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StartseiteMusikjournalSpanische Orchester leiden unter Sparpolitik12.02.2018

Gürzenich-Orchester auf TourneeSpanische Orchester leiden unter Sparpolitik

Seit der Finanzkrise in Spanien wird auf vielen Ebenen gespart - vor allem auf kultureller. Darunter leiden die spanischen Orchester, denn viele Musiker verlassen das Land. Es droht ein kulturelles Ausbluten. Zum Austausch und zur Begegnung gastierte das Gürzenich-Orchester Köln in Madrid und Zaragoza.

Von Michael Struck-Schloen

Gürzenich Orchester Köln unter seinem Chefdirigenten François Xavier Roth. (Holger Talinski)
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Béla Bartóks "Konzert für Orchester" war zweifellos eine gute Wahl fürs Gastspiel des Gürzenich-Orchesters im Auditorio Nacional von Madrid. Denn wenn im Intermezzo zwei Posaunen mit bierbäuchigen Glissandi auftreten, dann scheint plötzlich, mitten im sittenstrengen Kastilien, der rheinische Karneval auszubrechen. Doch nur für einen Moment, denn was dann folgt, ist die wunderbarste und zarteste Engelsmusik – und die klingt nicht nach Kölner Dom, sondern eher nach dem Konzert der Engel auf dem Verkündigungs-Gemälde von El Greco im Prado.

In glühenden Farben feiern die Engel von El Greco eine göttliche Kunst, der es im realen spanischen Leben nicht ganz so gut geht.

"Leider - das Geld für Kultur ist viel weniger geworden."

Finanzkrise in Spanien

Wofür Cristina Peris, die in Madrid eine internationale Künstleragentur vertritt, die Finanzkrise verantwortlich macht. Sie beschert Spanien bis heute eine hohe Arbeitslosigkeit – vor allem unter Jugendlichen. Für die Städte ist das eine wichtigere Baustelle als die Unterstützung der Konzerthäuser, die stark zurückgefahren wurde.

"Viele Städte laden einfach keine Orchester mehr. Die ganze Programmation wird mit dem Regionalorchester oder dem Stadtorchester gemacht. Viele Orchester haben die Besetzung reduziert, und das heißt, die machen Programme für die Besetzungen; wenn sie mehr Leute brauchen, dann ist es nach Projekt."

Die Auswirkungen dieser Sparpolitik sind schmerzhaft: Viele Musiker erhalten nur noch Zeitverträge oder verlassen das Land in Richtung Frankreich oder Deutschland, die Qualität der Orchester sinkt, am Ende steht die kulturelle Ausblutung. François-Xavier Roth, der Chefdirigent des Gürzenich-Orchesters, kennt Spanien noch aus der Zeit, als mit EU-Geldern viele schöne Konzertsäle gebaut wurden, um der Kultur in der Ära nach Franco architektonische Leuchttürme zu schaffen – in Valencia, Santander, Murcia oder Saragossa.

Aktive zeitgenössische Szene in Madrid

"In den 90er-Jahren gab es viele viele neue Säle hier überall, und sehr gute Säle. Jetzt, mit 'la crise', ist es schwieriger für die Orchester auch hier und für die musikalische Szene, muss man sagen. Aber man merkt, hier gibt es auch viele sehr dynamische Leute. Unsere zeitgenössische Musikszene, Madrid, ist sehr, sehr aktiv."

Zwar ist die Orchesterversion des Streichquartetts "Livre" von Pierre Boulez keine zeitgenössische Musik mehr – doch für die Abonnenten der Konzerte in Madrid und Saragossa ist sie doch eine sanfte Provokation. Solche Herausforderungen aber gehören für François-Xavier Roth zum Selbstverständnis. Und deshalb versteht er unter dem Label "Drei B" nicht Bach, Brahms und Bruckner, sondern Boulez, Beethoven und Bartók – wobei Beethoven mit dem seltener gespielten zweiten Klavierkonzert mit dem britischen Solisten Benjamin Grosvenor vertreten ist.

Kammermusik statt Kraftmeierei

"Wir denken nicht: Ah, wir spielen in Spanien, da muss man langsamer spielen oder schneller. Es geht darum: Wer sind wir, was wollen wir zeigen und geben. Und eine wirkliche Freude ist, die Leute zu treffen und diese Kultur zu treffen."

Und der Chefdirigent weiß das ein wenig reservierte Publikum auf seine Seite zu ziehen. Er verzichtet auf den zeremoniellen Frack, macht Ansagen auf Spanisch und spielt nicht den Dompteur, sondern atmet mit dem Orchester, formt Klänge, will Kammermusik statt Kraftmeierei. Die gibt es natürlich auch in Béla Bartóks "Konzert für Orchester", in dem das Gürzenich-Orchester eine atemberaubende Virtuosität an den Tag legt.

Überhaupt hat deutsche Musik in Spanien einen guten Klang, und Orchester wie die Berliner Philharmoniker, das Leipziger Gewandhausorchester oder die Gäste aus Köln bessern in dieser Saison die Bilanz des größten spanischen Konzertunternehmers Ibermúsica auf – zu Kartenpreisen von bis zu 200 Euro! Nicht gerade ein Anreiz für die weniger Verdienenden, in die klassische Musik einzutauchen. Aber Ibermúsica ist heute das einzige Unternehmen, das überhaupt noch auswärtige Ensembles und Stars einkauft, ohne staatliche Unterstützung, gefördert von wenigen Sponsoren. Trotzdem will Llorenç C. Pàmies, der Chef von Ibermúsica, nicht ganz auf die neue Musik verzichten.

"Wir haben derzeit als Hauskomponisten Jesús Rueda, ein spanischer Komponist. Wir animieren Gastorchester, seine Musik zu spielen und geben ihm Aufträge für je ein Werk für großes und kleines Orchester. Das Problem ist, dass wir einerseits das Publikum ins Konzert holen und andererseits die Kartenpreise bei teuren Gastorchestern ziemlich hoch ansetzen müssen. Manchmal ist es schwierig, das mit neuer Musik zu erreichen."

Begegnung und Austausch

Der Abschluss der Tournee findet in Zaragoza an einer langen Tafel in einem Restaurant nahe dem Auditorium statt. Es gibt Tapas mit Meeresfrüchten, François-Xavier Roth und sein Team, das drei Tage lang unter Hochdruck gearbeitet hat, begießen den Erfolg der beiden Konzerte mit einem Glas Weißwein. Aber für Roth ist die Bilanz der Tournee ist nicht nur künstlerischer Natur: Entscheidend für ihn sind die Begegnung und der Austausch.

"Ich denke, dass Tournee ist wirklich eine Garantie, vielleicht, für eine gesündere Gesellschaft überall."

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