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StartseiteHintergrundSündenbock oder Terrororganisation? 05.08.2016

Gülen-BewegungSündenbock oder Terrororganisation?

Für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist klar, wer hinter dem gescheiterten Militärputsch steckt: Fethullah Gülen, einstiger Freund, heute Staatsfeind Nummer eins. Laut aktueller Umfrage geht die Mehrheit der türkischen Bevölkerung ebenfalls davon aus, dass Gülen der Drahtzieher des 15. Juli ist - aber eben nicht alle.

Von Luise Sammann

Fethullah Gülen (dpa/picture alliance/Selahattin Sevi/Zaman Daily)
Fethullah Gülen ist das Oberhaupt der religiösen Gülen-Bewegung und lebt inzwischen in den USA. (dpa/picture alliance/Selahattin Sevi/Zaman Daily)
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"Die türkische Demokratie lebt, weil ihr sie verteidigt habt! Möge Allah unser Land beschützen!" Die Stimme des Moderators schallt über den Taksim-Platz, bevor sie im Jubel der Menschenmenge untergeht. Der 28-jährige Veli zeigt auf seinen Unterarm. Seit dem Putschversuch am 15. Juli kommt AKP-Unterstützer jede Nacht hierher, um an der sogenannten Demokratiewache im Zentrum Istanbuls teilzunehmen. Auch nach drei Wochen bekommt er dabei jeden Abend eine Gänsehaut.

"Hier zu stehen, in dieser Atmosphäre. Das ist unbeschreiblich! In den ersten Tagen habe ich noch meine Fahne geschwenkt. Inzwischen tun mir die Arme so weh, dass ich sie mir nur noch um die Schultern hänge. Meine Ohren sind auch schon ganz taub, meine Stimme ist heiser. Aber ich komme weiter jeden Tag, bis halb vier am Morgen. Obwohl ich um acht wieder bei der Arbeit sein muss."

Velis Freund Selim nickt zustimmend. Seit Präsident Erdogan die Türken in der Putschnacht aufrief, auf die Straßen zu strömen und sich den Soldaten entgegen zu stellen, hat der Familienvater keinen Abend mehr zu Hause verbracht.

"Es ist unsere Pflicht hier zu sein. Für unsere Nation, für unser Volk und unser Land. Erst wenn der Präsident sagt, geht nach Hause, dann gehen wir. Wenn es aber wieder einen Putschversuch geben sollte, dann sind wir da, um die Demokratie zu verteidigen."

Aus den Lautsprechern rundherum dröhnt jetzt die Erdogan-Hymne. "Recep Tayyip Erdogan" singt der Sänger voller Inbrunst. Veli und Selim bekommen feuchte Augen. Dann verschwinden sie in der Menge.

Perfekte Organisation am Taksim-Platz der "Demokratiewachen"

Das rote Fahnenmeer vor der Bühne wiegt sich im Takt der Musik. Wie kleine Inseln ragen Busse und Lastwagen daraus hervor, von denen kostenlos Getränke, Döner und Kuchen verteilt werden. Die sogenannten Demokratiewachen sind professionell organisiert: Für Verpflegung, Transport und selbst für Kinderbetreuung ist gesorgt. Alles kostenlos. Die Straßenverkäufer mit ihren Handkarren und Bauchläden machen dieser Tage schlechte Geschäfte am Taksim-Platz. Er sei eigentlich gar kein AKP-Wähler, beteuert ein etwas abseits stehender Mann, sondern Anhänger der nationalistischen MHP. Aber selbst das spiele in diesen Tagen keine Rolle.

"Hier und heute ist die ganze Türkei vereint. Leute von allen Parteien kommen hierher, weil wir alle übereinstimmen, dass niemand einfach kommen und mit Gewalt unsere Demokratie abschaffen kann. Der Taksim-Platz, Istanbul und die Türkei gehören dem Volk. Wer das ändern will, muss uns erst alle töten."

