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StartseiteMusikjournalLadies first!10.06.2019

Händel-Festspiele HalleLadies first!

Mehr als 100 starke Frauen finden sich in Georg Friedrich Händels Opern und Oratorien. Und auch im realen Leben hatte der Komponist es mit kapriziösen Operndiven oder adligen Groupies zu tun. Kein Wunder also, dass sich die Händel-Festspiele Halle dieses Jahr "Händels Frauen" widmen.

Von Claus Fischer

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Das Denkmal von Georg Friedrich Händel (1685-1759) in Halle (Saale), aufgenommen vor blauem Himmel am 01.03.2011. Der Komponist Georg Friedrich Händel wurde in der Saalestadt geboren. (picture-alliance / dpa-ZB / Jan Woitas)
Das Denkmal des Komponisten Georg Friedrich Händel (1685-1759) in Halle (Saale). (picture-alliance / dpa-ZB / Jan Woitas)
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Die Nymphe Daphne ist verzweifelt. Gott Apollo stellt ihr nach. Voller Angst bittet sie ihren Vater, er möge sie verwandeln, um dem potenziellen Vergewaltiger zu entgehen. So wird Daphne zu einem Lorbeerbaum, unerreichbar für Apollo. Die Geschichte ist hochaktuell, meint Clemens Birnbaum, Intendant der Händel-Festspiele in Halle, Stichwort "Me-too-Debatte".

"Der Mythos ist eine klare "Me-too-Bewegung" eigentlich, denn Apollo bedrängt ja die Daphne, dass sie sich entschließt zu sterben, bzw. in einen Lorbeerbaum zu verwandeln!"

In seiner ersten großen Schaffensphase in Italien hat Georg Friedrich Händel die Geschichte von Apollo und Daphne vertont, in Form einer groß angelegten Kammerkantate. Die kam im Rahmen der Händelfestspiele zur Aufführung mit der Sopranistin Anna Prohaska.

Reale und fiktive Protagonistinnen

Rund 120 Frauengestalten tauchen in Händels Werken auf, in den frühen Kantaten, in den großen italienischen Opern und auch später in den englischen Oratorien. Darüber hinaus hat der Musikdirektor und Impresario Händel natürlich mit zahlreichen Frauen zusammengearbeitet. Clemens Birnbaum:

"Ob das nun die Francesca Cuzzoni war, ob das die Bordoni war als Sängerinnen, ob das die Tänzerin Marie Sallé war. Oder auch die nahezu vergessene Kitty Clive, die Schauspielerin, Muse am Londoner Theaterhimmel der damaligen Zeit, für die Händel einige Songs geschrieben hat, die aber gleichzeitig auch schon beim "Messias" als Solistin tätig war, auch darauf wollen wir den Fokus rücken. Aber auch auf die Königinnen am Königshaus, mit dem Händel sehr eng zusammengearbeitet hat. Also das ist schon ein sehr facettenreiches Frauengeflecht."

Händels Frauen auf der Bühne kann man im Rahmen der Jahresausstellung in seinem Geburtshaus näherkommen. Als fast lebensgroße Figur aus Holz erscheint da zum Beispiel die Primadonna Francesca Cuzzoni. Drückt man auf einer Tafel vor der Installation einen Knopf, dann hört man eine der glanzvollen Arien, die Händel für sie komponiert hat aus der Partie der Kleopatra in der Oper "Giulio Cesare".

Der Rundgang durch die Schau beginnt bei der definitiv ersten Frau in Händels Leben, seiner Mutter Dorothea geborene Taust. Da Händels Vater früh starb, sieht man sie mit der typischen Haube, die Witwen damals trugen. Doch halt – sie ist es gar nicht! Das Bild zeigt die Mutter des Malers Rembrandt

"Wir hatten uns überlegt: Wie hat sie wohl ausgesehen, weil wir haben ja kein Bild von ihr, wir haben sowieso fast keine originalen Daten von ihr", sagt Karl Altenburg, der Kurator der Ausstellung.

"Das Ausführlichste aus ihrem Leben ist ihre Leichenpredigt, da steht sehr viel über ihr Leben drin. Da sie aber sehr viele Jahrzehnte Witwe war, haben wir uns gedacht, sie wird wohl eine Witwentracht getragen haben die meiste Zeit und es gibt ja viele Rembrandt-Gemälde, die seine Mutter wiederum zeigen in Witwentracht, und da Händel ja selber Rembrandt-Gemälde besessen hat, haben wir versucht, diese Verknüpfung herzustellen."

Händels singende Mutter

Auf Händels Mutter, die die Tochter eines Pfarrers war, verweist ein zeitgenössisches Gesangbuch, aufgeschlagen ist das Kirchenlied "Warum sollt ich mich denn grämen". Karl Altenburg:

"In ihrer Leichenpredigt ist erwähnt, dass sie die Lieder von Paul Gerhardt sehr mochte. Also es passt auch sehr gut in unser Bild, dass sie wohl der musikalische Part in der elterlichen Erziehung gewesen ist von Georg Friedrich Händel. Also sie wird viel gesungen haben, nicht nur mit ihm, sondern auch mit seinen beiden jüngeren Schwestern. Und "Warum sollt ich mich denn grämen" soll sie auch auf dem Sterbebett gesungen haben…"

Wie kommen Frauen in Händels Werken vor und welche Rückschlüsse kann man daraus auf seine Einstellung zum anderen Geschlecht ziehen? Das wurde im Rahmen der halleschen Händel-Festspiele auf einer wissenschaftlichen Konferenz erörtert, bei der Forscher unterschiedlicher Disziplinen zusammenkamen. So referierte der Münchner Literaturwissenschaftler Florian Mehltretter über Händels Umgang mit der Tragödie "Il Pastor Fido" des Renaissancedichters Battista Guarini. Hauptfigur in diesem Antikenspektakel, in dem die Bürger von Arkadien durch Menschenopfer einen Fluch abwehren müssen, ist Herkules. In der Opernbearbeitung des Stoffes durch Händel 1734 wird aber die Nymphe Amarilli zur Protagonistin, sagt Florian Mehltretter.

"Die Liebende, die Edle, die auch um den Konflikt dieses Arkadien weiß, in der sich also sozusagen die Problematik der Oper konzentriert."    

Händel ein früher Feminist?

Hinter dieser Aufwertung muß nicht unbedingt der Wille Händels stehen, die Geschichte neu zu deuten. Es könnten auch die äußeren Umstände der Opernproduktion ausschlaggebend gewesen sein. Sprich: Händel hatte eine besonders gute Sängerin für die Rolle zur Verfügung oder der Sänger der Partie des Herkules war nicht gut genug. Aber, so Florian Mehltretter, es falle schon auf, dass er häufig selbstbewußte, mutige und starke Frauen auf die Bühne stellte. War Händel also ein in Anführungszeichen "früher Feminist"? Florian Mehltretter:

"Ich denke schon, dass er ein besonderes Interesse an den weiblichen Figuren hat. Als ästhetische Entwürfe und auch Sinnentwürfe haben sie ihn interessiert. Insofern steht dem nichts entgegen, ihn sozusagen für diese Sache zu vereinnahmen."

"Das wirkt manchmal erstaunlich modern", sagt der Musikwissenschaftler und Präsident der Internationalen Händel-Gesellschaft Halle Wolfgang Hirschmann. Allerdings würde er nicht von Händel als einem frühen Feministen sprechen, da er nicht aktiv gegen die damals übliche Unterdrückung der Frau anging. Aber ein Visionär war Händel schon, indem er seine Kunst nutzte, um Alternativen zum damaligen Leben zu zeigen. Das zeigt sich auch im Gesangsensemble, das er in seinen Opern einsetzte.

"Der männliche Held, der sang in derselben Stimmlage wie die Frauen! Das ist nicht so wie im 19. Jahrhundert, dass der Held dann der Tenor ist und der Böse der Bass oder der Bariton, nein, nein! Im Stimmlichen ist schon eine Gleichheit zwischen Mann und Frau hergestellt in der Oper des 18. Jahrhunderts!"

Die spannende Frage, die sich daraus ergibt ist nun: Wie hielt es Händel selber mit den Frauen? Das bleibt ein Rätsel, sagt Wolfgang Hirschmann.

"Wir wissen nichts über seine eigene sexuelle Orientierung. Wir wissen, dass er Junggeselle blieb sein Leben lang. Insofern ist die Frage offen. Ich frag mich manchmal: Ist es letzten Endes eine wichtige Frage?

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