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StartseiteTag für Tag"Es steigen Emotionen hoch, regelrecht Ekel"19.03.2021

Gutachten zu sexueller Gewalt in der Kirche"Es steigen Emotionen hoch, regelrecht Ekel"

In der sachlichen Juristensprache des Gutachtens zum Umgang mit sexueller Gewalt im Erzbistum Köln werde ein System sichtbar, das moralisch verkommen sei, sagt Dlf-Kirchenexpertin Christiane Florin. Es reiche nicht aus, dass sich Kleriker auf rechtliche Pflichten beschränkten - und moralische ausblenden.

Christiane Florin im Gespräch mit Monika Dittrich

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Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki (r) nimmt am 20.09.2014 in Köln von seinem Vorgänger Kardinal Joachim Meisner (l) den Petrusstab entgegen (picture alliance / dpa | Oliver Berg)
Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki (rechts) 2014 mit seinem Vorgänger Kardinal Joachim Meisner (picture alliance / dpa | Oliver Berg)
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Ein wuchtiges Buch im dunklen Einband, rund 900 Seiten dick: Das ist das lang erwartete Gutachten, das der Strafrechtsanwalt Björn Gercke am Donnerstag dem Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki überreicht hat. Woelki selbst hatte die Untersuchung in Auftrag gegeben, um zu klären, ob Priester oder andere Mitarbeiter des Erzbistums sexuelle Gewalt an Kindern geduldet oder vertuscht haben. 75 Pflichtverletzungen haben die Gutachter gezählt, und zwar in einem Zeitraum von 1975 bis 2018.

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Dlf-Redakteurin Christiane Florin recherchiert seit Jahren zum Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche und hat das Gutachten gelesen. Der Ziehsohn Woelki habe mal eben seinen Übervater, den 2017 verstorbenen Kardinal Joachim Meisner, "entsorgt", sagt Florin. Zudem erläutert sie, wieso sie keinen Freispruch für Woelki in dem Dokument sieht und was noch alles an Aufklärung und Wahrheitsfindung in der katholischen Kirche aussteht. 


Monika Dittrich: Seit Donnerstagmittag ist das Gutachten öffentlich. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Erkenntnisse?

Christiane Florin: Der gestrige Tag war die Aufführung eines Heldenepos und eines Schurkenstücks. Woelki wurde als der Held der Aufklärung in Szene gesetzt und sein Vorgänger Meisner als der Schurke. Es gab sogar eine kleine Hommage an den Deutschlandfunk.

Hier im Dlf hatte der frühere Erzbischof Meisner 2015 auf die Frage, was er gewusst habe, als das Thema Missbrauch 2010 öffentlich wurde, geantwortet: 

"Nichts geahnt, nichts geahnt. Wissen Sie, ich habe mir das auch nicht vorstellen können."

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Und dazu Rainer Maria Woelki sagte gestern auf der Pressekonferenz.  "Höchste Verantwortungsträger, auch mein Vorgänger, haben sich schuldig gemacht. Nichts geahnt, das ist seit heute nicht mehr möglich und nicht mehr denkbar."

Der Ziehsohn hat mal eben den Übervater Meisner entsorgt. Aber es ist mehr als das: Wenn man bedenkt, welche Rolle Meisner vor allem für die rechtskatholischen, die rechtgläubigen Kreise hat bis heute, dann ist das keine Kleinigkeit. Er war der Vertraute von Johannes Paul II. und Benedikt XVI.. Er steht für eine sittenstrenge Sexualmoral, für autoritären Wahrheitsanspruch.

Wie wir gestern erfahren haben, hatte Meisner ein Geheimarchiv mit Missbrauchsakten unter dem Titel "Brüder im Nebel". Das kann man sich nicht ausdenken. Sexueller Missbrauch war also für ihn bloß Nebel, wohingegen für Meisner Scheidung und Sex vor der Ehe schreckliche Sünden waren. Ich fand gestern bemerkenswert, wie jäh dieser Säulenheilige vom Sockel gekippt wurde. Fast mit Schadenfreude hat Gutachter Gercke diese "Brüder im Nebel" süffisant und pointensicher untergebracht.

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Dittrich: Es gab auch bereits personelle Konsequenzen.

Florin: Woelki hat noch in der Pressekonferenz zwei hochrangige Geistliche von ihren Aufgabe vorübergehend entbunden. Wenn man der Aufführung glaubt, hat er sich spontan dazu entschlossen, denn er kannte das Gutachten angeblich nicht vorher: Weihbischof Dominikus Schwaderlapp und der oberste Kirchenrichter, der Offizial, Günter Assenmacher wurden für nicht mehr tragbar erklärt. Der Weihbischof hat dann auch dem Papst schnell seinen Rücktritt angeboten.

Am späteren Nachtmittag hat auch eine weitere ehemalige Kölner Führungspersönlichkeit, die im Gutachten belastet wird, dem Papst den Amtsverzicht angeboten, nämlich der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, früher Generalvikar in Köln.

Damit haben wir den das erste Rücktrittsangebot eines amtierenden Bischofs wegen eines Missbrauchsvertuschungsvorwurfs Deutschland. Der ebenfalls stark belastete frühere Generalvikar Norbert Feldhoff konnte nicht mehr seinen Rücktritt anbieten, er ist schon lange im Ruhestand, gilt aber in Köln immer noch als graue Eminenz.

Also: Woelki hat, wie versprochen, Namen genannt, personelle Konsequenzen gezogen, damit ist er deutlich weiter als andere deutsche Bischöfe.

Dittrich: Viele Kommentatoren bezeichnen das Gutachten heute als Freispruch oder Befreiungsschlag für den Kölner Erzbischof Woelki, weil er entlastet wird. Ist er damit jetzt aus dem Schneider?

Florin: Ich habe diese Nacht mit dem hohen Kölner Klerus verbracht und das Gutachten gelesen. Diese Sichtweise Freispruch für Woelki oder Belastung, wird weder dem Gutachten noch Rainer Maria Woelki und schon gar nicht den Betroffenen von sexuellem Missbrauch gerecht. Auch er ist ein Ziehsohn von Meisner, aber er hatte unter Meisner, wie die Gutachter nicht müde werden zu betonen, keine Personalverantwortung.

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Worauf sich die Freispruch-Berichterstattung bezieht, das ist der Fall des Priesters O., mit ihm war Woelki befreundet. Es gab gegen diesen Priester Missbrauchsbeschuldigungen, die weder Meisner noch später er nach Rom meldeten. Dieser Fall taucht im Gutachten als Aktenvorgang 5 auf. Aus dem Gutachten geht hervor, dass Woelki schon als Weihbischof von den Beschuldigungen 2011 wusste durch ein Telefonat mit Heße. Woelki habe sich das aber nicht vorstellen können und habe auch Angst, dass der Beschuldigte „in ein Tief" falle.

Woelki nahm diesen Priester 2012 mit zu seiner Kardinalserhebung nach Rom. Die Gutachten bewerten das so: Woelki habe 2011 keine Kenntnis gehabt, die er mit „Heße habe teilen“ können. Als Weihbischof habe er ohnehin keine Personalverantwortung, er hatte demnach keine Pflichten, die er damals hätte verletzten können. Weihbischöfe werden sozusagen per se freigesprochen, Mitwisserschaft ist ja kein Pflichtverstoß. Da sieht man die Enge des Blickwinkels in diesem Gutachten. Auch Dominikus Schwaderlapp wird nicht als Weibischof belastet, sondern als ehemaliger Generalvikar.

"Nicht der Tag der Wahrheit"

Dittrich: Nun ist das ja gerade ein Rechtsgutachten, also eine juristische Untersuchung. Kritiker sagen nun: Ein solches Gutachten ist kein Ersatz für eine Aufarbeitung, in der auch die Opfer gehört und wahrgenommen werden. Welche Bedeutung hat denn eine solche Untersuchung für das kirchliche Selbstverständnis?

Florin: Das war gestern ganz bestimmt nicht der Tag der Wahrheit, das geht schon allein deshalb nicht, weil die Akten nicht die Wahrheit widergeben können. Die Lücken in den Akten wurde ja auch deutlich von Björn Gercke benannt. Dennoch ist das Gutachten eine reine Rechtskontrollprüfung auf Basis dieser Akten. Das ist widersprüchlich.

Das Gutachten hatte zwar auch den Auftrag, die Handlungen der Verantwortlichen am kirchlichen Selbstverständnis zu messen, aber diese Passage fällt in den knapp 900 Seiten schmallippig aus. Kirchliches Selbstverständnis wird reduziert auf den Katechismus und auf die Leitlinien der Bischofskonferenz.

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Trotz dieses verengten juristischen Blicks würde ich jedem, der sich zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche halbwegs qualifiziert äußern möchte, raten, dieses Gutachten zu lesen, vor allem die Fallbeispiele.

Ich kenne einige Fälle durch eigene Recherchen. Mich hat zum Beispiel der Fall 18 besonders interessiert, von dem haben wir am 15. Dezember in dieser Sendung ausführlich erzählt. Wenn Sie das alles lesen, in dieser nüchternen, sachlichen Juristensprache, dann passiert, glaube ich, bei den meisten, die das lesen, genau das, was die Gutachter so sorgsam vermeiden wollten: Es steigen Emotionen hoch, regelrecht Ekel.

Was wird da für eine Kirche sichtbar? Eine Kirche, deren Hierarchen Opfer noch einmal erniedrigen, die Täter schützt im Namen der "Brüderlichkeit im Nebel", von der Meisners Dossier spricht. Eine Kirche, in der Vertuscher behaupten, sie hätten das Recht nicht gekannt. Eine Kirche, in der Vorschriften aus dem Vatikan so geheim waren, dass hohe Kleriker sie angeblich nicht kennen konnten.

Es kann eigentlich nicht sein, dass hier nur einzelne ihren Pflichten nicht nachgekommen sind. Es kann nicht sein, dass hier nur Akten unsortiert waren. Sichtbar wird ein System, das moralisch völlig unsortiert war, ja moralisch verkommen ist.

All das Moralische wird im Gutachten nicht einmal problematisiert, weil Juristen für Moral nicht zuständig sind. Aber gemessen an der Botschaft, die diese Kirche vertritt, sollten Priester erstens keine Kinder missbrauchen und zweitens Vorgesetzte zuallererst dafür sorgen, dass Opfern sexualisierter Gewalt Gerechtigkeit widerfährt – und zwar auch dann, wenn es nicht ihre rechtliche Pflicht ist. Es wäre ihre moralische Pflicht gewesen. „Zieh den Kreis nicht zu klein“, heißt ein Kirchenlied. Der Pflichtenkreis, den die Gutachter hier definieren, ist zu klein gezogen. Der moralische Anspruch, den Kirche hat, wird in diesem Gutachten ausgeblendet. Zur Aufarbeitung gehört aber genau das. Ob das noch kommt im Erzbistum Köln oder anderswo – ich weiß es nicht.

Dittrich: Dieses Gutachten ist bereits das zweite – das erste hatte der Erzbischof bei der Münchner Kanzlei Westphal Spilker Wastl (WSW) bestellt, doch er hält es unter Verschluss. Sie kennen das natürlich auch nicht, aber Sie können es vielleicht einschätzen: Was könnte in dem Münchner Gutachten drinstehen, was nun in diesem zweiten Gutachten keine Rolle mehr spielt?

Florin: Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass das Münchner Gutachten dieselben Personen belastet wie der Gercke-Gutachten. Die Personen sind meiner Ansicht nach nicht der Hauptgrund für das Zurückhalten. Es geht sicherlich um die moralischen Bewertungen, die WSW vornimmt. Und es geht meiner Ansicht nach auch um die Systemfrage.

Wenn Sie in das Gutachten schauen, das Westpfahl Spilker Wastl für das Bistum Aachen angefertigt hat, dann finden Sie dort Empfehlungen, die über Tipps zur besseren Aktenführung hinausgehen: Empfohlen wird eine Diskussion über Machtverhältnisse, Priesterbild, Männerbünde. Das aber ist genau die Debatte über die Institution Kirche, die im Erzbistum Köln bisher jedenfalls vermieden wird.

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