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StartseiteKultur heute"Wir brauchen einen TÜV für öffentliche Kunst"09.06.2020

Guerillakunst in Bremen"Wir brauchen einen TÜV für öffentliche Kunst"

In Bristol wird eine Rassisten-Statue vom Sockel gestürzt. In Bremen taucht die anonyme Plastik eines alten Mannes in den Wallanlagen auf. Wer entscheidet eigentlich in einer Demokratie, welche Werke öffentlich zu sehen sein sollen? Im Dlf fordert der Kunstkritiker Hanno Rauterberg neue Kriterien.

Hanno Rauterberg im Gespräch mit Jörg Biesler

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In den Bremer Wallanlagen am Rande der Innenstadt ist über Nacht eine Bronzestatue mit Einkaufswagen aufgetaucht. Wer sie geschaffen hat und was sie bedeuten soll, ist unbekannt. Viele sehen in dem Bronzemann einen Obdachlosen. (imago images / Eckhard Stengel)
Plötzlich stand sie in den Bremer Wallanlagen: die anonyme Bonzeskulptur eines alten Mannes mit Einkaufswagen. (imago images / Eckhard Stengel)
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Dass Menschen in den städtischen Gegenden zurzeit öfter bereit sind, sich einzumischen und zu partizipieren, sieht Hanno Rauterberg, Kulturredakteur der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", positiv -  gerade im Hinblick auf Kunstwerke im öffentlichen Raum:

"Jetzt ist es interessant, darüber nachzudenken, wie man mit solchen Interventionen umgeht. Wie reagieren Menschen auf Kunstwerke? Wie gehen sie damit um?"

Eine Guerilla-Kunst-Aktion wie jene in Bremen, wo plötzlich über Nacht die lebensgroße Bronze eines Mannes mit Einkaufswagen in einer Grünanlage stand, sei durchaus bemerkenswert. Das größte Problem vieler Kunstwerke, habe schließlich schon der Schriftsteller Robert Musil festgestellt, sei ja ihre Unsichtbarkeit:

"Jetzt redet die ganze Stadt darüber."

Demonstranten transportieren die Statue gemeinsam durch Bristol. (picture alliance/ NurPhoto/ Giulia Spadafora) (picture alliance/ NurPhoto/ Giulia Spadafora)"Koloniale Denkmäler auf den Kopf stellen" Die Statue eines ehemaligen Sklavenhändlers zu stürzen, hält der Historiker Jürgen Zimmerer für richtig. Das gelte allerdings nicht automatisch für alle deutschen Kolonialdenkmäler - die müssten in ein aktives Erinnerungskonzept eingebunden werden, sagte er im Dlf.

Nicht nur die "Happy Few"

Auch wenn viele Werke, deren Aufstellung im öffentlichen Raum einmal demokratisch beschlossen wurde, künstlerisch keine hohe Qualität haben, erfüllten sie eine wichtige Funktion, sagte Rauterberg im Deutschlandfunk:

"Kunst ist dort nicht nur für die 'Happy Few' da, die es sich leisten können, sie zu sehen. Auch die Kriterien, die Kunst im öffentlichen Raum zu guter Kunst machen, sind andere als im Museum. Ob Kinder sie zum Beispiel gefahrlos beklettern können, könnte eines sein."

Interessant sei dabei, so Rauterberg in "Kultur heute" nicht allein der ästhetische Wert einer Arbeit:

"Manche Werke haben einen Denkmal- und Erinnerungswert. Was ist an der Entstehungs- und Aufstellungsgeschichte interessant? Was hat, wie in Bristol, zu einer Skulptur für einen Sklavenhändler geführt? Und wo setzen wir heute, im übertragenen Sinne, Sklavenhändlern Denkmale?

Nicht für die Ewigkeit

Trotzdem müsse nicht jedes Kunstwerk im öffentlichen Raum ewig stehenbleiben, findet Hanno Rauterberg:

"Ich wünsche mir eine Art TÜV für solche Arbeiten. Wir sollten alle paar Jahre schauen: Taugt das Kunstwerk noch, oder hat es seine Zeit hinter sich? Anschließend könnte es in einen Themenpark der abgelegten Kunstwerke überführt werden. Dort bekäme es dann noch einmal einen ganz anderen Sehwert."

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