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StartseiteInterviewGünter Grass gegen Berlin als Standort für 'Zentrum gegen Vertreibungen'16.05.2002

Günter Grass gegen Berlin als Standort für 'Zentrum gegen Vertreibungen'

Günther Grass

<strong>Schäfer-Noske:</strong> Halten Sie ein 'Zentrum gegen Vertreibungen' für eine sinnvolle Sache?

Grass: Also, grundsätzlich ist dagegen überhaupt nichts zu sagen, im Gegenteil: Das letzte Jahrhundert ist - nun gut, ich mag solche Übertitel nicht -, aber es ist gezeichnet gewesen von Vertreibungen. Es begann schon zu Beginn des Jahrhunderts mit dem Massaker der Türken an den Armeniern und hat sich fortgesetzt. Dann wurden die Deutschen sehr aktiv: Wir haben gleich zu Beginn des Krieges viele Polen vertrieben. Das setzte sich fort in der Ukraine, in anderen Regionen. Dann kam diese Vertreibung auf uns zurück, das Unrecht kehrte sich um und wir waren die Leidtragenden. Wir haben es noch in letzter Zeit in Bosnien und im gesamten jugoslawischen Gebiet, auf dem Balkan erlebt, dass sich diese schreckliche Praxis der ethnischen Säuberung und der damit verbundenen Vertreibung fortgesetzt hat. Also, es ist sicher richtig, wenn man dafür ein Dokumentationszentrum einrichtet. Ob Deutschland nun der richtige Ort ist, da habe ich meine Zweifel, denn ich kenne die Initiative von Frau Steinbach, und Frau Steinbach ist nach wie vor, auch in ihren Äußerungen, von Ressentiment gezeichnet. Ein solches Zentrum hat nur Sinn, wenn wir all die falschen Zungenschläge, die wir während der letzten Jahrzehnte erlebt und gehört haben, möglichst vermeiden. Und wenn nun auf polnischer Seite, wie ich finde, zum ersten Mal zu erkennen gegeben wird, dass man zu den eigenen Verschuldungen auch steht, die im Zusammenhang mit der Vertreibung der Deutschen auch nachzuweisen sind, wenn also die Polen auch bereit sind, auch ihr eigenes Verschulden und ihr eigenes Versagen in dieser Sache mitzudokumentieren, ist das ein ernster Vorschlag, und der muss mit beraten werden. Vielleicht kann es zu einer Kooperation kommen. Ich bin sowieso dafür, dass, wo auch immer man dieses Zentrum errichtet, das Kuratorium ein europäisches ist. Das darf nicht allein in polnischer oder in deutscher Hand sein.

Schäfer-Noske: Wie schätzen Sie denn die Stimmung in Polen ein? Ist denn die Zeit dort schon reif für ein solches Zentrum?

Grass: Das ist ja immer ganz merkwürdig, dass sich in der Literatur solche neuen Entwicklungen abzeichnen. Schon seit mehr als einem Jahrzehnt gibt es polnische Autoren, die jenseits der These der damaligen kommunistischen Partei und auch der katholischen Kirche, die beide sagten, uraltes, polnisches Gebiet sei zurückerobert worden, standen. Dem wurde widersprochen. Und es gibt Autoren, die dann in Romanen, in Erzählungen die Frage gestellt haben: Wer war vor uns da auf diesem Bauernhof, in dieser Wohnung, etc. Das hat sich in der Literatur niedergeschlagen und spätestens seit zehn bis zwölf Jahren ist die Diskussion in diesem Bereich offen. Allerdings, was auf gar keinen Fall geschehen darf, dass man wieder anfängt, die Grenze in Frage zu stellen, Forderungen an Polen zu richten. Das würde ein Fass öffnen, in dem die gegenseitigen Vorwürfe dann wieder im Vordergrund stünden.

Schäfer-Noske: Was könnte denn ein solches Zentrum in Breslau möglicherweise leisten?

Grass: Es kann erst einmal das dokumentieren, was geschehen ist, damit es nicht dem Vergessen anheimfällt. Es kann diese Mechanismen auch aufdecken, wie es zu solchen Vertreibungen kommt, wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit mit Motor sind, in wieweit auch Demagogen ihre Taktik anwenden, um Volksmehrheiten zu mobilisieren, die solche Vertreibungen mitstützen. Da gibt es also eine Vielzahl von Möglichkeiten. Auch das Gespräch mit Überlebenden, die Erfahrungen, die schrecklichen Erfahrungen während der Vertreibung sollten mit eine Rolle spielen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Türkei bis heute noch offiziell die Ermordung von über einer Millionen Armeniern - das war der erste Völkermord im letzten Jahrhundert - leugnet.

Schäfer-Noske: Das heißt aber auch, dass durch dieses Nachdenken über die Gemeinsamkeit, vertrieben worden zu sein, auch Wunden geheilt werden könnten und ein Symbol des Neuanfangs gesetzt werden könnte?

Grass: In dem Augenblick, in dem man darüber spricht, in dem die Tatsachen auch dokumentiert werden, die dann auch nicht mehr geleugnet werden können, setzt auch ein - ich will nicht sagen Heilungsprozess -, aber doch etwas ein, was den jeweiligen Opfern und ihren Bedürfnissen entspricht. Sie sind nicht vergessen, sie werden erwähnt und finden sich und ihr Schicksal, gemeinsam mit dem Schicksal anderer, in einem solchen Zentrum dokumentiert, und das finde ich gut.

Schäfer-Noske: Ein Kommentator der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat sich gestern noch einmal für ein solches Zentrum in Berlin ausgesprochen, und zwar mit dem Argument: Die Deutschen dürften sich da jetzt nicht, wenn sie sich ihren eigenen Erinnerungen stellen wollen, das Unbequeme, so ein Zentrum, in dem sie sich auch auseinandersetzen wollen, wieder nach Polen abschieben.

Grass: Ich halte das nicht für ein Abschieben. Außerdem liegt das alles auch ganz nahe beieinander. Man muss auf jeden Fall, von polnischer wie auch von deutscher Seite, ins Gespräch kommen, und vielleicht findet man eine Lösung, die sich weder auf Breslau noch auf Berlin konzentriert. Ich halte zum Beispiel einen Grenzort, wie Frankfurt an der Oder für genauso geeignet, also dass dieses Dokumentationszentrum unter europäischer Beteiligung federführend von Deutschen und Polen betrieben wird.

Schäfer-Noske: Das heißt eben auch, dass andere Konflikte - Sie haben die Armenier eben schon angesprochen - da durchaus auch vorkommen können und Mechanismen deutlich gemacht werden?

Grass: Und vor allen Dingen, dass die Leitung eines solchen Zentrums nicht allein in deutscher oder polnischer Hand liegt. Das Ganze ist ein europäisches Problem, mit Folgen bis heute. Und es würde auch unserer allgemeinen Tendenz entsprechen, in dem Europa ja doch mehr und mehr zusammenwachsen soll. Neue ost- und mitteleuropäische Länder werden in die Europäische Gemeinschaft aufgenommen. Also, soll man ein solches Projekt von vornherein nicht national bestimmen und leiten.

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