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StartseiteKommentare und Themen der WocheGanztag ist mehr als kostenlose Betreuung von 8 bis 16 Uhr07.09.2021

GrundschulenGanztag ist mehr als kostenlose Betreuung von 8 bis 16 Uhr

Gut, dass der Rechtsanspruch auf Ganztag in Grundschulen kommt - damit der Westen in dieser Frage endlich zum Osten aufhole, meint Claudia von Laak. Nur mit pädagogischen Konzepten und vor allem gut ausgebildeten Fachkräften könne die Ganztagsschule auch zu einem bildungspolitischen Erfolg werden.

Ein Kommentar von Claudia von Laak

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Grundschüler tanzen bei der Einschulung in die Grundschule Herman-Nohl-Schule hinter Stuhlreihen mit Schulranzen. (picture alliance/dpa | Swen Pförtner)
Der Rechtsanspruch bedeutet noch nicht, dass es ab 2026 eine flächendeckende Versorgung geben wird mit Ganztagsgrundschulen, sagt Claudia van Laak in ihrem Kommentar (picture alliance/dpa | Swen Pförtner)
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Mütter und Väter im Osten der Republik reiben sich verwundert die Augen: Was, erst jetzt, im Jahr 31 der Deutschen Einheit verabschiedet der Bundestag einen Rechtsanspruch auf Ganztag in der Grundschule? Und der gilt noch nicht einmal ab sofort, sondern erst in fünf Jahren? Und dieser Rechtsanspruch bedeutet noch nicht, dass es ab 2026 eine flächendeckende Versorgung geben wird mit Ganztagsgrundschulen. Das Gesetz bedeutet nur, dass Mütter und Väter diesen Platz einklagen können und im Zweifel eine finanzielle Entschädigung erhalten. Geld, mit dem sie dann eine Betreuung ihrer Kinder am Nachmittag bezahlen können.

Eine Lehrerin steht an der bemalten Tafel und spricht zu Schulkindern (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Matthias Bein) (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Matthias Bein)Rechtsanspruch für Grundschulkinder - Was der Beschluss zur Ganztagsbetreuung bedeutet
Jedes Kind, das ab dem Schuljahr 2026/2027 eingeschult wird, soll in den ersten vier Schuljahren Anspruch auf einen Ganztagsplatz bekommen. Was bedeutet der Kompromiss zwischen Bund und Ländern für die Kinder und für die Eltern? Welche Kosten entstehen und wo gibt es noch Probleme? Ein Überblick.

Dies gilt natürlich nur für den Westen der Republik, denn im Osten ist die Versorgung mit Ganztagsgrundschulen in der Regel top – und das nicht erst seit gestern. Während Mütter und Väter in Thüringen den Rechtsanspruch überhaupt nicht brauchen – hier arbeiten ausnahmslos alle Grundschulen im Ganztagsbetrieb – haben Eltern in Baden-Württemberg das Nachsehen: Zwei von drei Grundschulen bieten keinen Ganztag an – Vereinbarkeit von Beruf und Familie scheint im Südwesten der Republik kein erstrebenswertes Ziel zu sein. Gut, dass es jetzt den Rechtsanspruch gibt, damit der Westen endlich zum Osten aufholt.  

Pädagogische Qualität ist wichtig

Quantität ist allerdings nicht alles. Bis zum Mittag eine Schulstunde nach der anderen, am Nachmittag dann lediglich eine fachlich nicht qualifizierte Aufsicht - diese Ganztagsschule ist pädagogisch wenig sinnvoll. Erst gebundene Ganztagsschulen bieten Kindern die besten Entwicklungschancen – so die Erkenntnis der Bildungsforscher. Gebundener Ganztag: das ist Unterricht auch am Nachmittag, dafür am Vormittag beziehungsweise mittags längere Pausen mit Sport, dem gemeinsamen Mittagessen, der Theater AG, dem Schulchor.

Brennpunkt-Schulen weiter ein Problem

Dass eine gute Ganztagsgrundschule mehr umfassen muss als nur eine kostenlose Betreuung von 8 bis 16 Uhr, zeigt das Beispiel Berlin. Die flächendeckende Versorgung mit Schulplätzen und das kostenlose Schulmittagessen allein haben nicht dazu geführt, dass Bildungsdefizite ausgeglichen werden konnten. Im Gegenteil: Die Leistungen der Schülerinnen und Schüler aus sozialen Brennpunkten haben sich in den letzten Jahren sogar noch verschlechtert.

Es reicht eben nicht aus, die Ganztagsschule nur als sozialpolitische Errungenschaft zu verstehen. Nur mit pädagogischen Konzepten und vor allem gut ausgebildeten Fachkräften kann die Ganztagsschule auch zu einem bildungspolitischen Erfolg werden.

Claudia van Laak  (Deutschlandradio / Bettina Straub) Claudia van Laak (Deutschlandradio / Bettina Straub)Claudia van Laak, Jahrgang 1963, zog nach ihrem Studium von Germanistik, Journalistik und Wirtschaftswissenschaften in die "Noch-DDR". In Thüringen arbeitete sie beim MDR, wechselte dort als Landeskorrespondentin zum Deutschlandradio. Danach Korrespondentin in Brandenburg, jetzt Leiterin des Landesstudios Berlin.

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