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StartseiteZeitzeugen im Gespräch"Wir haben in Baden-Württemberg nie Fundamentalopposition zelebriert"29.03.2018

Grünen-Politiker Rezzo Schlauch"Wir haben in Baden-Württemberg nie Fundamentalopposition zelebriert"

Der Politiker Rezzo Schlauch sagte mit Blick auf seine politische Herkunft, die Grünen in Baden-Württemberg seien liberaler als woanders. Die Partei hätte in seinem Bundesland einen eigenen Politikstil entwickelt, der eher dialogisch sei. Dieses "Baden-Württemberg-Grün" könne man leider nicht auf den Bund übertragen.

Rezzo Schlauch im Gespräch mit Rainer Burchardt

Rezzo Schlauch sitzt in einem Studio des Dlf (Deutschlandradio / Helga Szentpeteri)
Manche nannten ihn Obelix: Der Ur-Grüne Rezzo Schlauch hat seine Partei seit 1980 begleitet – mit ökologischen, aber durchaus auch liberalen Anteilen, sagt er. (Deutschlandradio / Helga Szentpeteri)

Ein Rechtsanwalt, dazu aus einem evangelischen Pfarrhaus, der stets genötigt ist, zu betonen, dass er auch arbeiten und Akten studieren kann – und nicht nur feiern und genießen: Das ist Rezzo Schlauch. Geboren 1947 in Gerabronn, das auf halber Strecke zwischen Stuttgart und Würzburg liegt, in ein liberales Elternhaus. Nach dem Studium in Freiburg und Heidelberg trat Rezzo Schlauch 1980 den Grünen bei, beriet sie zunächst juristisch und zog dann für sie in den baden-württembergischen Landtag ein. Mehr als nur Achtungserfolge erzielte Schlauch als grüner Oberbürgermeisterkandidat in den 90er Jahren in Stuttgart: So zugänglich-jovial, so tolerant, so wirtschaftsfreundlich auch, konnten wenige Grüne auftreten und dadurch Wählerinnen und Wähler außerhalb der ur-grünen Klientel erreichen.

Nachdem er zusammen mit Fritz Kuhn schon zur Landtagswahl in Baden-Württemberg das Motto "endlich mitregieren" ausgegeben hatte, wurde Schlauch im Bundestag ab 1994 zu einem der treuesten Kämpfer an der Seite Joschka Fischers für eine Regierungsbeteiligung im Bund. Mit mehr Erfolg als in Baden-Württemberg: Nach dem rot-grünen Wahlsieg 1998 wurde Schlauch Fraktionschef der Grünen. Viel Zeit, sich in die neue Rolle einzufinden, bekamen sie nicht. Ab dem Tag des Regierungsantritts musste der Fraktionsvorsitzende die Bundestagsgrünen für eine deutsche Beteiligung am Krieg im Kosovo auf Linie bringen – ein Beschluss, der die grüne Partei zerrissen hat wie kein zweiter vorher oder nachher.

Schlauch sagte damals:

"Wir haben die Forderung 'Nie wieder Krieg' immer vertreten – und damit natürlich auch gemeint 'Nie wieder Völkermord'. Milosevic zerreißt mit seinem verbrecherischen Handeln die Identität dieser beiden Forderungen. Und wir müssen erkennen, dass sich in diesem Fall die Forderung 'Nie wieder Völkermord' leider nur mit militärischen Mitteln erreichen lässt. Der von Außenminister Fischer vorlegte Plan weist einen Weg zum Frieden…"

Eine Bonusmeilenaffäre mitten im Wahlkampf 2002 brachte Schlauch viel Kritik auch aus eigenen Reihen ein. Nach der knapp gewonnenen Wahl zog er sich auf den Posten eines parlamentarischen Staatssekretärs zurück. Im Wirtschaftsministerium unter Wolfgang Clement von der SPD war er fortan für den Mittelstand zuständig. Zur vorgezogenen Bundestagswahl 2005 trat Schlauch nicht mehr an, sondern wurde Partner einer großen Kanzlei für Wirtschaftsrecht.

Seither kam Schlauch immer dann in die Schlagzeilen, wenn er ein neues Aufsichtsrats- oder Beratungsmandat bei einem Wirtschaftsunternehmen hatte – unter anderem beim Energieversorger und Atomkraftwerksbetreiber EnBW. Er habe seinen Einfluss bei EnBW für Ökostrom geltend gemacht, erklärte Schlauch dazu.


"Das schwäbische Pfarrhaus war für mich sehr prägend"

"Ich hab gern immer gut gefeiert, und die haben gut gefeiert, und die waren nicht politisch…"

Benannt nach einem Ritter aus Hohenlohe. Aufgewachsen in einem Elternhaus, in dem politisch diskutiert wurde. Drei Jahre bei der Burschenschaft – aber nur wegen der Partys. Beeindruckt von Ralf Dahrendorf und Rudi Dutschke.

Rainer Burchardt: Herr Schlauch, wer war Rezzo von Bechlingen?