Der MHP-Wähler übertreibt, wenn er behauptet, wirklich alle Türken würden an den sogenannten Demokratiewachen teilnehmen, die seit dem 15. Juli im ganzen Land abgehalten werden, denn Anhänger der linksliberalen HDP oder auch der sozialdemokratischen CHP sucht man hier dabei vergeblich. Vielen säkularen Türken machen die offene Erdogan-Anbetung, die faschistisch anmutenden Sprechchöre und die immer wieder über den Platz schallenden Allahu-Akbar-Rufe sogar Angst.

Und doch stimmt es, dass der gescheiterte Putschversuch die Türkei auf erstaunliche Weise geeint hat. Selbst im Parlament in Ankara herrscht ungewohnter Frieden. Oppositionschef Kemal Kilicdaroglu nahm vergangene Woche gar eine Einladung in Erdogans 1.000 Zimmer zählenden Präsidentenpalast an, nachdem er jahrelang geschworen hatte, diesen – Zitat – "illegalen Bau niemals betreten zu wollen". Kurz darauf ließ Erdogan sämtliche Klagen wegen Präsidentenbeleidigung fallen, die er in der Vergangenheit gegen Oppositionspolitiker angestrengt hatte. Für Sonntag ist eine Großdemonstration gegen den Putsch geplant, die parteiübergreifend Millionen Teilnehmer zusammenbringen soll. Sowohl CHP-Chef Kilicdaroglu als auch Präsident Erdogan haben zugesagt. Töne und Szenen, die in der restlos zerstrittenen Türkei, in der selbst Faustkämpfe im Parlament keine Seltenheit sind, bis vor Kurzem undenkbar waren. Nun aber zeigen sie vor allem eines: Die Angst vor der Gülen-Bewegung – die laut Umfragen von bis zu 90 Prozent der Türken hinter dem Putschversuch vermutet wird – ist größer als der seit Jahren wachsende Hass zwischen den unterschiedlichen politischen Gruppen. Zu Recht, glaubt der Türkei-weit bekannte Journalist und Gülen-Kenner Ahmet Sik.

"Wenn jemand die Macht über den Sicherheitsapparat eines Staates hat, über Polizei, Armee und Geheimdienst also, dann hat er den Staat faktisch unter seiner Kontrolle. Die Gülen-Bewegung hat ein halbes Jahrhundert lang genau daran gearbeitet, in dem sie sich mit jeder Regierung gut gestellt und so langsam ihre Leute eingeschleust hat."

Recherchen des Gülen-Kenners Sik

Journalist Sik gilt als einer der besten Gülen-Kenner in der Türkei. Im Jahr 2011 brachte ihn sein Buch "Die Armee des Imams" ins Gefängnis. Damals galten Gülen und Erdogan noch als beste Freunde, die gemeinsam an der Entmachtung des kemalistisch geprägten Militärs arbeiteten. Kritik an der Bewegung war tabu, Siks Recherchen wurden konfisziert. Erst der Bruch zwischen Erdogan und Gülen im Jahr 2012 sorgte dafür, dass auch Sik frei kam. Der gestern noch gefeierte Prediger Gülen war zum Staatsfeind Nummer eins geworden – und Siks Buch über das Innenleben seiner Bewegung durfte gedruckt werden. Ahmet Sik:

"Die Gülen-Bewegung ist aufgebaut wie eine Weinrebe. Ein unglaublich verzweigtes aber bis zur letzten Traube durchorganisiertes Netzwerk. Diese Strukturen dringen in die Häuser, die Straßen, die Stadtviertel, Städte und Länder, in denen die Bewegung aktiv ist. Dabei bilden sich jeweils Einheiten aus fünf bis sieben Eingeweihten und ihrem Anführer, dem sogenannten Imam. Auch die Imame organisieren sich dann wieder in Gruppen von fünf bis sieben Leuten, denen ein Anführer vorsteht usw. Zwischen den einzelnen Einheiten besteht so wenig wie möglich Kontakt. Viele Mitglieder kennen sich untereinander nicht mal mit richtigem Namen."

Obwohl Siks Insider-Wissen in der Türkei allseits bekannt ist, gilt er in vielen Kreisen als ungebetener Gast. Zu oft hat er schon auf die Verantwortung hingewiesen, die vor allem die AKP beim Erstarken der heute als Terrororganisation geführten Bewegung hat. Dass es die Imam-Struktur am Ende bis in die Polizeizentralen, in die Armeeführung und in jedes Ministerium geschafft hat, sei ihrer chamäleonartigen Anpassungsfähigkeit und den guten Beziehungen zu allen Regierungen der Türkei – vor allem aber der aktuellen zu verdanken, so Sik. Die AKP wusste immer mit wem sie es zu tun hatte.

"Es gibt alte Videokassetten, auf denen der Prediger Fetullah Gülen persönlich zu seinen Anhängern spricht und ihnen Anweisungen gibt, sich in den Sicherheits- und den Justizapparat der Türkei einzuschleichen. Er hat dieses Ziel also vor 23 Jahren vor laufender Kamera erklärt."

Dass die Gülen-Bewegung mehr als die moderate, bildungsbewusste Wohltätigkeitsorganisation ist, als die sie sich auch in Deutschland gern präsentiert, ist in der Türkei unumstritten. Aber ist sie deswegen auch für den Putschversuch verantwortlich, bei dem am 15. Juli etwa 250 Menschen umkamen, Soldaten auf unbewaffnete Zivilsten schossen und junge Männer von Panzern überrollt wurden? Wie die Mehrheit der Türken ist auch Journalist Sik von der Schuld der Gülenisten überzeugt, glaubt aber, dass die ganze Wahrheit komplizierter ist.

"Ich glaube, dass hinter dem Putschversuch eine Koalition steckt. Sicherlich gehören ihr Gülen-Leute an, denn die waren am Ende die am weitesten verzweigte und am besten organisierte Gruppe in der Armee. Aber die zweitwichtigste Gruppe waren Leute, die zwar keine Gülen-Anhänger aber dennoch eindeutige AKP-Gegner waren und die aktuelle Regierung schon lange loswerden wollten."

Auch wenn Journalist Sik sich nicht weiter festlegen will, schon die Putscherklärung, die eine Sprecherin des öffentlichen Fernsehsenders TRT am 15. Juli unter Zwang verlesen musste, legt die Vermutung nahe, dass die wenigen verbliebenen Kemalisten – einst unangefochtene Elite im türkischen Militär – die Mittäter gewesen sein könnten.

Mehrmals fallen in der kurzen Erklärung zur Machtübernahme der Putschisten Begriffe, die so nur streng säkulare Türken verwenden würden. Der verstorbene Republikgründer wird etwa "allmächtiger Atatürk" genannt. Keine typische Wortwahl für die Anhänger einer religiösen Bewegung.

Journalist Ahmet Sik glaubt jedoch nicht nur an mehrere Tätergruppen, sondern auch daran, dass der türkische Geheimdienst von den Putschplänen Wind bekommen und einen Teil der Eingeweihten auf seine Seite gezogen hatte, bevor es losging. Deswegen die fast schon dilettantisch anmutende Ausführung des Ganzen, deswegen der seltsam gewählte Zeitpunkt am Abend und nicht – wie sonst überall auf der Welt üblich – im Morgengrauen.

Ümit Kivanc hört nicht auf kritische Fragen zu stellen

Auch der landesweit bekannte Schriftsteller Ümit Kivanc gehört zu den wenigen Menschen in der Türkei, die nicht aufhören wollen Fragen zu stellen. In seinen Artikeln zitierte er in den letzten Wochen immer wieder die Aussagen von Armeeangehörigen, die angeblich nicht am Putschversuch beteiligt waren, sich aber dennoch in Widersprüchen zu Vorwissen und Aufenthaltsort in der Nacht vom 15. Juli verstrickten. Auch die Behauptung der Armeeführung, dass gerade einmal 1,5 Prozent des Militärs an den Aktionen beteiligt gewesen sein sollen, macht Kivanc misstrauisch. Wieso, fragt er, haben die übrigen 98,5 angeblich loyalen Prozent dann nicht eingegriffen, bevor Brücken gesperrt, das Parlament bombardiert und hunderte Menschen tot waren?

"Es gibt eigentlich viele, die sich dieser Tage solche Fragen stellen. Aber wir kommen einfach nicht an Daten heran, die uns wirklich weiterbringen könnten. Wir können nur das filtern, analysieren und auf Widersprüche untersuchen, was öffentlich zugänglich ist. Wir betreiben Journalismus. Aber das reicht in so einem Fall nicht, um belegbare Ergebnisse zu erhalten."

