Mittwoch, 12.12.2018
 
Seit 02:30 Uhr Lesezeit
StartseiteKalenderblattVor 125 Jahren beging der österreichische Thronfolger Selbstmord30.01.2014

HabsburgerVor 125 Jahren beging der österreichische Thronfolger Selbstmord

Rudolfs Tod in Mayerling wurde zum Sinnbild der Habsburger-Dämmerung. Seine Depression bildete Weltgeschichte ab. Zerschellte politische Hoffnungen und eine unglückliche Vernunftehe, dazu eine Geschlechtskrankheit – das waren die Gründe für seinen Selbstmord.

Von Beatrix Novy

Das Wiener Schloss Belvedere frontal (picture alliance / dpa / Daniel Kalker)
Das Wiener Schloss Belvedere (picture alliance / dpa / Daniel Kalker)

"Kaiser Franz Josef war des Öfteren hier bei den Schwestern und bei den Gedächtnisgottesdiensten, da hat er von hier oben der Messe beigewohnt."

Eine Fremdenführung im Karmelitinnen-Kloster Mayerling, Niederösterreich. Die Besucher interessieren sich allerdings weniger für die Ordensgründerin Thérèse von Lisieux, sie wollen etwas hören über die weltbekannte Tragödie von Mayerling. Am 30. Januar 1889 gab der österreichische Kronprinz Rudolf von Habsburg sich selbst und seiner jungen Freundin Mary Vetsera den Tod, in einem Jagdschlösschen, das zum Erstaunen der Besucher gar nicht mehr da ist. Kaiser Franz Josef, der Vater des Kronprinzen, hatte es abreißen und das Kloster darüber erbauen lassen.

"Die Kaiserin Elisabeth war nie hier, die hat das nicht übers Herz gebracht"

Ob das hohe Paar im Schmerz über den Verlust des einzigen Sohnes auch eigene Versäumnisse beklagte, ist ungewiss. Kaiserin Elisabeth, heute als Sissi eine Säule des österreichischen Fremdenverkehrs, war mit ihrer Selbststilisierung immer zu beschäftigt gewesen, um viel Interesse für Rudolf aufzubringen. Nur einmal hatte sie sich um ihn verdient gemacht: als sie dafür sorgte, dass der drakonische Erzieher des empfindsamen Kindes abserviert und statt seiner aufgeklärte Lehrer engagiert wurden. Unter deren Einfluss lernte der Kronprinz die auch von der Mutter geteilten liberalen, anti-aristokratischen Ideen schätzen.   

„Er war volksfreundlich durch und durch … Es lebte in ihm ein Trieb zur Gerechtigkeit, welcher allen Vorrechten einzelner Classen widerstrebte.“

Schrieb der Nationalökonom Carl Menger über seinen Schüler Rudolf, der so gern studiert hätte, aber von der väterlichen Staatsräson in den Militärdienst gezwungen wurde. Auch später konnte Rudolf seinen politischen Ehrgeiz nur im Verborgenen ausleben, seine Konzepte für die Erneuerung des geliebten und von vielen Seiten bedrohten Vielvölkerreichs nur unter Pseudonym publizieren, umso mehr, als Franz Josefs Regierung zunehmend konservativ versteinerte. Ein Höfling berichtete:

„Seine Majestät der Kaiser Franz Joseph beobachtete wider Seine sonstige Gewohnheit dem Kronprinzen gegenüber eine gewisse äußerliche Strenge, um demselben stets die Gränzen vor Augen zu halten, welche er in Wort und Urtheil zu überschreiten geneigt sei.“

Hoffnungen setzte Rudolf auf einen Bruder im Geiste, den deutschen Hohenzollern-Kronprinzen Friedrich. Aber der starb früh, statt seiner kam der neurotisch-nationalistische Auftrumpfer Wilhelm II. ans Ruder und man darf sich die - wenn auch müßige - Frage stellen, wie anders mit den beiden verhinderten Kaisern, Friedrich in Deutschland und Rudolf in Österreich, die Geschichte verlaufen wäre.  

Rudolfs Tod in Mayerling wurde zum Sinnbild der Habsburger-Dämmerung. Seine Depression bildete Weltgeschichte ab. Zerschellte politische Hoffnungen; eine unglückliche Vernunftehe; eine zermürbende Geschlechtskrankheit, Folge jahrelanger prinzlicher Ausschweifungen: Gründe für einen Selbstmord waren das. Aber musste er den liebesverwirrten Teenager Mary Vetsera mit in den Tod nehmen, um sich selbst Mut zu machen?

„Mädchen ausgestreckt im Bette, offene Haare über Schultern, eine Rose in den gefalteten Händen – Rudolf in halbsitzender Position, der Revolver seiner erstarrten Hand entfallen am Boden, im Glase nur Cognac.“

Die Aussagen der Protokollanten in Mayerling waren eindeutig. Trotzdem tat der Wiener Hof, was er konnte, um die Öffentlichkeit zu täuschen.

„Und jetzt merken Sie sich, dass Rudolf an Herzschlag gestorben ist!“ -

schärfte Kaiserin Elisabeth der unglücklichen Mutter des toten Mädchens ein .

„Die Mary Vetsera hat man ja in der ersten Nacht hier weggebracht, man hat sie in eine geschlossene Kutsche gesetzt, sitzend, zwischen ihren beiden Onkeln, so, als ob sie noch leben würde, hat man sie nach Heiligenkreuz gebracht und dort an der Friedhofsmauer begraben.“

Das Schweigekomplott einer jämmerlichen Staatsräson hielt nur ein paar Tage. Aber es trug dazu bei, dass auch nach dem Eingeständnis der wahren Vorgänge die Mutmaßungen um den Tod des Kronprinzen nicht verstummten. War es nicht doch eine Intrige, ein politischer Mord? Die Affäre Mayerling bekam ein spektakuläres Eigenleben in Büchern, Filmen und verwirrten Gemütern. Noch 1991 entführte ein Geschäftsmann Mary Vetseras Sarg - er fand ein Skelett und verrottete Kleider. 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk