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StartseiteInterviewGTZ-Mitarbeiter Uh fordert echte Partnerschaft mit nordafrikanischen Ländern15.07.2008

GTZ-Mitarbeiter Uh fordert echte Partnerschaft mit nordafrikanischen Ländern

Dieter Uh von der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit im marokkanischen Rabat hat einen besseren Know-how- und Technologietransfer zwischen Europa und den nordafrikanischen Mittelmeer-Anrainern gefordert. Ziel sollte es sein, dass die Staaten, die zur sogenannten EUMENA (EU, Middle East und North Africa) gehörten, zu einer Großregion werden.

Moderation: Christian Schütte

Die Straße von Gibraltar mit dem Blick auf Marokko (Stock.XCHNG / Matthias Haeuser)
Die Straße von Gibraltar mit dem Blick auf Marokko (Stock.XCHNG / Matthias Haeuser)

Christian Schütte: Sonnenenergie in Marokko, ist das vor Ort überhaupt schon ein großes Thema?

Dieter Uh: Also, hier in Marokko diskutiert man das durchaus, wobei noch sehr viel stärker die Windenergie im Vordergrund steht, weil Marokko sehr, sehr gute Windverhältnisse hat. Aber, und das muss man gleich dazu sagen, es gibt auch zunächst einmal einfach den Bedarf hier für den heimischen Markt. Marokko hat einen immensen Strombedarfszuwachs jedes Jahr auf sechs bis acht Prozent. Das bedeutet praktisch für das Land mit einer installierten Kapazität von etwas über 5000 Megawatt, im Vergleich dazu: Deutschland hat ungefähr 100.000 Megawatt installiert, bedeutet es eine enorme Herausforderung, überhaupt diesem Bedarf hinterherzukommen. Und ein zweiter Punkt ist einfach auch die Form der Solarenergie, um die es hier in der Diskussion immer wieder geht. Es sind solarthermische Kraftwerke, aber auch Photovoltaikanlagen. Die sind ja im Vergleich zu Windenergie, zu Wasserenergie heute einfach doch noch ein Stückchen teurer. Und für diese Länder hier allemal noch eine ganze Ecke zu teuer. Das dauert einfach noch zehn Jahre ungefähr, bis wir an der Ecke sind, dass das sich für die Länder eigentlich auch besser darstellt.

Schütte: Das heißt, im Moment sind die Ziele der Mittelmeerunion noch gar nicht einlösbar, weil Afrika überhaupt noch nicht darauf vorbereitet ist.

Uh: Also, es gibt zwei Sachen dazu zu sagen. Der eine Punkt ist sicherlich diese ganze Vorstellung, Solarstrom nach Europa zu importieren ist zunächst mal eine Idee, die in Europa geboren wurde. Die Gespräche [Funkloch] noch nicht besonders intensiv gewesen darüber. Und man muss auch sehen, dass die einzelnen Länder sehr, sehr unterschiedliche Interessenlagen in diesem Bereich haben. Marokko, Tunesien und dann Jordanien, Syrien haben vergleichsweise wenig fossile Energien, also Gas oder Öl, und sind an diesem ganzen Konzept sehr viel stärker interessiert natürlich, als etwa Algerien, Libyen, Ägypten, die über große Gas- und Ölvorkommen verfügen. Da teilen sich schon mal die Länder. Das ist das Eine. Das Zweite ist, was in diesen Plänen meistens gar nicht mitgerechnet wird, das ist die Tatsache, dass man für diesen Transport dieses Stroms dann ja starke Netze braucht. Das sind Riesen Investitionen, die da getätigt werden müssen. Und auch wenn sicherlich Europa da in nicht unerheblichem Maße bereit ist, auch dafür in die Bresche zu springen oder auch da viel zu investieren, dennoch die entscheidenden Keyplayer in Europa sind da im Grunde noch gar nicht eingebunden in das Konzept. Das sind nämlich die großen Stromnetzbetreiber, die großen Stromversorger in den europäischen Märkten. Und, nur um Einige zu nennen, das ist, in Spanien ist das Red Eléctrica Española, Iberdrola , Endesa, in Frankreich ist es die EDF, also Éléctricité de France, in Italien ist es Enel. Da kommt schon ein bisschen auch, jedenfalls bei mir kommen da zwei Bedenken hoch. Das muss man ganz klar sehen. Die Vorstellung, dass Élécricité de France seine Netze verstärkt, um Solarstrom aus Nordafrika nach Europa zu leiten, ist angesichts des Nuklearanteils in Frankreich doch aus heutiger Sicht etwas, na ja, etwas gewagt. Und man muss dann einfach auch sehen, dass die Leute in Deutschland auch, sie haben ja gerade wieder eine große Debatte um die Kernkraft und die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke, genau diese Leute loben ja diese Konzeption auch unglaublich hoch. Und da muss man sich auch die Frage stellen, wieso denn? Und da muss man auch aufpassen, dass die Initiatoren, die ich ganz gut kenne, die dieses Konzept auch ursprünglich mal geboren haben, das sind durchaus ehrenwerte und engagierte Leute, und die Idee und die Vision als solche ist ja auch schön. Aber wir stehen kurz davor, dass das politisch enorm missbraucht wird mit dem Argument "machen wir doch mal Solarstrom in Nordafrika, dann brauchen wir in Deutschland oder in Europa nichts mehr zu tun für die erneuerbaren Energien". Und da muss man verflucht aufpassen.

Schütte: Haben Sie Anzeichen dafür, dass das konkret passiert?

Uh: Also, in Deutschland weiß ich es konkret. Da können Sie im Bundestag oder die Verbände drumherum fragen. Bei der letzten Erneuerung, oder der Veränderung des Erneuerbaren Energien-Gesetzes in Deutschland, die ja gerade vor einem Monat etwa dann den Bundestag passiert hat, hat es heftigste Debatten darum gegeben und es gibt durchaus nicht, oder durchaus einflussreiche Kreise, die sagen, und manche haben es schon immer gesagt, die gesagt haben "na ja, was machen wir hier in Deutschland eine Förderung für die Photovoltaik oder für Wind oder so ähnlich, warum gehen wir nicht in Regionen, wo die Sonne mehr scheint oder der Wind mehr bläst". Das Argument klingt immer erst mal sehr, sehr eingängig. Man muss sich allerdings einfach nur mal vorstellen, wo wir heute stünden, wenn Deutschland und Spanien zum Beispiel, und dann inzwischen ja auch andere Länder, kein solches Einspeise-Gesetz gemacht hätten. Die gesamte Technologieentwicklung hätte so nicht stattgefunden.

Schütte: Das heißt, Herr Uh, zusammengefasst, Solarstrom aus Nordafrika bedeutet weiterhin Kernkraft in Europa und in Deutschland.

Uh: Nein, man, der Punkt ist der: Das ist eine schöne Vision, die es jetzt zu untersetzen gilt mit einer echten Partnerschaft mit den Ländern, um die es geht. Weil die Länder wollen natürlich auch von der technologischen Entwicklung profitieren, sie wollen hier in Marokko, ist ganz klar, da steht natürlich das Modell Deutschland auch durchaus als Vorbild da, aber auch deswegen, weil nämlich die erneuerbaren Energien Arbeitsplätze schaffen, auch gerade für eine junge Generation. Es gibt hier viele Ingenieure, die keine Arbeit finden. Es gibt viele Leute, die auch im Land im Bereich von Biomassennutzung sehr, sehr viel Arbeit finden könnten. All das sozusagen muss in so einem Konzept mitgedacht werden und nicht nur einfach von Europa aus mal gesagt werden "jetzt machen wir mal ein bisschen Strom aus der Sahara nach Europa und dann brauchen wir in Deutschland nichts mehr zu tun".

Schütte: Was wäre denn der richtige politische Anreiz an die nordafrikanischen Länder, verstärkt in diese Technologie zu investieren?

Uh: Es ist das, was ich eine echte Partnerschaft nenne. Und das schließt mit ein, dass die Länder an der technologischen Entwicklung mit teilhaben können, dass man den berühmten Know-how- und Technologietransfer so organisiert, dass daraus letztendlich, was ja in dem Konzept auch ein bisschen dahinter liegt, das tatsächlich - hier ist mal so diskutiert worden unter dem Stichwort: eine EUMENA-Region entsteht, also MENA steht für Middle East and North Africa, also die ganze Region ums Mittelmeer, dass quasi Europa und diese Region eine Großregion werden eines Tages, die sozusagen auch in der Konkurrenz gegenüber dem gesamten amerikanischen Kontinent und gegenüber Asien sozusagen ein eigenes Gesicht und einen eigenen Wert hat und wo praktisch das insgesamt nachher eine Lösung wird, wo nicht das Eine gegen das Andere ausgespielt wird.

Schütte: Aus eigener Kraft oder mit finanzieller Unterstützung aus Europa?

Uh: Natürlich ist, natürlich ist eine Unterstützung aus Europa durchaus hilfreich, wobei so arm sind die Länder ja nun auch nicht mehr. Sie haben sicherlich auch noch mit Armut zu tun, das ist keine Frage. Und die Europäische Union tut ja auch Einiges, es gibt große Nachbarschaftsprogramme mit den Ländern, wo durchaus auch hier nach Marokko wird in den nächsten Jahren, werden 60 Millionen Euro nur für den Energiebereich fließen. Da passiert schon Einiges. Man kann das intensivieren. Es ist gar keine Frage, dass die, praktisch wenn Sie das umgekehrt sehen, oder wir erleben es hier immer wieder, wie groß das Interesse zum Beispiel deutscher Unternehmen an Marokko ist. Das ist relativ gering. Es gibt einige wenige, die sich tatsächlich dafür interessieren. Aber die deutsche Wirtschaft oder viele gucken halt noch nach Osten, in die Osterweiterung der EU, das ist im Moment noch sehr stark die Perspektive.

Schütte: Dieter Uh, Mitarbeiter in Rabat bei der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit fordert insofern ein Umdenken. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

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