Ümit Kivanc ist sich sicher: Die Wahrheit über die Ereignisse des 15. Juli wird bewusst verheimlicht. Vielleicht, um jene zu schützen, die sich im letzten Augenblick auf die Seite der Regierung geschlagen haben und dafür jetzt von Verfolgung und Entlassung verschont bleiben. Vielleicht auch, um die türkische Armee nicht noch mehr aus den Fugen zu heben, als durch tausende Verhaftungen ohnehin schon geschehen. Vielleicht aber auch, weil der Glaube der türkischen Mehrheitsbevölkerung, allein Gülen stecke hinter dem Putschversuch, der AKP-Regierung willkommen sein dürfte. Führt sie doch dazu, dass selbst die größten Erdogan-Kritiker in diesen Tagen schweigen.

Yeldegirmeni, auf der asiatischen Seite Istanbuls, gilt als Viertel der einstigen Gezi-Demonstranten. Eylem – mit Nasenring und Struwwelhaar – macht kein Geheimnis daraus, dass sie von Erdogan und der islamisch-konservativen AKP nichts hält. Als vor drei Jahren die Proteste um den Gezi-Park ausbrachen, kündigte sie ihren Job und zog an den Taksim-Platz, um für eine andere Türkei zu kämpfen. Eine Türkei mit weniger Erdogan und mehr Meinungsfreiheit, wie sie sagt. Heute, wo der Präsident per Dekret regiert und tausende Menschen verhaftet werden, sitzt sie entspannt in der Sonne und rührt in einem Glas Cay.

"Während Gezi hatten wir diese Wut in uns und die trieb uns auf die Straße. Aber heute fühle ich gar keine Wut. Ich bin höchstens verwirrt und irgendwie ratlos. Ich schaue mir an, was hier passiert, wie eine Zuschauerin. Dieser Kampf zwischen Erdogan und Gülen – der geht mich überhaupt nichts an."

Eylem folgt mit ihren Blicken dem Gemüseverkäufer, der rufend einen Karren voller Bohnen und Zwiebeln vorbeischiebt. Die 29-jährige Regierungskritikerin ist nicht die einzige in Yeldegirmeni, die dieser Tage keinen Grund zum Protestieren sieht.

"Ich finde es richtig, dass die Gülen-Anhänger ein für alle Mal aus dem Staatswesen entfernt werden", meint auch Tarik, studierter Politikwissenschaftler und Kurde, der in Yeldegirmeni eine Saftbar betreibt. Mit ausgestreckten Beinen sitzt er auf dem Bürgersteig und wartet auf Kunden.

"Eine Partei wie die AKP kann man ablehnen und mit Argumenten bekämpfen. Sie hat ein Gesicht, einen Standpunkt, ein Programm. Aber die Gülen-Bewegung ist keine Partei. Das sind Leute wie Mafiabosse, die versteckt operieren, auf eine Art organisiert, die keiner durchschaut, mit Zielen, die keiner genau kennt. Da ist mir Erdogan lieber. Der ist wenigstens gewählt."

Tarik schüttelt den schwarzen Lockenkopf. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet er eines Tages Erdogan verteidigen würde? Die Verhaftung von tausenden Verdächtigen hält er für beängstigend aber auch für logisch. Immerhin habe es einen Putschversuch gegeben. Can, ebenfalls einstiger Gezi-Demonstrant, nickt zustimmend. Nichts ist gefährlicher als die undurchsichtigen Ziele und Praktiken eines islamischen Predigers, der den ganzen Staat durchsetzt zu haben scheint, findet auch er.

"Solange sie die aktuelle Situation nicht ausnutzt, stehe ich deswegen in diesem Fall voll hinter der Regierung."

Es ist das Fehlen jeglicher Empathie in der zersplitterten türkischen Gesellschaft, das hier zum Ausdruck kommt, glaubt Emma Sinclair Webb – langjährige Türkei-Beauftragte der Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch. Auf der anderen Seite des Bosporus‘ sitzt sie hinter einem von Akten und Papierstapeln überhäuften Schreibtisch.

