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StartseiteBüchermarktEine notwendige Brutalität02.04.2019

György Dragomán: "Löwenchor"Eine notwendige Brutalität

In seinem neuen Buch "Löwenchor" variiert der ungarisch-rumänische Schriftsteller in 29 Novellen das Leitmotiv der Musik auf raffinierte Weise: Zum Vorschein kommen Erinnerungen, Traumata und die Grausamkeit einer Diktatur. Das hat sehr viel zu tun mit unserer politisch aufgeheizten Gegenwart.

Von Christoph Schröder

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Das Bild zeigt eine Montage aus dem Buchcover von György Dragománs Buch "Löwengebrüll" und einem Hintergrundfoto, dass Notenblätter zeigt. (Suhrkamp Berlin/Unsplash/Cassi Stewart/Deutschlandradio)
Diese Prosa erfordert eine aufmerksame Lektüre: "Löwenchor" von György Dragomán (Suhrkamp Berlin/Unsplash/Cassi Stewart/Deutschlandradio)
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Zwischen Alptraum und Absurdität

Musik ist das Leitmotiv, das die 29 Erzählungen untergründig zusammenhält, wenn auch jede einzelne auf unterschiedliche Weise. Mal ist es ein Schnulzensong, "Cry me a river", den eine Berufssängerin immer dann bei ihren Bühnenauftritten vorträgt, wenn ihr Leben eine entscheidende Wendung nimmt, zumeist nicht zum Besseren. Mal ist es nur ein Schlagzeug, das seit Jahren unbenutzt in einer Ecke herumsteht, weil die Ex-Frau seines Besitzers das Instrument verflucht hat. Mal ist es ein Telefonklingeln, das eine Frau in der Straßenbahn aus ihren Gedanken reißt. Und dann wieder reanimiert Dragomán die kollektive Kindheitserinnerung des von den Eltern zwangsweise verordneten Übens an einem Musikinstrument und überhöht sie ins märchenhaft Grausame.

"Mein Vater sagt, ich darf mich beim Spielen von nichts stören lassen, manchmal leuchtet er mir mit der Sturmlampe in die Augen, ein andermal bläst er mir mit der Fahrradpumpe ins Ohr oder springt mit der Ratsche in der Hand um mich herum, manchmal bringt er auch die Hundekette, legt sie in den Waschtopf und schüttelt ihn aus voller Kraft, er sagt, ich muss mich daran gewöhnen."

Dragomán hat seine Kindheit und seine frühe Jugend als Angehöriger der ungarischen Minderheit in der rumänischen Ceausescu-Diktatur verbracht, bevor er 1988 mit seiner Familie nach Ungarn ausreiste. Die einengende, bedrängende und bedrohliche Atmosphäre, die über seinen Texten liegt, ist das Resultat dieser Erfahrungen.

Marker einer traumatischen Erfahrung

Dragománs Schreiben ist politisch in dem Sinne, dass es Individuen zeigt, die mit einem Gefühl der Machtlosigkeit einem größeren und oft auch gesichtslosen System gegenüberstehen. Der Teppich aus Sound, mit dem seine Novellen unterlegt sind, kann je nach Situation vollkommen unterschiedliche Bedeutungen haben: Musik dient als existentielle Begleitung oder als Auslöser von Erinnerungen, als Marker einer traumatischen Erfahrung oder als bedrohlicher Klangteppich, der sich über das Bewusstsein legt.

Dragomán inszeniert diese Geräuscheinsätze subtil und unaufdringlich. Sie schleichen sich sozusagen ein: In einer Geschichte fährt eine Wissenschaftlerin in eine ihr fremde Stadt, vermutlich in Osteuropa, um Nachforschungen über einen von hier stammenden und später nach Paris emigrierten Bildhauer anzustellen. Geradezu unmerklich gleitet das Szenario in eine unwirkliche, apokalyptische Stimmung hinein.

Am Ende gerät Erika, so heißt die Frau, zwischen die Fronten einer Großdemonstration, hört auf der einen Seite das Geschrei der Demonstranten und auf der anderen Seite die Polizisten, die mit ihren Gummiknüppeln einschüchternd auf ihre Schutzschilde schlagen. In diesem Augenblick hat Erika den Geschmack von Tränengas im Mund. "Man kann ihn nie vergessen", heißt es, und in diesem Nebensatz wird kenntlich, dass auch Erika selbst ihre eigene traumatische Gewalterfahrung in sich trägt.

