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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Günther Lachmann: Tödliche Toleranz. Die Muslime und unsere offene Gesellschaft11.04.2005

Günther Lachmann: Tödliche Toleranz. Die Muslime und unsere offene Gesellschaft

Piper Verlag, München 2005, 288 Seiten, 14 Euro

<strong> Derselbe 11. September 2001, der John Perkins veranlasst hat, sich als Raubritter einer skrupellosen Wirtschaftsweise zu outen, ist für andere Anstoß, sich über den Kampf der Kulturen zu verbreiten. Im wesentlichen geht es dabei gegenwärtig 'dem Islam’ an den Kragen, der als Quelle allgegenwärtiger Gefahr geoutet wird. So auch im Buch des Weltredakteurs Günther Lachmann, der sich über die Muslime in 'unserer offenen Gesellschaft’ seine Gedanken gemacht hat. 'Wir und unsere Muslime’, schreibt er, seien eine 'explosive Mischung’. Walter van Rossum zum Schluss heute mit einer Polemik zu Lachmanns Buch 'Tödliche Toleranz’:</strong>

Von Walter van Rossum

Muslime in Deutschland (AP)
Muslime in Deutschland (AP)

In seinem Buch über "die Muslime und unsere offene Gesellschaft" behauptet der Journalist Günther Lachmann, dass der weiße Mann es zu weit in Sachen Toleranz getrieben habe. Die muslimischen Gastarbeiter in Deutschland hätten das ausgenutzt und zusammen mit der weltweiten islamistischen Verschwörung stünden sie jetzt kurz davor, unsere Gesellschaft zu unterwandern und die Verfassung durch islamische Religionsgesetze zu ersetzen. Lachmann schreibt:

"Es kann nicht verwundern, dass den Deutschen Zweifel kommen, ob es gut ist, eine Religion zu tolerieren, in deren Namen ein Terrorkrieg geführt wird und die, in der Auslegung radikaler Kräfte, nicht nur Religion sein soll, sondern eine eigenständige Ideologie. Immerhin will der orthodoxe Islam die grausamen Gesetze der Schari'a zum allgemein gültigen Staatsrecht erheben."

So sieht die Welt für Günther Lachmann aus: Der Türke ist in erster Linie Muslim, und als Muslim unterstützt er den Terror. Und natürlich hält sich der Muslim nur an die barbarischen Gesetze des Koran, und er strebt danach, unsere Verfassung durch die Religionsgesetze der Schari'a zu ersetzen. Scharfe Thesen für einen Mann, der offenkundig wenig über die Türkei weiß, kaum Ahnung vom Islam hat und die muslimischen Immigranten nur aus einem älteren Lehrbuch der Rassenkunde zu kennen scheint. Zunächst einmal sollte man Lachmann daran erinnern, dass in der Türkei ein nicht gerade zimperlicher Staat seinen Untertanen seit Jahrzehnten den Gottesstaat untersagt. Und dass die Mehrzahl der Türken in Deutschland sich der Schari'a verpflichtet fühlt, den Terrorismus bejaht und unsere Verfassung durch Gottesgerichte ersetzen will, ist nicht mehr und nicht weniger als barer Unsinn - deshalb aber nicht weniger perfide. Lachmann behauptet:

"Der Islam unterscheidet sich in einem Punkt gravierend von anderen Religionen: Er hat ein eigenes religiöses Recht entwickelt, dass alles menschliche Handeln nach islamischer Ethik bewertet und durch Gesetze regelt."

Der Blick z.B. in ein Jugendlexikon der Weltreligionen hätte Lachmann darüber informiert, dass fast alle Religionen ihre eigenen Gesetze haben. Insbesondere die christliche und die jüdische Religion. Ein Katholik darf sich bekanntlich nicht scheiden lassen und ein Jude am Shabbat nicht arbeiten. Und fast alle Religionen konkurrieren in ihren Grundlagentexten grausam darin, wie man mit dem Ungläubigen zu verfahren habe. Und in diesem Sinne wird man eine erstaunliche Teilmenge an Grundüberzeugungen beim katholischen Kardinal Meisner und bei manchem iranischen Mullah finden.

Zwar bekennen sich alle islamischen Verbände in der Bundesrepublik zur Verfassung, räumt selbst Lachmann ein. Aber er lässt sich nicht so leicht hinters Licht führen und überführt "den" Türken schwerer fundamentalistischer Tatbestände - um dann die Jahrzehnte zurückliegende Klage einiger weniger türkischer Eltern gegen den Sexualkundeunterricht zu erwähnen. Eine Klage, die abgewiesen wurde. Im Falle des gemischtgeschlechtlichen Sportunterrichts allerdings folgte das Gericht den religiösen Bedenken. Lachmann kommentiert:

"Mit solchen Richtern im Rücken setzten die Muslime den Bau von Moscheen, notfalls gar den von Minaretten mit Lautsprecheranlagen durch."

In Köln, um nur ein Beispiel einer Stadt mit hohem türkischen Bevölkerungsanteil zu nennen, gibt es viele Muslime, aber kein Minarett mit Lautsprecheranlage. Hingegen gibt es viele kleine Moscheen, die sich als Gemüseläden tarnen müssen – auch aus Angst vor ausländerfeindlichen Übergriffen. Bei dieser Gelegenheit muss man einmal wieder daran erinnern, dass in Istanbul weit über hundert christliche Kirchen stehen, die selbstredend ihr Glöcklein bimmeln lassen können, ohne dass jemand daran Anstoß nähme. Aber Lachmann, Redakteur bei der 'Welt’, hat ja noch andere schlagende Beweise für fundamentalistische Umtriebe recherchiert:

"Die Türken sehen sich Fußballspiele lieber in ihrem Lokal an. Sie jubeln auch nicht für Deutschland, obwohl sie hier leben und einige ihrer Jungs Oliver Kahn 'echt krass' finden. Sie applaudieren lieber bei jedem Tor, das die deutsche Nationalmannschaft kassiert."

Bei so viel platter Verachtung dämmert uns allmählich, warum Türken ein echtes Integrationsproblem in Deutschland haben: von Toleranz keine Spur. Im elementaren Verstande bedeutet Toleranz, Differenz auszuhalten. Davon ist Günther Lachmann denkbar weit entfernt. In seinem Buch zählt er Differenzen oder angebliche türkische Eigenheiten wie eine Liste von Verbrechen auf. Über die Verfassungstreue der hier lebenden Muslime wachen immerhin eine Reihe gut gerüsteter Staatssicherheitsbehörden, doch es wird Zeit, sich über die Verfassungstreue von solchen Zeitgenossen wie dem Journalisten Günther Lachmann Sorgen zu machen. Elementare Grundrechte wie die Religionsfreiheit hält er offenbar für gefährlichen Unsinn.

Auf 280 Seiten kann man bei Günther Lachmann nachlesen, dass sich rassistische Vorurteile hierzulande bester Gesundheit erfreuen: Ihre intakte Argumentationsstruktur richtet sich heute nicht mehr nur gegen die wenigen noch in Deutschland lebenden Juden, sondern jetzt verstärkt gegen Muslime. Wenn Lachmann in dem angeblich verfassungskonformen Türken einen Schläfer entdeckt, der, wenn die Stunde kommt, als Allahs Tretmine lauert, dann hat das erschreckende Ähnlichkeit mit dem Bild, das vor 70 Jahren vom "assimilierten Juden" kursierte. Und dem orthodoxen Ghettojuden mit Schläfenlocken erwächst im frommen Ghettotürken ein Spiegelbild. Fanatisch leben sie ihrer Religion und harren darauf, als Horden ihres Gottes die westliche Zivilisation zu überrennen. Die finsteren Hintermänner mit dem unermesslichen Reichtum hießen früher Rothschild und Oppenheim, jetzt finden sich die Drahtzieher des islamischen Komplotts in Saudi-Arabien.

Nichts erfährt man aus diesem Buch über den Zustand der türkisch-islamischen Integration in Deutschland. Mit einer atemberaubenden Mischung aus Ahnungslosigkeit und ideologischem Eifer toupiert Günther Lachmann ein paar ganz normale Konflikte und Probleme zur Untergangsvision hoch. Dieses Buch belegt vor allem die bedenkliche Geistesverfassung der bürgerlichen Mitte in Europa, die soweit entfernt vom rechten Rand nicht ist, von dem sie sich so gerne distanziert.

Walter van Rossum war das über Günther Lachmanns 'Tödliche Toleranz’ erschienen im Piper Verlag. 14 Euro kostet das Buch mit 288 Seiten.

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