Kampagne "Sports Free"
Kritik am geplanten Gruppen-Coming-out im Profifußball

Am 17. Mai, dem internationalen Tag gegen Homophobie, soll es etwas geben, was es so noch nie gegeben hat: ein Gruppen-Coming-out im Profifußball, organisiert von der Kampagne "Sport Free". Experten sehen jedoch keine nachhaltigen Effekte.

Von Raphael Späth | 11.05.2024
Eine Regenbogenfahne als Eckfahne in einem Fußballstadion.
Am 17. Mai soll es ein Gruppen-Coming-out im Profifußball geben. Organisiert hat die Aktion die Kampagne "Sports Free" von Marcus Urban. (IMAGO / NurPhoto / IMAGO / MI News)
Im November 2023 sorgt eine Ankündigung in Deutschland für Schlagzeilen: Am 17. Mai, dem internationalen Tag gegen Homophobie, könnten sich mehrere Profifußballer in Europa outen. Das Ganze im Rahmen einer Kampagne namens "Sports Free", organisiert von Marcus Urban. Urban ist in den 90er-Jahren Jugendnationalspieler, beendet seine Fußball-Karriere aber, weil der Druck als ungeouteter homosexueller Fußballer damals zu groß war.
Porträt von Marcus Urban.
Marcus Urban hat die Kampagne "Sports Free" ins Leben gerufen. (IMAGO / Funke Foto Services / IMAGO / Reto Klar)
Unterstützung hat Marcus Urbans Initiative in den vergangenen Monaten von mehreren Profi-Vereinen aus der 1. und 2. Bundesliga erhalten, darunter auch dem FC St. Pauli. Im Vereins-Podcast erklärt Marcus Urban im Dezember, dass er mit seiner Kampagne „Sports Free“ eine Online-Plattform schaffen will, auf der homosexuelle Fußballer sich outen können, "um die Sache mal zu lösen, zu normalisieren. Also a) die Profisportlerinnen und -sportler aber auch die Vereine zu dem Thema zu professionalisieren oder einfach gesprochen locker zu machen."

Urban dämpft die Erwartungen

Für ein Interview mit dem Deutschlandfunk steht Urban in diesen Tagen nicht zur Verfügung. Im Interview mit dem "Stern"-Magazin dämpft Urban in dieser Woche aber die Erwartungen. Aktive Profifußballer würden sich momentan noch zurückhalten, betont er. Die Spieler seien extrem vorsichtig, keiner traue sich aus der Deckung. Er selbst habe bislang keinen direkten Kontakt zu schwulen Profis, sondern nur über Kontaktleute. Die Kampagne sei aber trotzdem schon ein Erfolg – wegen der Unterstützung der Profi-Klubs und der medialen Aufmerksamkeit.
"Ich finde es schade, dass so eine Kampagne nötig ist", sagt Christian Rudolph, der seit 2021 beim Deutschen Fußball-Bund für die Anlaufstelle für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt verantwortlich ist. "Ich hätte mir gewünscht, dass die Kampagne weniger aufs Coming-out abzielt, sondern eher die Kraft des gesamten Sports sammelt und wir den queeren Sportlerinnen und Sportlern eine Stimme geben, die bereits geoutet sind, aber eben nicht die Öffentlichkeit erhalten."

Rudolph fehlt ein breiteres Bündnis

Christian Rudolph erzählt, dass der DFB bisher nicht in Marcus Urbans Kampagne mit eingebunden wurde. "Das fehlt mir leider bei der Kampagne, dass da ein breiteres Bündnis aufgebaut wurde, was das Ganze mit unterstützt."
Rudolph hofft zwar, dass durch ein Gruppen-Coming-out die strukturellen Probleme im Fußball offensichtlich werden, "meine Befürchtung ist aber, dass es eher dazu beiträgt, zu sagen: ‚Ja, geht doch.‘ Da wird sich gerne bei solchen Reaktionen zurückgelehnt, aber gar nicht weiter hinterfragt, warum es auch weiterhin keine Selbstverständlichkeit sein wird. Also: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer."
Noch deutlicher formuliert es Erik Denison, der seit Jahren über Homosexualität im Sport forscht: "Es ist eine Ablenkung, weil es Menschen das Gefühl vermittelt, dass das Problem angegangen wird und sich etwas verändert - obwohl das in der Realität ja nicht so ist. Es ist eine Illusion der Inklusion. Es gibt die Illusion, dass sich Dinge verändern, obwohl das in der Realität nicht so ist.“

Homofeindliche Sprache im Sport noch immer verbreitet

Homofeindliche Sprache gehört im Sport auf allen Ebenen noch immer zum Alltag. Das zeigen wissenschaftliche Studien, an denen Erik Denison in den vergangenen Jahren mitgewirkt hat.
"Wir haben uns angeschaut, ob das Coming-out von Athleten irgendeinen positiven Effekt hatte, seit 1975. Die amerikanische NFL ist zum Beispiel eine der Ligen, in der sich am meisten aktive oder ehemalige Sportler geoutet haben über die Jahre. Aber: Die Studien haben gezeigt, dass homofeindliche Sprache auch dort noch Alltag ist und dass es keine sichere und inklusive Umgebung für schwule Menschen ist. Also: Coming-outs verändern nichts, zumindest so, wie sie momentan stattfinden. Außer, die Sportler outen sich und werden zu Aktivisten, die für Wandel kämpfen.“

Erstes Coming-out-Video bereits veröffetlicht

Die Kampagne von Marcus Urban hat in dieser Woche schon ein erstes Coming-out-Video veröffentlicht. Darauf zu sehen ist Dirk Elbrächter, der bei der TSG Hoffenheim für die Social-Media-Inhalte verantwortlich ist. Er erzählt, dass er schon seit 15 Jahren in einer homosexuellen Beziehung lebe, sich aber im Fußball-Umfeld nie offen dazu bekannt habe. Anfang des Jahres sei er dann auf die "Sports Free"-Kampagne von Marcus Urban aufmerksam geworden.
"Das Ganze hat den Anstoß dafür geliefert, dass ich eines Tages gesagt habe: Ich möchte das so nicht mehr. Hab mich mit meinen Kollegen unterhalten und mit der Geschäftsführung der TSG. Und wirklich ganz fantastische Reaktionen bekommen, was mich sehr gefreut und ermutigt hat. Und ich dann auch dachte: Mein Gott, warum hast du denn so lange darauf gewartet? Das hättest Du doch alles schon viel eher haben können."

Rudolph sieht Vereine in der Verantwortung

„Wir müssen ein Umfeld schaffen, wo es eine Selbstverständlichkeit ist, wo wir das akzeptieren“, sagt Christian Rudolph, der in dieser Frage vor allem die Vereine in der Verantwortung sieht.
"Ich würde mir wünschen, dass die Fußballvereine nicht nur die Regenbogenflagge raushängen, sondern auch selbst aktiv werden und eigene Programme auf die Beine stemmen. Also auch Schulungsmaßnahmen und Netzwerke anbieten für ihre Mitarbeiter*innen. Ich zähle Fußballer*innen ja nicht nur als was Gesondertes, sondern es sind Mitarbeiter*innen der Vereine. Und die Vereine haben zahlreiche Angestellte in den Geschäftsstellen. Wenn wir da nicht schaffen ein offenes Klima zu schaffen, wie wollen wir das dann auf dem Fußballplatz schaffen?"