Rainer Burchardt (l.) mit Rezzo Schlauch im Studio des Dlf (deutschlandradio / Helga Szentpeteri)Rainer Burchardt (l.) mit Rezzo Schlauch im Studio des Dlf (deutschlandradio / Helga Szentpeteri)Rezzo Schlauch: Rezzo von Bechlingen war ein Ritter, von dem man nicht genau weiß, woher er kam und wie er nach Bechlingen kam, aber man vermutet, dass er im Gefolge der Hohenloher Fürsten, die Anhänger der Stauffer waren, nach einem Besuch Friedrichs II. mit von Sizilien nach Langenburg-Bechlingen gekommen ist. Und die Kirche war sozusagen die Kirche des Fürsten, und der ist da begraben.

Burchardt: Ihre Eltern, so sagt man oder so ist zu lesen, haben sich Rezzo von Bechlingen als Vorbild für Ihren Vornamen genommen. Fühlen Sie sich da auch identitär etwas verbunden? Er war ja, wie man so schön sagt, ein württembergischer Haudrauf, nicht wahr?

Schlauch: Ein Ritter. Er ist zum Ritter geschlagen worden da, und – also ich weiß nicht, ob mich jetzt ihm verbunden fühle. Jedenfalls war dieser Name natürlich ein Glücksfall.

Burchardt: Hat Ihnen das als Alleinstellungsmerkmal in der Publizität hierzulande geholfen? Denn das ist ja ein Name, der nicht alltäglich ist?

Schlauch: Ich würde mal so sagen: Geschadet hat er nicht. Und es war natürlich immer auch ein besonderes Erkennungsmerkmal, und insofern habe ich da immer ein positives Verhältnis zu gehabt.

Burchardt: Wie war Ihr Elternhaus eigentlich? Ihr Vater war Pfarrer…

Schlauch: Ja.

Burchardt: … und Ihre Mutter war Hausfrau? Oder hatte sie einen Beruf?

Schlauch: Es war eine württembergische Pfarrfrau, die natürlich sozusagen ihrem Mann nicht nur den Rücken stärkt, wie es immer so schön heißt, sondern auch mit an der Front war. Und mein Vater war sehr liberal, er war auch ein engagierter Kämpfer gegen den schwäbischen Pietismus. Also das schwäbische Pfarrhaus war für mich schon sehr prägend.

"Im Elternhaus wurde immer politisch diskutiert"

Burchardt: Wie ist es denn in Ihrer Jugend eigentlich gewesen? Wann sind Sie für die Politik im Allgemeinen, aber vielleicht dann auch für die Ökologie, für die Grünen insbesondere, sozialisiert worden? Es gab ja damals, das war ja von den Achtzigern noch, das Kernkraftwerk Wyhl. Und Wyhl war ja wohl auch ein wenig die Initialzündung für den grünen Widerstand.

Schlauch: Ich war immer, schon als Schüler, sehr politisch engagiert, also nicht engagiert, sondern interessiert. Und im Elternhaus wurde immer politisch diskutiert, natürlich dann auch durch das Gymnasium. Wir hatten einen Geschichtslehrer, der sich darin erschöpfte sozusagen, die Schlachten des Zweiten Weltkrieges noch x-fach nachzuschlagen. Und das haben wir natürlich auch immer wieder diskutiert. Und später dann, als Student in Freiburg, da war ich noch – aber auch, bevor ich dann stark ins Politische ging, doch auch noch, muss man dazu sagen, Mitglied einer Burschenschaft, also insofern durchaus auch widersprüchlich.

Burchardt: Was haben Sie da eigentlich verloren gehabt? Das war die Saxo Silesia.

Schlauch: Ja, ich hab gern immer gut gefeiert, und die haben gut gefeiert, und die waren nicht politisch, sondern das war eher, wie soll ich sagen, so ein Geselligkeitsverein, und der hat mir gut gefallen.

Burchardt: Und Sie sind dann auch mit Schärpe aufmarschiert, in vollem Wix, wie man so sagt?

Schlauch: Alles, was dazugehört.

Burchardt: Aber dafür schämen Sie sich heute nicht?

Schlauch: Nein. Also ich bin da noch…

Burchardt: Wie lange waren Sie da?

Schlauch: Drei, vier Jahre. Also schon ordentlich, also schon intensivst.

"Auseinandersetzung mit dem Gegner"

Burchardt: Und haben Ihre grünen Glaubensbrüder Ihnen das nicht nachträglich übel genommen? Gab es da nicht Schwellenprobleme für Sie?

Schlauch: Ich habe da nie einen Hehl draus gemacht, bin da immer offensiv mit umgegangen. Mir hat da keiner was nachgetragen. Es war auch dann so, Freiburg war ja eigentlich eher so eine Universität, wo die Norddeutschen ein paar Feriensemester, Skisemester oder Kaiserstuhl-Semester gemacht haben. Aber auch da schon tickte ich ein Stück weit anders, weil eine ganz entscheidende Veranstaltung für mich war damals der Freiburger Parteitag der FDP, '68, und da insbesondere die legendäre Auseinandersetzung zwischen Dahrendorf und Rudi Dutschke, wo Dahrendorf als Etablierter aus dem Parteitag entgegen Ratschlägen von vielen rausgegangen ist und mit Megaphon mit Rudi Dutschke auf einem VW-Käfer diskutiert hat. Und ich war einer der Zuhörer – da waren so 1.000 Studenten – und das war für mich eine faszinierende Geschichte, weil das dem Dahrendorf oder dem etablierten Politiker eben keiner zugetraut hat und der da auch sehr geschliffen diskutiert hat. Und Dutschke war ja nun immer etwas schwierig in der Diskussion, also war ja schwierig, zu folgen.

