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StartseiteHintergrundGute Idee und doch kein Erfolg11.08.2009

Gute Idee und doch kein Erfolg

Wenn Unternehmensgründer scheitern

Für viele Menschen in Deutschland ist die berufliche Selbstständigkeit nach wie vor keine Karriereoption. Im Gegenteil: Sie haben Angst davor - Angst zu Scheitern.

Von Constanze Hacke

Deutschland  liegt in Sachen Unternehmertum weit hinten. (AP)
Deutschland liegt in Sachen Unternehmertum weit hinten. (AP)
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"Wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, mehr zu akquirieren, meine Sachen mehr gestreut hätte, also meine Auftraggeber, dann wäre das nicht ganz so hart gefallen. Ich habe leider von einer größeren Firma hier im Ort zirka 70 bis 80 Prozent der Aufträge bekommen. Und mal ganz ehrlich gesagt: Wenn die Kiste läuft, warum soll ich die dann abschalten; wenn mich der Kunde fragt nach einem gewissen Auftrag - auch wenn es immer wieder derselbe ist. Das ist natürlich bequem. Dann weiß man ja auch, da hat man sein Einkommen."

Renato Ledda steht vor dem Abgrund. Seit fünf Jahren ist der gebürtige Sardinier mit einer Drehteilfertigung im oberbergischen Lindlar selbstständig. Nun hat er nur noch einen Auftrag. Im Frühjahr musste er bereits seine beiden 400-Euro-Jobber entlassen, auch für den freien Mitarbeiter hatte er nicht mehr genügend zu tun. Nun reicht es noch nicht einmal mehr für den fest angestellten Dreher - den Ledda zunächst noch damit beschäftigen konnte, Wände zu streichen und Maschinen zu pflegen. Wenn dieser Auftrag erledigt ist, muss auch er gehen.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Der ausgebildete Dreher Ledda war selbst angestellt, als er vor 14 Jahren beschloss, sich eine kleine Werkstatt einzurichten und sich nebenberuflich etwas dazu zu verdienen. Um sich die erste eigene Maschine leisten zu können, fuhr Ledda zunächst einige Taxischichten. Als er dann das Geld für die Werkstatt zusammenhatte, erledigte er in einer Garage kleinere Aufträge für die Firmen in der Umgebung.

"Als ich dann mit 51 Jahren arbeitslos wurde, da wollte ich mich nicht einfach hinsetzen und warten, dass das Arbeitsamt auf mich zukommt mit einer neuen Arbeitsstelle oder irgendwas. Das wäre mir zu langweilig geworden. Da habe ich gesagt, jetzt machst du es richtig, jetzt gibst du mal Gas und da habe ich mich ganz selbstständig gemacht."

Er zog mit seiner Werkstatt in einen Industrie-Gewerbepark, mietete dort nicht nur eine größere Werkstatt, sondern auch ein kleines Lager und Büroräume dazu. Für seine Kunden fertigte Ledda nun alles an, was gedreht werden kann: Gummistopfen für Bootsstege, Aluminiumstücke für Modellbau, Teile für die petrochemische Industrie, für den Verpackungsmaschinenbau und andere Maschinenbaufirmen.
Sonderanfertigungen, Teile für ältere Maschinenanlagen ohne Zeichnungen oder Skizzen - alles kein Problem für Ledda. Und das Geschäft boomte. Bis vor etwa fünf Monaten. Da brach der Hauptkunde des Unternehmens, ein Hersteller petrochemischer Anlagen, plötzlich weg. Die internationale Wirtschaftskrise war vor Leddas Werkstatttür angekommen.

Doch es ist nicht die Krise allein, die Gründer in Deutschland scheitern lässt. Der Gründungsmonitor der KfW-Bankengruppe, eine jährliche Analyse von Struktur und Dynamik des Gründungsgeschehens in Deutschland, zeigt, dass mehr als ein Viertel aller Gründer nach drei Jahren nicht mehr am Markt ist. Das Statistische Bundesamt vermeldete in der vergangenen Woche eine Zunahme der Unternehmensinsolvenzen um rund 15 Prozent. Die KfW-Studie räumt bei der Auswertung der Zahlen mit lieb gewordenen Vorurteilen auf.

Die Ergebnisse bestätigen teils die Erwartungen, sind in manchen Punkten aber überraschend. Entgegen der verbreiteten Meinung, Gründungen aus der Arbeitslosigkeit seien weniger bestandsfest als andere Gründungen, können hier keine negativ signifikanten Effekte gefunden werden.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg - IAB - kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Das IAB hat in einer Langzeituntersuchung die früheren Förderprogramme für Existenzgründer aus der Arbeitslosigkeit - also das Überbrückungsgeld und die Ich-AG - unter die Lupe genommen. Und dabei festgestellt, dass die Pleitewelle ausgeblieben ist, die viele unter den ehemaligen Arbeitslosen - den mutmaßlich weniger geeigneten Gründern - erwartet hatten. Was also sind die Gründe dafür, dass trotzdem insgesamt immer mehr Neu-Unternehmer scheitern? Frank Wießner vom IAB mit dem ersten Versuch einer Erklärung:

"Da werden natürlich an erster Stelle etwa Auftragsmangel oder Finanzierungsengpässe genannt. Auftragsmangel, das bedeutet, dass die Gründerpersonen ihren Markt noch nicht hinreichend analysiert hatten beim Schritt in die Selbstständigkeit, dass vielleicht ihr Produktportfolio noch nicht genügend, passend auf die Bedarfslagen ihrer Zielgruppen zugeschnitten war. Die Finanzierungsengpässe, auch das ist ein Problem, da hätte man vielleicht etwas heilen können durch eine sorgfältigere Kostenplanung, eine bessere Finanzplanung, eine etwas zurückhaltendere, vorsichtigere Einschätzung bei der Umsatzvorschau. Das sind so Dinge, die so in das Handwerkszeug des Gründers fallen. Das sind kaufmännische, buchhalterische Probleme oder eben auch ein schlechtes Marketing."

Und manchmal ist es einfach eine neue Stelle. Denn immer wieder gibt es Gründer, die ihr Unternehmen aufgeben, um in ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis zurückzukehren. Womöglich gibt es also doch einen Unterschied, ob jemand aus Überzeugung oder aus der Not der Arbeitslosigkeit heraus gründet. Der Wirtschaftspsychologe Professor Heinz Schuler befasst sich an der Universität Hohenheim in Stuttgart mit Berufseignungsdiagnostik. Er glaubt, dass es berufsrelevante Eigenschaften gibt, die den Unterschied zwischen einem Gründertyp und den so genannten getriebenen Gründern ausmachen:

"Nur ein kleiner Teil davon würde zu Gründungsaktivitäten neigen, wenn die Situation eine bessere wäre. Denn was außer der hohen Leistungsmotivation auch noch dazu gehört, ist ein ausgeprägtes Unabhängigkeitsstreben. Richtige, typische Unternehmer wollen sich von anderen eigentlich nichts sagen lassen, wollen selbst die Sache in die Hand nehmen. Das ist nicht typisch für abhängig Beschäftigte eigentlich. Und wenn die Unternehmensgründung mehr oder weniger eine Notlösung aus dem Verlust des Arbeitsplatzes heraus ist, dann fehlt eigentlich diese Komponente des Unabhängigkeitsstrebens."

"Ich bin immer ein Mensch gewesen, dem man nicht allzu viel erklären musste. Ich habe mir die Sachen selbst gern angenommen. Und ich habe eigentlich nie so richtig einen Vorgesetzten gebraucht, das hat eigentlich immer sehr gut so geklappt. Ich hab meistens die gute Idee."

In dem zweistöckigen, grau-weiß gestrichenen Flachbau ganz am Ende des Industrie-Gewerbeparks Lindlar Klause sind die Lamellenvorhänge dicht zugezogen. Das Büro von Renato Ledda steht leer. Um Kosten einzusparen, hat der Unternehmer den Mietvertrag für die zusätzlichen Räume gekündigt.

Die Krise allein macht Ledda nicht für seine Situation verantwortlich. Würde er heute noch einmal anfangen, er würde sich wesentlich früher selbstständig machen. Und sich mehr um die Akquise neuer Kunden kümmern.

"Ich habe immer wieder versucht, verschiedene Firmen anzusprechen. Ich habe versucht, nicht nur von einem Kunden abhängig zu sein. Aber es ist bei so einer kleinen Firma so, wenn ich selbst an der Maschine auch stehe, dann kann ich keinen Kundenbesuch machen. Ich muss das ja irgendwie unter einen Hut bringen. Wenn ich am arbeiten bin, kann ich nicht durch die Gegend fahren."

Ein Unternehmer-Gen, das den Existenzgründer langfristig zum Erfolg führt, scheint es also im eigentlichen Sinne nicht zu geben. Selbst Gründertypen wie Renato Ledda können an einem kritischen Punkt in ihrer Unternehmerbiografie scheitern. Der Wirtschaftspsychologieprofessor Heinz Schuler erklärt, warum:

"In vielen Merkmalen hervorragend zu sein, das ist eine seltene Kombination. Wenn man in ein, zwei, drei Merkmalen sehr gut ist, dann ist das schon gut und schön - wie im Sport: Der eine kann gut hochspringen, der andere gut weit springen und der dritte gut Diskus werfen. Aber es gibt ganz wenig gute Zehnkämpfer, die wirklich alles und sehr verschiedene Dinge können. Da stellt sich bei Unternehmern die Frage: Welche Merkmale sind kompensierbar untereinander. Das heißt, was kann man womit ausgleichen? Kann man zum Beispiel mangelnde Kontaktfähigkeit durch gute Ideen ausgleichen? Oder kann man durch Fleiß die geringe technische Begabung ausgleichen? Wenn man einmal einen hohen beruflichen Status erreicht hat, dann kann man viel ausgleichen, wenn man viel delegieren kann. Dazu gehört allerdings auch der Sprung über den eigenen Schatten."

Ulrich Soénius kann davon ein Lied singen. Der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Köln ist unter anderem verantwortlich für den Bereich Starthilfe und Unternehmensförderung. Mehr als 4200 Gründer werden jährlich im Startercenter der IHK Köln beraten. Dabei zeige sich immer wieder, dass mancher Gründer erst auf den Weg des Unternehmers gebracht werden müsse.

"Aber ich bin vorsichtig mit Behauptungen, "zum Unternehmer wird man geboren, man muss es nur wecken". Und wenn zum Beispiel der eine als Unternehmertyp kommt, dabei aber vielleicht nicht so das gute Produkt hat, dann aber auf einen trifft, der ein gutes Produkt hat und die beiden sich zusammentun, dann ist man erfolgreich ein Unternehmer in zwei Personen, das kann auch toll werden. Der Erfinder des Otto-Motors war nicht der ganz einfache Mensch, der mehr so als Tüftler im Keller saß, an seinem Motor rumprobiert hat und dann kam der erfolgreiche Unternehmer - von Beruf Techniker - Eugen Lang, der hat ihm Geld gegeben. Die beiden haben sich zusammengetan, haben eine Firma gegründet, haben viel Erfolgreiches erlebt. Und das war die Wiege der Motorisierung der Welt. Deswegen sage ich mal vorsichtig: Wenn sich zwei oder drei zusammentun, dann kann man das auch ein Erfolg sein, da kann man die Defizite ausgleichen."

Ein moderner, voll verglaster Flachbau im Bonner Vorort Bad Godesberg. Auf den Fluren und über die elegant geschwungenen Wendeltreppen eilen jüngere Menschen geschäftig hin und her - Frauen im schwarzen Hosenanzug oder beige-farbenen Kostüm, die Männer in sommerlich-legerer Businesskleidung. Hier, im Forschungszentrum "caesar", suchen Mitarbeiter des High-Tech-Gründerfonds die richtigen Partner für neue Unternehmer. Vor allem in finanzieller Hinsicht: Vor vier Jahren wurde der Fonds ins Leben gerufen, um Gründungen aus Universitäten und Fachhochschulen mit Kapital auszustatten. Marco Winzer arbeitet als Investment Director beim Fonds. Er weiß, wie schwer sich Gründer damit tun, erfahrene Partner für die eigene Unternehmung zu finden.

"Der Gründer muss die Bereitschaft zeigen, von Omnipotenz-Gedanken, von dem Gedanken 'Ich bin allmächtig und mache alles alleine', wegzutreten und zu sagen, 'Ich gebe auch ab, und zwar die Bereiche, die ich nicht kann oder die ich nicht gut kann, die gebe ich an Experten ab. Diese Experten hole ich mir ins Management hinein'."

Wobei Existenzgründer schon darauf achten sollten, mit wem sie das Risiko teilen.

"Aus unserer Erfahrung ist der Hauptgrund für ein Scheitern von finanzierten Unternehmen, dass sich das Team zerstreitet. Gründungsteams, die sich nicht gut genug kennen, die sich für die Gründung gefunden haben, stellen plötzlich fest, dass sie nicht miteinander können, dass sie Interessenkonflikte haben und damit zerfällt das Unternehmen."

So manchem Existenzgründer scheint nicht bewusst zu sein, welche Rollen er als Unternehmer übernehmen muss - und welche nicht. Viele Gründer gehen mit einer innovativen Idee, einem guten Produkt, einer interessanten Dienstleistung an den Markt. Ihre Stärken liegen in ihrem speziellen fachlichen Bereich - und auf diese Weise versuchen sie, Probleme zu lösen. Der notwendige Rollenwechsel hin zum Manager des eigenen Unternehmens - also nicht nur im, sondern am Unternehmen zu arbeiten - fällt schwer. Vor allem dann, wenn es um ein kleines oder gar ein Einzelunternehmen geht. Eine Größenordnung, die den Ergebnissen des KfW-Gründungsmonitors zufolge das breite Gründergeschehen inzwischen dominiert. Der IAB-Forscher Frank Wießner beobachtet hier einen Paradigmenwechsel:

"In früheren Zeiten waren Existenzgründungen immer auch auf Wachstum aus. Man ging klassischerweise davon aus, dass Unternehmerpersonen den Wunsch haben, ihren Marktanteil zu vergrößern, ihren Umsatz zu steigern, das Unternehmen zu vergrößern - eben durch die Beschäftigung weiterer Mitarbeiter, durch Erschließung neuer Geschäftsfelder usw. Und das trifft eben für diese neuen Ich-AGs oder Solopreneure überhaupt nicht zu. Im Prinzip sind sie selbstständig tätig, unterliegen auch fast vollständig den unternehmerischen Risiken, sind aber auf der anderen Seite immer noch im Markt aktiv, als ob sie abhängig beschäftig wären. Das heißt, sie wollen nicht wachsen, sie tendieren überhaupt nicht dazu, weitere Mitarbeiter zu beschäftigen. Sondern es geht schlichtweg darum, jeden Monat die Miete zu bezahlen und den Kühlschrank zu füllen."

Das in Deutschland vorherrschende Unternehmerbild ist aber offenbar weiterhin geprägt von einem mittelständischen Familienbetrieb, der über Generationen besteht. Dass die berufliche Selbstständigkeit möglicherweise nur eine Episode in einer bewegten Erwerbsbiografie ist, dass möglicherweise sogar mehrfach zwischen abhängiger und selbstständiger Tätigkeit gewechselt wird und das möglicherweise sogar mit Erfolg, ist in diesem Bild - noch - nicht vorgesehen.

Die 44-jährige Nanette El Sayad liefert ein Puzzleteil für dieses neue Bild. Aufgewachsen in der früheren DDR, eröffnete sie bereits mit 24 ihr erstes Restaurant in der Altmark. Investierte dann später in ein Hotel, betrieb danach als Pächterin wieder einen Gasthof in Stendal. Schließlich führte sie ihr beruflicher Weg nach Berlin: Dort arbeitete sie zunächst in mehreren Fünf-Sterne-Hotels als Angestellte, um dann als Ausbilderin junge Leute in der Gastronomie zu schulen. Als der Sohn anfing zu studieren, fasste sie den Entschluss, selbst ein Abendstudium zu beginnen - und sich nebenher als freiberufliche Dozentin Geld zu verdienen:

"Ich wusste auch schon, dass die Arbeit, die ich mache als Ausbilderin mache, andere Leute freiberuflich machten, weil wir selbst Honorarkräfte hatten, die gelegentlich von uns angerufen wurden und eingesprungen sind oder an festen Tagen gebucht wurden. Sodass ich also eine Alternative hatte: die gleiche Arbeit zu tun, nur auf andere Weise zu organisieren, und ein Studium zu machen. Ich hab dann ein Studium gefunden "Unternehmensgründung und Unternehmensnachfolge", da bin ich jetzt schon im siebten Semester."

Nach ihrem Abschluss will El Sayad selbst Gründer beraten - vorzugsweise in der Gastronomie. Denn hier gebe es viele Quereinsteiger, die keine Zeit hätten, sich Fachkenntnisse anzueignen. Und Angst, es finanziell nicht zu schaffen.

"Diesen Zahn würde ich gern ziehen, denn ich hab mich selbstständig gemacht mit einer Mark in der Tasche. Wenn es dann aber soweit gekommen ist, dass man die Mark investiert hat und den ein oder anderen Euro von einer Bank oder einem Investitionsgeber, dann finde ich am wichtigsten, dass man sich vom ersten Tag an bewusst macht, dass die zweite Mark oder der zweite Euro, der in die Kasse kommt, mir nicht gehört und ich davon nicht zum Friseur gehen kann oder mir eine Hifi-Anlage kaufen kann oder einen tollen Flachbildschirm. Sondern das ist das Geld, das ich wieder reinlege und das sich dann vermehrt, indem ich damit arbeite."

Für viele Menschen in Deutschland ist die berufliche Selbstständigkeit nach wie vor keine Karriereoption. Im Gegenteil: Sie haben Angst davor - Angst zu Scheitern. Im internationalen Vergleich unter knapp 20 Industriestaaten liegt Deutschland in Sachen Unternehmertum auf dem vorletzten Platz: Anderswo kommen auf einen Gründer aus der Not mehr als zehn klassische Gründer. Hierzulande sind es statistisch gesehen nur 2,7. Dabei sind die Rahmenbedingungen in Deutschland - insbesondere was die Förderlandschaft angeht - Experten zufolge recht günstig. Ulrich Soénius von der IHK Köln glaubt daher, dass junge Menschen möglichst frühzeitig mit der Selbstständigkeit als beruflicher Alternative vertraut gemacht werden sollten.

"Das ist aber in der Denke der Bildungspolitik auch was Neues, das muss man deutlich sagen. Es ist auch ein Ausfluss der politischen Geschichte, insbesondere der 60er Jahre gewesen, dass das Thema Wirtschaft eigentlich nicht so gut in die Bildungsinhalte reinkam wie die anderen Themen. Das kann man bedauern, aber wir schauen ja nach vorne und wir denken mal, dass es sicherlich gut wäre, mehr, wenn in diese Richtung mehr Unterstützung kommt - auch von der Wirtschaft. Es ist nicht so, dass man Dinge einfordern muss, man muss auch Dinge leisten. Man muss in die Schulen gehen. Das muss man konkret tun, nur drüber reden bringt nichts."

Motivation ist dabei zwar ein wichtiger Faktor, macht allein jedoch noch keinen Erfolg, wie der Wirtschaftspsychologe Heinz Schuler meint:

"Man kann zwei emotionale Grundhaltungen gegenüber Leistungssituationen unterscheiden: die Hoffnung auf Erfolg und die Furcht vor Misserfolg. Man unternimmt manches, um Misserfolg zu vermeiden. Man reagiert defensiv, sichert sich ab, hat zu wenig Risikobereitschaft, zu wenig Selbstvertrauen, zu wenig Erfolgszuversicht. Die wird weiter gehemmt durch die Drohung, dann gesellschaftlich stigmatisiert zu sein und nur einen Versuch zu haben."

Immer noch grenzt es in Deutschland fast am Weltuntergang, wenn man als Selbstständiger mit einer Gründungsidee keinen Erfolg hatte. Dabei könnten viele von einer zweiten Chance profitieren, ist der IAB-Forscher Frank Wießner überzeugt:

"Wenn man schon mal gegründet hat, dann weiß man ja, wie es geht. Und selbst wenn diese erste Gründung kein so wahnsinnig großer Erfolg war, dann weiß man beim zweiten Mal immerhin schon, wie man es besser nicht macht. Insofern ist diese Erfahrung natürlich ein riesengroßer Vorteil für diejenigen, die es das zweite Mal versuchen. Das Problem ist, dass man bei uns diese zweite Chance überhaupt bekommt. Vielleicht sollten wir hier insgesamt auch mal ein bisschen umdenken."

Der zweite Versuch. Für Renato Ledda dürfte es der Letzte vor dem Ruhestand sein. Trotzdem ist es ihm wichtig - auch, um seinen Kindern ein unternehmerisches Vorbild zu sein:

"Ich für meine Person bin ein Mensch, der immer gern selbst denken musste. Ich denke lieber selbst. Denken lassen ist nicht mein Ding. Ich würde mich freuen, wenn eines meiner Kinder sich auch selbstständig machen würde und sich richtig in ihrem Beruf austoben könnten. Ich würd es immer wieder tun. Auch wenn diese Krise jetzt vorhanden ist, ich würde es immer wieder tun."

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