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StartseiteKultur heuteHaben polnische Intellektuelle mit Nazis kollaboriert?14.01.2003

Haben polnische Intellektuelle mit Nazis kollaboriert?

Zur Entdeckung eines Memorandums von 1940

<strong>Schäfer-Noske: </strong> Worum geht es dabei?

Fragen an Martin Sander.

Sander: Bernhard Wiaderny, einer junger Wissenschaftler, der zur Zeit an der Universität Frankfurt/Oder arbeitet, hat ein Memorandum hochrangiger polnischer Politiker entdeckt mit Datum vom 24.7.1940, also kurz nach der Niederlage Frankreichs zu einem Zeitpunkt, an dem halb Europa unter nationalsozialistischer Herrschaft stand und in diesem Memorandum bieten polnische Politiker der deutschen Regierung, dem nationalsozialistischen Regime, eine Kollaborationsregierung an und zwar machen sie ein Angebot, gemeinsam gegen Sowjetrussland zu kämpfen und zugleich eine Art polnisches Vichy zu installieren, so muss man das wohl verstehen und sie haben im Gegenzug auch ein Forderung, die deutsche Regierung, das Naziregime, sollte dann dafür sorgen, dass das bedrückende Besatzungsregime in Polen gemildert würde, seit 1939 insbesondere im so genannten Generalgouvernement und zweitens - und das ist mindestens genauso interessant - sollte Deutschland Hilfe zum Aufbau Polens, zum Wiederaufbau, und da formuliert man ja auch ein etwas mit den Worten der nationalsozialistischen Propaganda Aufbauhilfe Europa, das gab es ja als Propagandaformel, sich dieser Aufbauhilfe zu bedienen und so Polen wieder aufzubauen und praktisch ein neue Bündnis zu schaffen. Das ist ein Memorandum, verfasst in französischer Sprache, unterzeichnet von führenden Politikern des Lagers um Pilsudski, aber auch den nationalen Demokraten, also den Parteien und Gruppierungen, die in den 30erjahren in Polen geherrscht haben, aber natürlich nicht abgesprochen mit der polnischen Exilregierung und selbstverständlich auch nicht mit dem polnischen Untergrundstaat. Und man hat zwar immer wieder spekuliert über Zusammenarbeit, Formen von Kollaboration, Möglichkeiten, zwischen Polen und Deutschland im zweiten Weltkrieg, aber es hat niemals ein Dokument gegeben, unterzeichnet von so hochrangigen Persönlichkeiten.

Schäfer-Noske: Wo hat der Wissenschaftler denn das gefunden und warum ist es vorher keinem aufgefallen?

Sander: Das ist sozusagen die Logik des Archivfundes. Bernhard Wiaderny hat das in den Archivbeständen des deutschen Außenministeriums ausgemacht und in der Tat ist es sein Fund und es ist wie gesagt über dieses Thema auch schon spekuliert worden aber, dass dieses Dokument jetzt da ist, auch unterzeichnet, nicht nur von Politikern sondern auch von einer Größe, sagen wir mal der Publizistik, einer Edelfeder der 20er- und 30erjahre in Polen, ein nationalliberaler, deutschfreundlich gesonnener Antikommunist, auch der hat da mitgemacht. Das ist doch eine kleine Sensation - wenigstens eine kleine.

Schäfer-Noske: Inwieweit muss denn nun durch den Fund polnische Geschichte umgeschrieben werden?

Sander: Polen trägt aus den über vierzig Jahren kommunistischer Nachkriegszeit natürlich ein bestimmtes offizielles heroisiertes Geschichtsbild, Selbstbild aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs mit sich. Dieses Selbstbild, das Polen ausschließlich als Opfer und als entschiedenen Gegner des Nationalsozialismus darstellt, ist allerdings in den vergangenen Jahren schon mehrfach erschüttert worden, unter anderem in den Diskussionen über Jedwabne und nun ist man fast schon erschöpft von dieser Debatte gewesen, da fragt man sich, muss man die polnische Geschichte des zweiten Weltkriegs neu schreiben, etliche Historiker meinen: ja, man muss zumindest viele Ergänzungen hinzufügen. Und gerade ist diese Debatte abgeebbt, beschäftigt man sich in Polen mit Korruptionsskandalen, da kommt nun diese Geschichte. Aber man muss dazu sagen: bislang ist eine größere Reaktion ausgeblieben. Es ist in der Tat so gewesen, dass eine frühere exilpolnische Zeitschrift in Paris diesen Text im Original und einen Kommentar, einen Artikel von Herrn Viaderni jetzt veröffentlichen und das wiederum wurde aufgegriffen von einem der polnischen Nachrichtenmagazine, den Polnischen Newsweek, in der vergangenen Woche und das ist eigentlich bislang alles. Man wird darauf warten, dass erst mal die Historiker weiter provozierende Thesen vorlegen und man wird sehen, ob nach dieser erschöpfenden Jedwabne-Debatte die Öffentlichkeit in Polen bereit ist, schnell wieder auf dieses, salopp gesagt, Debattenkarussell aufzuspringen.

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