Burchardt: In der Diktion vor allen Dingen.

Schlauch: Ja, und auch kompliziert. Also, das hat mich auch insoweit geprägt, als ich da rausgenommen habe, dass ich gesagt habe, man muss sozusagen immer Farbe bekennen.

Burchardt: Waren Sie denn damals gegen die FDP oder gegen den Liberalismus, sprich Bürgerrechte und dergleichen, immun, oder hat Sie das auch angefixt, dass Sie gesagt haben, eigentlich ist das genau das, was ich will?

Schlauch: Ich war ja Jurastudent, insofern war mir das sehr nahe. Diese Diskussion hat mich in mehrfacher Hinsicht geprägt und beeinflusst. Also einmal natürlich dieses Inhaltliche, dieses Bürgerrechtliche. '68 war ja auch im Freiburger Parteiprogramm der FDP ausführlich zur Ökologie erstmalig die Rede. Und zum Zweiten, die politische Kultur hat mich da fasziniert. Nämlich, dass ein Dahrendorf, sozusagen einer der in Anführungsstrichen Bösen, Etablierten, dass der den Mumm hatte, gegen Dutschke anzutreten. Und das war für mich dann auch später immer im Hinterkopf, wenn ich ins politische gegnerische Lager gegangen bin.

Also egal, ob das die CDU war am Anfang, oder, ganz wichtig, als die Republikaner als damals Rechtsausleger in den Landtag kamen, da bin ich mit Oettinger und mit anderen jungen Unionisten, wir haben die Auseinandersetzung mit den Republikanern in den Volkshochschulen, in den Jugendzentren, wo überall auch gesucht. Wir sind aufs Podium gegangen, also ich, wie Sie sich vorstellen können, nicht zum Vergnügen meiner Partei, weil mit denen redet man nicht, das sind die Schmutzigen. Und auch die Jung-Unionisten hatten damals Schwierigkeiten, weil diese Abgrenzung… Aber politische Auseinandersetzung ist Auseinandersetzung mit dem Gegner.

"Liberalismus gehört zur politischen DNA in Baden-Württemberg"

"Ich würde mich als politisch Liberaler, und zwar jetzt nicht als FDP-Liberaler, aber ich würde mich als durchaus politisch Liberaler, Libertärer mit einem Schuss Ökologie drin bezeichnen können."

Die Grünen in Baden-Württemberg waren immer schon bürgerlicher, freundlicher und mittiger als die anderen – schon wegen der vielen Anthroposophen. Vielleicht sind sie deshalb auch dort am stärksten.

Burchardt: Aber die Freiburger Thesen der FDP waren für Sie nicht vielleicht das Vademekum der damaligen Zeit?

Schlauch: Das war mit Sicherheit eines der zukunftsorientiertesten Programme, die ich kenne. Ich bin nicht sehr stark im Programmlesen, aber wenn man heute das Freiburger Programm der FDP liest, da könnte sich die FDP heute noch einiges von abschreiben.

Burchardt: Also Sie hätten auch ein, wie sagt man so schön, lupenreiner Liberaler werden können. Oder sind Sie es vielleicht auch?

Schlauch: Ja, ich glaube, das gehört schon zur politischen DNA in Baden-Württemberg. Weil die CDU in Baden-Württemberg war auch immer liberaler als woanders, also beispielsweise in Hessen. Und die Grünen hatten von Anfang an auch einen viel größeren Schuss Liberalismus intus als in anderen Landesverbänden. Also, wenn Sie so wollen, ich würde mich, und zwar jetzt nicht als FDP-Liberaler, aber ich würde mich als durchaus politisch Liberaler, Libertärer mit einem Schuss Ökologie drin bezeichnen können.

Burchardt: Nun weiß man ja auch, dass Baden-Württemberg eigentlich das liberale Ländle ist, und von daher ist es natürlich interessant zu sehen, dass es ja auch so etwas wie das Mutterland der Grünen wurde. In Karlsruhe fand der Gründungsparteitag 1980 statt. Ich nehme an, Sie sind dabei gewesen. Was war das für ein Impetus für Sie? Gab es damals schon die dann hinterher ja dann doch auftauchenden Konfrontation zwischen Fundis und Realos? Oder wurde da einfach gesagt, wir sind jetzt eine neue Bürgerbewegung für Ökologie, für Umweltschutz, für Klimaschutz, und wir müssen jetzt gucken, dass wir uns parteipolitisch auch organisieren?

Schlauch: Das Ganze ging ja sehr stark auf Dutschke und auf Gruhl zurück, Ex-CDU-Bundestagsabgeordneter.

Burchardt: Herbert Gruhl.

