nicht nur übereinander und bei den Gesprächen kommt sogar etwas heraus.

Nur der Staat kann Missstände abstellen

Doch für das reale Fortschrittstempo in den Ställen steht ein anderes Tier: Die Schnecke. Vor allem in der einfachen Version bieten die freiwilligen Siegel kaum mehr als die Einhaltung dessen, was gesetzlich sowieso vorgeschrieben ist: Extras sind zum Beispiel etwas mehr Platz pro Tier, keine gekürzten Hühnerschnäbel, der Verzicht auf das Abschneiden von Schweineschwänzen, keine Kastration von Ferkeln ohne Betäubung – dass man darüber überhaupt noch reden muss, spricht Bände über die realen Verhältnisse in der Landwirtschaft.

Missstände schnell abzustellen ist Sache des Staates und nicht von freiwilligen Siegeln. Denn nur er kann Standards flächendeckend durchsetzen: Höhere Mindestanforderungen an das Tierwohl müssen per Gesetz und vor allem mit ausreichender Kontrolldichte durchgesetzt werden. Beispiel enge Kastenstände für trächtige Sauen: Sie sind seit 1988 verboten, die Übergangsfrist lief 1992 aus. Trotzdem gibt es sie noch immer, und weitere jahrzehntelange Übergangsfristen sind in der Diskussion.

Strengere Vorschriften als Basis

Siegel, die nur das Selbstverständliche garantieren, versprechen zwar Wohlergehen für die Tiere, dienen aber eher dem Wohl der Fleischkäufer: Sie bieten ein ruhiges Gewissen ohne großen Aufwand und Mehrkosten an der Ladenkasse.

Dass es auch anders geht, zeigen die Eierproduzenten: Vorschriften des Gesetzgebers und eine einfache und klare Kennzeichnung haben dafür gesorgt, dass tierfreundliche Haltungsformen wie die Bio- und Freilandhaltung seit Jahren der Normalfall sind – die Haltung in engen Käfigen ist verboten.

Strengere Vorschriften für die Tierhaltung sind also die Basis. Wir Verbraucher haben es dann noch in der Hand, Produkte aus besserer Tierhaltung zu kaufen. Doch dafür müssen wir nicht nur etwas mehr Geld ausgeben, sondern auch etwas mehr lesen: Beim Tierschutz in der Landwirtschaft entsteht derzeit eine Vielfalt von Kennzeichen und Siegeln. Was sie im Einzelnen bedeuten und garantieren, das steht im Kleingedruckten. Wer über die Zustände in den Ställen klagt, sollte auch dort genau hinschauen.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

agentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk