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StartseiteUmwelt und VerbraucherDie Energiewende kommt an den Finanzmärkten an 22.07.2016

Grünes InvestmentDie Energiewende kommt an den Finanzmärkten an

In der Finanzbranche findet derzeit ein Umdenken statt. Umweltschutz und Nachhaltigkeit galten lange Zeit als eine Art Job-Killer mit strengen Vorschriften, die die Wirtschaft kaputt machten. Inzwischen hat sich das Angebot an "grünen" Anleihen, Krediten oder Indizes vervielfacht.

Von Dieter Nürnberger

Windräder drehen sich am 10.06.2015 in Schweden auf der Ostsee in einem Offshore Windpark. Versehen mit Denkfabrik-Stempel. (picture alliance/dpa/Britta Pedersen)
Investitionen in Windkraft waren lange nicht im Visier der Finanzmärkte - das ändert sich gerade. (picture alliance/dpa/Britta Pedersen)
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Die Städte Münster, Stuttgart und Berlin sind bereits vorgeprescht: Sie werden künftig ihre Gelder aus Unternehmen abziehen, die mit fossilen Energieträgern ihr Geschäft betreiben. In Berlin geht es immerhin um rund 750 Millionen Euro, die als Versorgungsrücklage für Pensionen von Beamten und Angestellten angelegt werden. Bisher wurden sie in Anteile an Unternehmen, wie "RWE", "E.On" oder "Total" investiert - nun sollen neue Anlagerichtlinien formuliert werden, die vor allem auf Nachhaltigkeit setzen.

Diese Städte schließen sich somit der Divestment-Bewegung an, zu der inzwischen mehr als 500 institutionelle Anleger wie Kommunen, Fonds oder Stiftungen gehören. Seit Kurzem bekennt sich auch der Versicherungskonzern "Axa" zum Divestment. Christian Thimann ist der Nachhaltigkeitsbeauftragte des Unternehmens:

"Es ist ein Thema, welches einem als Unternehmen betrifft - als Versicherungsunternehmen, aber auch als Investor. Wir haben beschlossen uns zurückziehen, aus Verantwortung vor der Gesellschaft. Weil der fossile Sektor beschleunigt zum Klimawandel beiträgt. Insofern war das eine Entscheidung aus unternehmerischer Selbstverantwortung." 

Eine Umwandlung zu einer Versorgung ohne fossile Energieträger wird teuer

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung veranstaltete am gestrigen Abend in der Berliner Humboldt-Universität eine Podiumsdiskussion zum Thema. Und recht schnell wurde klar, dass es nicht nur um Divestment geht, um den Abzug von Geldern, sondern auch zielgerichtet um ein darauf folgendes grünes Investment, so Hans Joachim Schellenhuber, der Direktor des Klimafolgenforschungsinstituts: 

"Wir haben ja längst die Blaupausen dafür, wie eine wesentlich bessere, eine humanere und nachhaltigere, wahrscheinlich sogar eine dynamischere Wirtschaft entstehen kann. Vielleicht muss man gar nicht schrumpfen, sondern man kann in einer bestimmten Weise durchaus weiterwachsen. Auch in den Industrienationen. Wir haben inzwischen wunderbare Alternativen." 

Auch im Pariser Klimaabkommen von 2015 ist die Rede von einer Umleitung der Finanzströme, um das Zwei-Grad-Ziel bei der Erderwärmung noch zu erreichen. Eine Umwandlung hin zu einer Versorgung weitgehend ohne fossile Energieträger wird jedoch Billionen Euro, so schätzen Experten, kosten. Geld, welches die Staaten wohl nicht auftreiben können. Institutionelle und auch private Anleger suchen deshalb derzeit nach grünen Investments, um den Wandel voranzutreiben. Axel Weber war bis 2011 Präsident der Deutschen Bundesbank. Heute sitzt er im Verwaltungsrat des schweizerischen Bankunternehmens USB. Er sagt, die Botschaft eines grünen Investments sei längst auch bei den Großen der Branche angekommen: 

"Wir reden gar nicht darüber, Erträge nicht zu haben. Und dafür Nachhaltigkeit als hehres Ziel umzusetzen. Wir sind vielmehr in einem Umfeld, wo Sie Nachhaltigkeit mit Erträgen kombinieren können. Weil Sie diese in zukunftsfähige Investitionen stecken. Und weil Nachhaltigkeit zukunftsfähig und ertragsorientiert ist."  

"Fragen Sie einfach das nächste Mal ihren Bankberater"

Solche Einschätzungen sind nicht unumstritten, denn nicht wenige Experten machen gerade den Drang zu immer mehr Wachstum für den Klimawandel mit verantwortlich. 

Wer privat Geld investieren möchte, hat derzeit aber auch Probleme. Viele Anlageideen, die unter grünem Etikett laufen, sind wenig transparent. Susan Dreyer ist Direktorin des Carbon Disclosure Projekts, welches ein Ende der Kohleförderung weltweit propagiert. Doch fließt das Geld für grünes Investment wirklich in die richtigen Kanäle, wie etwa den Ausbau erneuerbarer Energien?

"Jeder von uns hat mit dem Geld, welches er investiert, auch einen Klima-Impact. Fragen Sie einfach das nächste Mal ihren Bankberater. Fragen Sie ihn nach dem Zwei-Grad-Ziel, fragen Sie, ob Ihr Geld ökologisch und nachhaltig angelegt ist. Er wird Ihnen diese Frage wahrscheinlich nicht beantworten können. Aber je mehr Sie fragen, desto mehr wird er selbst Informationen verlangen. Und so bringen wir gemeinsam das Thema in´s Rollen." 

So habe Frankreich beispielsweise Ende des vergangenen Jahres eine Art Biosiegel für Finanzprodukte vorgestellt. Transparenz sei der entscheidende Schlüssel, um hier voranzukommen - da sind sich die meisten Experten einig. 

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