Schikanen eines autoritären Regimes

Diese Prosa erfordert eine aufmerksame Lektüre. György Dragomán ist ein kunstvoller Autor. Er arbeitet mit Aussparungen und Andeutungen. Die Sätze sind lang und können auch schon einmal über mehrere Seiten hinweg mäandern. Sie folgen den Gedankenströmen und Wegen der Figuren bis in die feinen Verzweigungen, die sie am Ende oft in absurde, traum- und alptraumähnliche Konstellationen führen.

Ganz konkret wiederum zeigt Dragomán die über Generationen wirksamen Schikanen eines autoritären Regimes in "Puerta del Sol", der mit 20 Seiten längsten Novelle des Bandes: Ein Mann fliegt nach Madrid, auf den imaginären Spuren seiner verstorbenen Mutter. Die hat im Delirium vor ihrem Tod in gebrochenen spanischen Satzfetzen gesprochen und vor allem immer wieder über jenes Ereignis, das ihrem Leben die entscheidende Wende gegeben hat:

"Als sie nicht mehr genau wusste, wo sie war, redete sie Wochen lang nur über die alte gescheiterte Hochzeitsreise, das Hotel, das sie an der Puerta del Sol reserviert hatten. Vor Wut zitternd wiederholte sie, dass, wenn diese gottverdammten Kommunisten damals die Pässe ausgestellt hätten, alles anders gekommen wäre, sie wären nicht im Fogarascher Gebirge auf Hochzeitsreise gegangen und Vater wäre nicht in die Schlucht gestürzt und sie wäre nicht allein geblieben mit ihrem ungeborenen Sohn."

Übungen in Grausamkeit

Der Bräutigam, das erfahren wir nach und nach, hat kurz vor Antritt der Hochzeitsreise am Klavier ein antikommunistisches Lied gesungen. Daraufhin wurde die Ausreisegenehmigung widerrufen. Eine Entscheidung, die eine fatale, generationsübergreifende Kausalitätskette in Gang gesetzt hat. Nun steht der Sohn auf dem Balkon jenes Hotels, das die Eltern nie gesehen haben, und kann mit seiner Reisefreiheit nichts anfangen, weil sein Denken ausschließlich in die Vergangenheit gerichtet ist.

Ein Kunstgriff, den György Dragomán bereits in seinen Romanen erprobt hat, ist der meisterhafte Einsatz der Kinderperspektive: Zum einen ermöglicht der vermeintlich unschuldige Kinderblick eine unverstellte und schonungslose Betrachtung der Welt. Kinder dürfen Dinge sehen, die die ideologisch manipulierten Erwachsenen ignorieren. Zum anderen aber sind die Kinder bei Dragomán selbst bereits zu verrohten Wesen geformt worden. Die Übungen in Grausamkeit, die Dragomán vorführt, erinnern in ihrer Selbstverständlichkeit an Agota Kristofs Romantrilogie, in der die Zwillinge Lukas und Klaus sich die Brutalität selbst anerziehen, um zu überleben. So heißt es in Dragománs Novelle "Streiche" lapidar:

"Beim Drogisten gibt es Sauger für Nuckelflaschen, dunkelbraune und hellbraune. Für Vogelleim eignet sich nur der dunkelbraune. Davon möglichst viele in möglichst wenig Wasser aufkochen, bis es richtig schön stinkt, dann einen Löffel Zucker und eine Tube Zahncreme unterrühren. Warten, bis es lauwarm ist, dann an den Baum schmieren, es klebt auch noch, wenn es abgekühlt ist, lässt sich aber nicht mehr so gut verteilen."

Der Grat zwischen Sadismus und existentiell notwendiger Härte ist schmal. Das Erstaunliche an Dragománs so verstörenden wie brillanten Miniaturen ist die Tatsache, dass sie wie nebenbei auch noch eine durchaus kalkulierte Form von Humor produzieren. Dragománs Lachen über die Welt ist ein bitteres. Wenn eine Hoffnung darin aufblitzt, dann in den anarchistisch-kühnen Ausbruchsfantasien, die er seinen Figuren gestattet. Es wäre ein Fehler, darin Eskapismus zu wittern: Dragománs Novellen sind auch ein Spiegel der Alpträume unserer ideologisch aufgeheizten Gegenwart.

György Dragomán: "Löwenchor"
Aus dem ungarischen von Timea Tankó und Terézia Mora
Suhrkamp Verlag, Berlin, 270 Seiten, 24 Euro

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