Schlauch: Wobei ich damals nicht so sehr auf die Bundesebene geschaut habe. Für mich war Baden-Württemberg sehr wichtig. Dort war ich Anwalt, dort habe ich zahllose Bürgerinitiativen im Bereich der Jugendbewegung, im Bereich der Antiatombewegung vertreten, auch anwaltlich vertreten. Aber was mich besonders fasziniert hat in Baden-Württemberg oder in Stuttgart, und das war weit auch über mich hinaus, mit Willy Hoss, und wie die alle hießen, die Leute der ersten Stunde. In Stuttgart war am Anfang der Grünen, hatten die Mehrheit in den Grünen die Anthroposophen. Also konservativ geprägt. Und wir, die wir aus den 68ern und aus den diversen linken Studentenbewegungen kamen, wir haben uns am Anfang bewusst vornehm zurückgehalten, haben gesagt, endlich mal sozusagen aus dem linken Ghetto, endlich mal jemand aus der bürgerlichen Mitte, wo man andocken kann, wo man sozusagen mit Sicherheit nicht hundertprozentig alles übernimmt, aber wo man, heute würde man sagen, einen zivilgesellschaftlichen Drive entwickeln kann. Und das war für mich in den Anfangszeiten sehr spannend.

"Wenn es drauf ankam, haben die Grünen ihre Konflikte überwunden"

Burchardt: War das eigentlich sehr schnell? Drei Jahre später nach der Gründung, also 1983, ein Riesentriumph für die Grünen, sie waren im Bundestag. War das zu schnell, oder wie ist das, damals? Sie wurden auch zerfleddert dann.

Schlauch: Das hat man ja nicht in der Hand. Das wäre mit Sicherheit möglicherweise sinnvoller gewesen, wenn das ein bisschen gewachsen wäre. Aber die Zeit war reif.

Burchardt: War sie richtig genutzt von den Grünen?

Schlauch: Ich glaube. Der Anfangsschwung hat lange gehalten. Dann kamen natürlich die großen Fehler der Grünen bei der Wiedervereinigung et cetera, dann kamen die innerparteilichen Auseinandersetzungen. Aber, und das ist doch eine Erfahrung, die ich immer wieder gemacht habe bei den Grünen: Ich bin immer auch einer gewesen, der gehadert hat mit der Partei, der unzufrieden war. Aber immer dann, wenn es drauf ankam, haben die Grünen irgendwie ihre inneren Konflikte überwunden und sind nach außen gestanden. Das war in der Frage der Regierungsübernahme bei Rot-Grün so, das war auch jetzt wieder zu sehen. Die Grünen waren ja nun in den letzten Jahren nun alles andere als gut beieinander, wie man so schön sagt, sondern die hatten keine gute Performance. Kurz vor der Wahl haben sie die Kurve gekriegt, nicht zuletzt auch durch Cem Özdemir, aber nach der Wahl haben sie für meine Begriffe die beste Figur abgegeben. Sie haben Verantwortung übernommen, sie haben ernsthaft, seriös, konstruktiv verhandelt…

Burchardt: Aber Cem Özdemir nach Hause getrieben. Das war vielleicht ein Fehler, oder?

Schlauch: Da sind wir wieder an den Problemen, die aber alle Parteien haben, wenn sie ihre besten Leute dann in die Bank schicken. Das können Sie jetzt auch bei Gabriel sehen. Auch, wenn der mit Sicherheit große Fehler gemacht hat, aber dieses – in linken Parteien oder sich selbst so bezeichnenden linken Parteien ist eine überstarke oder eine starke oder eine stark profilierte Persönlichkeit meistens nicht gelitten.

Grüner Politikstil in Baden-Württemberg

Burchardt: Wer hat das nicht am eigenen Leibe so erlebt wie Sie? Sie haben ja in Baden-Württemberg sehr oft kandidiert. Zweimal sind Sie nicht gewählt worden als OB in Stuttgart. Während der rot-grünen Regierungszeit waren Sie Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium bei Wolfgang Clement. Aber trotzdem zurück zu Baden-Württemberg: Ist denn Baden-Württemberg eigentlich sozusagen die regionale DNA der Grünen, bis auf den heutigen Tag?

Schlauch: Ich würde sagen, die Grünen sind dort am stärksten, und zwar deshalb, weil sie diesen eigenen Politikstil dort entwickelt haben. Sie haben von Anfang an einen dialogischen Politikstil gehabt. Wir haben nie sozusagen die Fundamentalopposition zelebriert, sondern wir waren auch in der Opposition sozusagen konstruktiv orientiert. Aber eines kann man natürlich sagen, das haben wir oft schmerzlich in früheren Jahren, aber das muss man auch in der jetzigen Zeit sagen, Baden-Württemberg-Grün, Baden-Württemberg kann man nicht auf den Bund übertragen. Da ist der Bund, also die verschiedenen politischen Kulturen der Grünen in Nordrhein-Westfalen, in Niedersachsen, die sind da zu unterschiedlich, verstehen Sie? Normalerweise sagt man ja, man lernt von denen, die gewinnen.

Burchardt: Das hätten die anderen Länder, die Sie genannt haben, gerade doch mal tun können.

Schlauch: Ja. Man guckt sich das an, wie machen die das eigentlich. Und stattdessen grenzt man sich aber ab.

Burchardt: Ist das passiert?

Schlauch: Ja, Kretschmann ist auf der Bundesebene zwar akzeptiert und respektiert, aber nicht geliebt. Und Boris Palmer natürlich noch einen Schuss sozusagen profilierter, der wird teilweise ausgepfiffen auf den Parteitagen.

Burchardt: Ist Boris Palmer nicht der Kubicki der Grünen?

Schlauch: Also, Palmer ist jedenfalls ein unglaublich streitbarer und intelligenter Kopf und hat – das ist übrigens auch nicht automatisch –, er hat eine Wiederwahl, eine nochmalige Wahl in Tübingen, die Zweitwahl, mit 60 Prozent gewonnen.

Burchardt: Ein schwieriges Pflaster…

Schlauch: Und hatte dort die Unterstützung, die offene Unterstützung der örtlichen Wirtschaft et cetera. Und das ist das Spezifische der Grünen in Baden-Württemberg.

Burchardt: Aber ist nicht bei ihm das Winner-Muster, dass er im Grunde genommen gegen fundamentale Grundsätze der Grünen immer mal Schlagzeilen produziert?

Schlauch: Ja, er schießt über das Ziel hinaus. Diese mir völlig fremde Facebook-Kommunikation, da sollte er mal eher den Griffel stillhalten. Aber trotzdem, er ist ein ganz profilierter Grüner, und ich glaube auch, dass er eine Geschichte macht, die von Grünen teilweise nicht gemacht wird und auch von den anderen Parteien – ich glaube, dass es durchaus Sinn macht, sozusagen Probleme, die wir mit bestimmten Themen haben – Stichwort Flüchtlingspolitik – auch offen anzusprechen.

Nach Rückzug kein Dauerkommentar von der Seitenauslinie

"Da haben die Grünen eigentlich eine eigene Kultur oder Unkultur. Da wird man eher von anderen gefragt als von den eigenen."

Lieber nicht in die Moserecke für alte Urgesteine. Aber Diskutieren bei einem Glas Rotwein. Das baden-württembergische Geheimrezept lautet "mittelständischer Wohlstand".

Burchardt: Herr Schlauch, man tritt Ihnen sicherlich nicht zu nahe, wenn man Sie als eines der etablierten Urgesteine der Grünen bezeichnet. Werden denn Leute wie Palmer, vielleicht auch Kretschmann, irgendwann auch mal bei Ihnen vorstellig, um sich Rat zu holen?

Schlauch: Ich hatte mit meinem Rückzug aus der Politik verbunden, dass ich sozusagen nicht Grün von der Seitenauslinie aus kommentiere…

Burchardt: Also nicht in der mosernden Ecke?

Schlauch: … ständig kommentiere. Das mache ich nicht. Mal meinen Senf dazugeben, okay, aber nicht sozusagen zu meinen, man hätte da noch irgendwie eine Stimme.

Burchardt: Aber Sie wissen doch, wie der Hase läuft gerade bei den Grünen. Wird das nicht abgefragt?

Schlauch: Nein, da haben die Grünen eigentlich eine eigene Kultur oder Unkultur. Da wird man eher von anderen gefragt als von den eigenen.

Burchardt: Wer sind die anderen?

Schlauch: Kann die CDU sein… Aber wenn Sie die beiden Namen nennen, Kretschmann, Palmer oder auch den Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart Kuhn nehmen, dann finden da natürlich Gespräche statt. Aber nicht im Sinne eines Ratgebers, sondern da diskutiert man ab und zu mal bei einem Glas Rotwein bestimmte Themen durch, aber jetzt nicht, dass das eine ständige Veranstaltung ist.

Burchardt: Aber es sind ja Ihre Stuttgarter Wegbegleiter seit Jahrzehnten gewesen. Man nannte Sie und Fritz Kuhn ja Asterix und Obelix. Wenn man Sie anschaut, weiß man, wer mit Obelix gemeint ist. Aber prinzipiell ist es dann so gewesen, dass man gesagt hat, du, pass mal auf, mach mal das, du kannst Stuttgarter Oberbürgermeister werden, was ja Fritz Kuhn gelungen ist – Sie nicht. Vielleicht gibt es dafür Gründe, die Sie dann auch mit Kuhn haben austauschen können.

Schlauch: Jetzt darf man nicht vergessen, damals, als ich meine knapp 40 Prozent hatte, was ja eine der erfolgreichsten Niederlagen meiner Biografie war, das war 1996, da waren…

Burchardt: Gegen Rommel, oder gegen wen?

Schlauch: Nein, das war gegen die Nachfolger von Rommel. Gegen Rommel hatte ich in einer Wahl 20 Prozent gemacht, war auch respektabel. Aber damals, das war zu frisch. '96, da hatten die Grünen noch nicht das Standing, das sie heute haben. Umso mehr war das eine Riesennummer damals. Wir sind einfach auch unterschiedliche Charaktere. Ich hab natürlich mit Sicherheit auch durch mein etwas robustes Auftreten, wenn ich das mal so sagen darf, auch mehr polarisiert in meiner Jugend und in meinen jüngeren Jahren, obwohl ich immer so verortet worden bin, aber auch mich selbst verortet habe im bürgerlichen Lager. Also, ich war möglicherweise radikal im Gestus, aber in der Sache immer auch kompromissorientiert.

Bodenständigkeit und Bürgerinitiativen im Ländle

Burchardt: Aber man reibt sich doch eigentlich die Augen, wenn man mal die Geschichte der Grünen, ausgehend von Baden-Württemberg, sich anschaut. Das Auto-Ländle, also Hauptgegner der Grünen, um es mal so zu formulieren, abgesehen von Kernkraftwerken wie in Wyhl und anderen. Was ist daraus eigentlich logischerweise erklärbar, dass genau dort die Grünen bis hin zur Regierungsübernahme in der rot-grünen, also der grün-roten Koalition muss man ja stärkemäßig sagen, dass es dahingeführt hat?

Schlauch: Zum Ersten ist es natürlich nach dem Motto "Erst kommt das Fressen, dann die Moral". Das hat was mit dem Wohlstand zu tun in diesem Land, das muss man ganz klar sagen.

Burchardt: Durch die Autoindustrie auch.

Schlauch: Durch die Autoindustrie, durch einen unglaublich starken und weit in den ländlichen Raum verwurzelten Mittelstand von Unternehmertypen und -persönlichkeiten, die einfach auch in langen Linien denken und nicht das kurze Shareholder-Value im Auge haben. Die ihre Leute einigermaßen anständig behandeln, wo die Belegschaften hinter diesen Familien oder auch Managern stehen. Denken Sie an Wiedeking, selbst so jemand. Wo es Identifikationen zwischen Belegschaften und dem Management gibt oder der Inhaberfamilie. Dann natürlich schon sehr stark, das muss man auch sagen, dass natürlich in einer so dicht besiedelten Landschaft wie Baden-Württemberg die Ökologie und die Ökologie natürlich teilweise im Konflikt aufeinandertreffen.

Und ein ganz wichtiger Moment ist, glaube ich, dass in Baden-Württemberg doch im Vergleich zu anderen noch mal eine höhere Organisation – oder nicht Organisation, aber sozusagen die Zivilgesellschaft eine große Rolle spielt. Bürgerlich würde man sagen, das Ehrenamt. Und das haben die Grünen irgendwie abgerufen, da haben die – wenn die CDU ihre Vorfeldorganisationen hatte im Karneval oder im Fußball oder wo auch immer, dann hatten wir unsere Vorfeldorganisationen in den Bürgerinitiativen, und zwar des unterschiedlichsten Spektrums. Und wir waren immer eine ganz stark kommunal orientierte und kommunal engagierte Partei.

Burchardt: Sind Sie das bis heute?

Schlauch: Ja. Wir haben sehr starke Kommunalfraktionen. Gerade – verstehen Sie, vor ein paar Wochen eine völlige Überraschung: Böblingen. Automobil, eigentlich konservativ bis in die Knochen. Wählt einen grünen Bürgermeister, OB, aus dem Nichts. Das heißt, wir haben da inzwischen ein breites Fundament.

Von Opposition zu Regierungsverantwortung in einem Jahr

"Ich fände es durchaus spannend, wenn auch mal ein Grüner ein Vorstandsmitglied eines DAX-Unternehmens wäre oder ein Aufsichtsratsvorsitzender eines DAX-Unternehmens."

Kaltstart in die Regierungsämter 1998. Von 100 Prozent Opposition auf 100 Prozent Verantwortung in kaum einem Jahr – andere waren nicht so schnell. Der Marsch durch die Institutionen umfasst auch die Aufsichtsräte der Unternehmen.

Burchardt: Herr Schlauch, wir müssen auch ein bisschen über Bundespolitik noch reden. Sie sind ja Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag gewesen. Was war das für eine Zeit? Das war ja eine für Sie bewegte Zeit, nicht konfliktarm, das kann man nun wirklich nicht sagen. Und die Frage, die sich daraus ergibt, ist natürlich: Haben Sie den Laden zufriedenstellend für sich und sie zusammengehalten, oder sind da die Konflikte entstanden? Ich denke mal an den Kosovo-Krieg '98 und dergleichen Dinge mehr, wo dann die Fischer-Fraktion sich ja hat durchsetzen müssen.

Schlauch: Für mich selbst: Ich kann gut in den Spiegel gucken. Ich glaube, dass wir – das können Sie auch, wenn Sie das vergleichen – als wir die Regierung übernommen haben, haben die Grünen auf Bundesebene noch nie regiert.

Burchardt: 1998 meinen Sie.

Schlauch: Und die SPD hat 16 Jahre lang nicht mehr regiert. Wir haben innerhalb von einem Jahr mit Kosovo, mit Militäreinsätzen im Ausland zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg, haben wir binnen einem Jahr sozusagen den Schalter umgelegt von einer nahezu astrein puren Oppositionspartei in eine Regierungspartei.

Burchardt: Reine Programmpartei bisweilen auch…

Schlauch: Programmpartei… Aber sozusagen, dass Opposition – ein langjähriger Auseinandersetzungspunkt zwischen den Fundis und den Realos, war die Frage, geht man in eine Regierung oder nicht. Da sehen Sie heute genau dasselbe bei den Linken. Und wenn Sie dann beispielsweise die schwarz-gelbe Koalition angucken mit Westerwelle/Merkel, wo es die FDP in vier Jahren nicht geschafft hat, in eine Regierungsrolle zu kommen, sondern immer die Opposition weitergeführt hat. Und wenn man jetzt sich das ganze Ding anguckt – also verstehen Sie, der Lindner kam ja wie der deus ex machina daher und sagte, wir sind eine völlig neue Partei, es ist alles völlig neu. Und was macht er: Er ist Fundamentaloppositioneller. Er ist vom Tisch aufgestanden. Was für eine bürgerliche Partei, als die sie sich selbst bezeichnen, eigentlich ein Unding ist.

Jamaika-Aus für viele eine Enttäuschung

Burchardt: Aber an dem Tisch saßen auch die Grünen, und Herr Habeck, der auch Verhandlungsführer mit war, hätte da ja wohl auch intervenieren können, oder, als es da um Jamaika ging? Er hat ja aus Schleswig-Holstein in Sachen Jamaika bisher jedenfalls ganz positive Erfahrungen gesammelt.

Schlauch: Ja, aber – an uns ist es nun wirklich nicht gescheitert, sondern...

Burchardt: Haben Sie sich gewehrt?

Schlauch: Ja, aber wenn einer aufsteht – früher hat man gesagt, wenn einer aufsteht und durch die Türe rausgeht, kommt er auch wieder rein. Aber wenn man natürlich von der Performance getrieben ist wie der Herr Lindner, dann stellt er sich vors Mikrophon und sagt, lieber nicht regieren als schlecht regieren. Insofern, also wir haben nun wirklich für meine Begriffe, und ich bin immer ein kritischer Beobachter meines Ladens, also eine absolut konstruktive Rolle gespielt.

Burchardt: Man merkt Ihnen eine späte Erregung noch an, Herr Schlauch. Was würden Sie denn sagen? War das für die Grünen auch ein Desaster, dass die FDP dann so einfach mir nichts, dir nichts von der Fahne gegangen ist?

Schlauch: Ein Desaster war es nicht, aber es war natürlich, ich glaube, nicht nur für die Grünen, sondern es war für viele Leute in der Gesellschaft, die Erwartungen und auch gewisse Hoffnungen für eine neue Konstellation, die ja auch kulturell was Neues, also politisch-kulturell was Neues hätte schaffen können, war das natürlich eine Enttäuschung.

Burchardt: Sind Sie einbezogen worden in Konsultationen?

Schlauch: Nein, bei so was halte ich mich völlig zurück.

Als Berater bei EnBW: "Ich hatte da Einflussmöglichkeiten"

Burchardt: Inzwischen sind Sie ja auch, wenn man das mal so etwas oberflächlich formulieren darf, auf der anderen Seite gelandet. Sie sind Unternehmensberater, Sie sind Aufsichtsratsmitglied bei EnBW, also einem Energieunternehmen, und, und, und. Und das hat Ihnen ja auch durchaus innerparteiliche Kritik eingetragen. Zu Recht?

Schlauch: Also wissen Sie – ich bin nicht Aufsichtsratsmitglied bei der EnBW, sondern ich war da in einem Beratungsgremium. Das spielt aber keine Rolle, denn ich meine, also wenn ich denn, und da komme ich her – wir haben vorhin den Namen gehabt. Wenn ich den Marsch durch die Institutionen nehme von Rudi Dutschke, dann sollte dieser Marsch durch die Institutionen nicht nur auf die Politik beschränkt sein.

Burchardt: Es gibt eine Schlagzeile, die lautet, mit Ihrem Namen verbunden, Irrweg beim Marsch durch die Institutionen.

Schlauch: Gut. Vor Irrwegen ist man nicht gefeit.

Burchardt: Das stimmt.

Schlauch: Übrigens auch in der Politik, und natürlich auch in der Wirtschaft. Ich fände es durchaus spannend, wenn auch mal ein Grüner ein Vorstandsmitglied eines DAX-Unternehmens wäre, oder ein Aufsichtsratsvorsitzender eines DAX-Unternehmens.

Burchardt: Sie sagten vorhin, Sie könnten in den Spiegel schauen. Fühlen Sie sich nicht möglicherweise auch als Alibi oder als Feigenblatt missbraucht von den Gremien, denen Sie angehören im Bereich der Industrie. Sie haben sich ja, ich will es jetzt mal überspitzen, auf ein Spiel mit dem Teufel eingelassen, aus grüner Sicht.

Rezzo Schlauch fährt Rad. An seinem Fahrrad ist ein gelber Luftballon befestigt. (dpa/Bernd Weißbrod)Schlauch war – als erklärter Atomkraftgegner – eine Zeitlang Berater des Energieunternehmens EnBW (dpa/Bernd Weißbrod)

Schlauch: Ja gut – da würde ich aber auch sagen, wenn es in der Küche heiß wird, kann man gehen oder kann drin bleiben. Verstehen Sie, dieses Bild von dem Instrumentalisieren, da muss man sich selbst klar werden, wenn das von außen gesagt wird, ist das okay. Aber ich habe, als ich in diesem Beratungsgremium war der EnBW, habe ich meinen Antiatomkurs und meine Antiatomposition also nicht an der Garderobe abgegeben.