Furcht um den Verlust von Freiheit 

"Im Moment können wir noch nicht von einem generellen Ausschalten jeder Art von Opposition sprechen", betont sie entgegen dem im Ausland vorherrschenden Eindruck, nicht nur Gülenisten, sondern Erdogan-Kritiker jeder Art müssten seit dem 15. Juli mehr um ihre Freiheit fürchten, als vorher auch schon.

"Trotzdem sollte niemand in der Türkei in diesen Tagen denken, weil er kein Gülenist ist, sei alles in Ordnung. Denn auch wenn die Dinge erst mal in eine bestimmte Richtung beginnen, können sie sich ganz anders entwickeln, wenn erst einmal eine Tür geöffnet wurde. Ein Prozess, der nicht auf klaren Kriterien basiert, kann jederzeit auch auf andere Kreise ausgeweitet werden."

Auch Webb-Sinclair zweifelt nicht daran, dass die Macht der Gülenisten vor allem im türkischen Justizsystem einen gefährlichen Grad erreicht hatte. Angst vor einer solchen Bewegung zu haben, sei das gute Recht jedes Türken. Dennoch kritisiert sie die aktuellen Vorgänge scharf.

"Wir sind nicht einmal sicher, nach welchen Kriterien den Beschuldigten momentan eine Gülen-Verbindung vorgeworfen wird. Im Moment sieht es so aus, als gäbe es keine einheitlichen Verfahren, sondern nur ein Brandmarken und Bestrafen."

Nicht nur die zweifelhaften Entlassungen und Verhaftungen gegen angebliche Gülen-Anhänger beschäftigen die Menschenrechtsaktivistin, sondern auch die sozialen Folgen, die die Beschuldigungen für einzelne nach sich ziehen können.

"Wir untersuchen 50.000 Fälle von Beamten, die in den letzten Wochen gefeuert wurden. In vielen Familien ist dadurch das einzige Einkommen weggebrochen. Und dann ist da die soziale Stigmatisierung: Stellen Sie sich die Konsequenzen vor, wenn die Leute in einer Nachbarschaft zum Beispiel nicht mehr in einem bestimmten Laden kaufen, weil der Inhaber ein Gülen-Verdächtiger ist. Diese Menschen zu brandmarken, ohne irgendeinen Beweis für eine tatsächliche Straftat vorzulegen, richtet großen Schaden an."

Zerrüttete Gesellschaft

Es ist die Angst vor solchen sozialen Spannungen in der ohnehin sozial zerrütteten türkischen Gesellschaft, die eine Gruppe von Intellektuellen dazu bewegte, sich vergangene Woche mit einem offenen Brief zu Wort zu melden. Auch Schriftsteller Ümit Kivanc gehört zu den 34 Unterzeichnern:

"Was die Regierung getan hat, nämlich die Bilder von misshandelten Gefangenen an die Öffentlichkeit zu geben, gibt den Menschen die Botschaft: Mit Gülen-Leuten könnt ihr machen, was ihr wollt. Wenn hier heute jemand auf eine Gruppe zeigt und ruft 'Das sind Putschisten!', dann könnten sie im nächsten Moment gelyncht werden. Gegen diese Stimmung wollten wir uns wenden. Es geht jetzt darum, eine Kultur zu schaffen."

Ümit Kivanc weiß, dass seine Gedanken nur wenige Türken erreichen. Der Ruf nach der Wiedereinführung der Todesstrafe kurz nach dem Putschversuch kam nicht von ungefähr. Noch, so glaubt auch der Schriftsteller, hat die berüchtigte Hexenjagd auf Erdogan-Kritiker jeder Art nicht begonnen. Die Unsicherheit aber wachse täglich. Vor allem, weil das fehlende Demokratie- und Rechtsverständnis nicht nur in der Regierung, sondern auch in der Gesellschaft zeige: Was heute mit angeblichen Gülen-Anhängern passiert, könnte schon morgen kritische Intellektuelle – und eines Tages selbst die Unterstützer der heute noch so mächtigen AKP treffen. Die Zahl derer, die in der Türkei Rachegelüste hegen, ist groß.

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