Burchardt: Und konnten Sie da Erfolge aus Ihrer Sicht verzeichnen?

Schlauch: Ja. Leider kamen die dann nicht zustande, weil es dann einen Personalwechsel gegeben hat. Aber ich hatte hoch spannende Projekte eingespeist mit alternativen Energien, und zwar im großen Maßstab, also nicht im kleinen Maßstab. Und die wurden verfolgt. Die konnten dann aufgrund eines Personalwechsels dann nicht realisiert werden. Also ich hatte da sozusagen Einflussmöglichkeiten.

Alte Monopolwelt zerstört – "nicht zuletzt durch die Grünen"

"Natürlich gerät man mal auch an einen Falschen."

Entwicklung der Energiewirtschaft. Problematische Geschäftskontakte zu einem Billigstrom- und Kommunikationsanbieter. Honorarkonsul von Albanien.

Burchardt: Wir haben im Augenblick in der deutschen Energiewirtschaft so etwas im Prozess, was man turbokapitalistische Fusion nennen könnte, vielleicht auch Konfusion, nämlich EnBW, RWE und Innogy. Was sagen Sie eigentlich als Energiespezialist zu solchen Fusionen? Werden die nicht letztendlich auf Kosten der Verbraucher gehen?

Schlauch: Das wird ja schon vorausgesagt, dass durch Bildung von Oligopolen… Mir kommt es so vor, als ob mit dieser Fusion sozusagen wieder die alte Welt zumindest strukturell hergestellt wird.

Burchardt: Über Monopole?

Schlauch: Ja. Die alte Welt ist zerstört worden, nicht zuletzt durch die Grünen. Ein für meine Begriffe großer Erfolg der Grünen, dass man von diesen Monopolen weggekommen ist. So. Ein paar Jahre, zehn Jahre lang war ein Niedergang dieser Monopole, dieser Oligopole festzustellen, Gebietsmonopole. Und irgendwie scheint es mir sozusagen das Ziehen eines Rettungsankers zu sein, um sozusagen wieder zur alten Größe zurückzukommen. Ich glaube aber, dass da die Zeit zu weit fortgeschritten ist.

Burchardt: Hat das Globalisierungsaspekte?

Schlauch: Natürlich glauben sie, so habe ich das jedenfalls verstanden, dass sie in der Globalisierung dadurch einen besseren Stand haben. Ich habe allerdings Zweifel, dass das funktioniert.

Burchardt: Herr Schlauch, wenn man Ihre Vita nachliest, so finden sich dort auch etwas sybillinische Formulierungen. Sie hätten mal einen Milliardendeal mit Teldafax im Sinn gehabt, und der sei kläglich gescheitert. Was heißt das genau?

Schlauch: Dazu muss man Folgendes sagen, dass da ein Journalist des "Handelsblatts" möglicherweise – ich kann es mir nicht anders erklären – sozusagen bestimmte Briefwechsel über die Ermittlungsakten gegen den damaligen – ich weiß nicht mehr, wie er hieß – von Teldafax in die Hände bekommen hat.

Burchardt: Korruption im Spiel …

Schlauch: Ja. Ich hatte mit Teldafax, mit der Firma Teldafax, nie was zu tun.

Burchardt: Wieso ist das mit Ihnen verbunden worden?

Schlauch: Weil ich mit diesem Menschen, der Teldafax-Vorstand, also der war Vorstand der Teldafax, war ich in einer anderen Frage in der Kommunikation. Aber mit der Teldafax-Firma hatte das nichts zu tun. Insofern, natürlich gerät man mal auch an einen Falschen. Und das ist nicht schön, aber es ist so.

Honorarkonsul von Albanien

Burchardt: Gut. Das ist nicht schön. Aber dann machen wir doch noch eine schöne Schlussfrage. Sie sind liiert, ich weiß gar nicht, verheiratet mit einer albanischen Schauspielerin, und Sie sind auch Honorarkonsul von Albanien geworden. Aber wie das dann so ist, wird auch daran herumgemeckert. Nicht an Ihrer Liaison, sondern daran, dass Sie gesagt haben sollen, Albanien sei ein sicheres Herkunftsland. Warum?

Schlauch: Ja. Würde ich auch jederzeit durchargumentieren wollen. Albanien hat mit Sicherheit große Probleme in Sachen Armut, in Sachen Arbeitslosigkeit. Wie gesagt, dass die Leute Existenzängste haben. Aber eine politische Verfolgung, und das ist die Frage des sicheren Herkunftslandes, das ist mir nun absolut nicht bekannt. Der jetzige Ministerpräsident, ein Künstler, ein Sozialdemokrat oder Sozialist, wie immer Sie das nennen wollen, ist ein absoluter Europäer mit europäischen Werten. Alles, was ich dort kennengelernt habe, auf dem Land, in der Stadt – wie gesagt, mit Sicherheit große soziale Probleme, sehr große Probleme, aber keine politische Verfolgung.

Burchardt: Herr Schlauch, vielen Dank für dieses Gespräch, von Baden-Württemberg nach Albanien!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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