Mittwoch, 23.10.2019
 
Seit 20:30 Uhr Lesezeit
StartseiteInterview"Es hat auch etwas mit unserer Wahrnehmung zu tun"25.07.2016

Häufung von Gewalttaten"Es hat auch etwas mit unserer Wahrnehmung zu tun"

Auch wenn wir dazu neigten die Gewalttaten von Würzburg, München und Ansbach in eine Schublade zu stecken, seien es doch verschiedene Taten, sagte Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung Tutzing, im DLF. Der Eindruck, dass sich Taten häuften, habe auch mit der Wahrnehmung zu tun. Gewaltverbrechen habe es schon immer in unserer nächsten Umgebung gegeben.

Ursula Münch im Gespräch mit Rainer Brandes

Porträt der Direktorin der Akademie für Politische Bildung Tutzing (Bayern), Ursula Münch (dpa/OPeter  Kneffel)
Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung Tutzing (dpa/OPeter Kneffel)

Rainer Brandes: Die Messerattacke bei Würzburg, der Amoklauf in München, der Bombenanschlag in Ansbach - alle diese Taten haben unterschiedliche Hintergründe, aber doch eines gemeinsam: Sie verunsichern die Bevölkerung genauso wie die Politiker. Ich möchte über die Konsequenzen jetzt mit Ursula Münch sprechen. Die Professorin für Politikwissenschaft ist Direktorin der Politischen Akademie Tutzing. Guten Abend!

Ursula Münch: Guten Abend.

Brandes: Gibt es aus Ihrer Sicht einen Grund dafür, warum sich gerade jetzt Gewalttaten im öffentlichen Raum so häufen?

Münch: Einen Grund jetzt ursächlich ausmachen kann ich auch nicht. Im Grunde sind es ja doch verschiedene Taten, die wir beobachtet haben in den letzten paar Tagen, und vielleicht neigen wir jetzt vorschnell dazu, alles in eine Schublade zu stecken. Das eine war ein Amoklauf in München eines Schülers, der nichts mit Islamismus zu tun hat. Das andere war auch eine Beziehungstat eventuell in Reutlingen. Das sind jetzt verschiedene Sachen. Aber natürlich: Wir sind alle unheimlich aufmerksam, und es sind natürlich ganz scheußliche Taten, die natürlich auch jede Aufmerksamkeit verdienen. Aber dass sich das jetzt so häuft, hat auch ein bisschen etwas mit unserer Wahrnehmung zu tun, dass es sich häuft. Gewaltverbrechen gab es immer schon, auch in unserer nächsten Umgebung.

Brandes: Stellt diese Wahrnehmung, dass das irgendwie zusammenhängen könnte, auch ein Problem für die Politik jetzt dar, weil natürlich nach solchen Gewalttaten immer die Forderung nach Gesetzesverschärfungen kommt und die Politik muss dann irgendwie reagieren? Und reagiert sie dann in diesem Fall richtig?

Münch: Na ja, ob sie richtig reagiert, muss sich dann erst noch beweisen. Aber man sieht tatsächlich, dass Sachen dann miteinander vermischt werden, auch in der öffentlichen Debatte. Wenn man sich zurzeit die Twitter-Nachrichten und die Facebook-Einträge der einschlägigen Leute anschaut, dann wird da natürlich auch bewusst Sachen miteinander vermischt. Wenn man sich zum Beispiel von der AfD anschaut, wie man sich da in den letzten paar Tagen geäußert hat, dann wird da eben nicht differenziert. Differenzierung gehört jetzt nicht ins Portfolio der AfD. Und da ist es natürlich dann auch Wasser auf den Mühlen, jetzt alles im Grunde gleichzusetzen, pauschal zu sagen, da seien die Flüchtlinge dran schuld, die angeblich Frau Merkel ins Land geholt habe. Damit macht man sich es natürlich sehr einfach. Da mag immer ein kleiner Funken Wahrheit mit dabei sein, dass es Flüchtlinge zum Teil waren, dass es Asylbewerber waren, aber von denen zumindest, soweit ich informiert bin, die nicht erst seit Herbst letzten Jahres im Land sind.

"Natürlich kommen da Leute, die etwas mitbringen und die zum Teil auch schlechte Absichten mitbringen"

Brandes: Aber haben wir die Gefahr durch Einwanderung von Gewalttätern vielleicht doch unterschätzt, wenn wir jetzt an den Anschlag von Ansbach denken?

Münch: Na ja, unterschätzt? Ich meine, da gab es ja immer eine Diskussion und es gab immer warnende Stimmen, die natürlich auch darauf hingewiesen haben, dass wir da gewisse Sicherheitsprobleme haben, weil wir zum Teil ja in einzelnen Phasen dieses Flüchtlingsgeschehens nicht wussten, tatsächlich nicht wussten, wer kommt, und damit befürchten mussten, dass da unter Umständen auch Leute quasi under cover kommen und getarnt als Flüchtlinge. Das ist tatsächlich ein Problem. Und natürlich hat man insgesamt als sogenannte Aufnahmegesellschaft auch immer das Problem, dass Migranten unter Umständen auch die heimischen Konflikte mitbringen. Auch das kann ja passieren. Auch das sehen wir zum Beispiel beim Thema Türkei. Die müssen nicht unbedingt gewaltmäßig ausgetragen werden bei uns, aber natürlich kommen da Leute, die etwas mitbringen und die zum Teil auch schlechte Absichten mitbringen. Aber diese Diskussion ist ja geführt worden und es sind ja auch Maßnahmen zum Teil zumindest dagegen getroffen worden. Nur wenn man jetzt fordert, dass man jetzt alle Asylbewerber im Grunde kennen muss und schauen muss und alle kontrollieren muss, dann ist das zunächst mal ein ganz verständlicher Reflex der Politik und bedient sicherlich auch diese Ängste und ist durchaus verständlich. Die Frage ist ja nur, kontrollieren anhand welcher Maßstäbe. Das würde ja voraussetzen, dass wir jetzt zum Beispiel aus Syrien, aus dem Irak, aus Afghanistan quasi Verdächtigenlisten von dort bekommen, von dortigen Sicherheitsbehörden, und Fingerabdrücke. Das geht natürlich nicht, weil es die schlicht und ergreifend dort vor Ort nicht gibt. Insofern ist immer die Frage, wie soll man eigentlich herausfinden, wer etwas Böses im Schilde führt. Und dazu kommt ja, dass es ja auch so zu sein scheint, dass das tendenziell Leute sind, die das unter Umständen noch gar nicht so lange geplant haben, sondern zum Teil auch aufgrund eventuell anstehender Ausweisung - das war wohl der Fall in Ansbach, dass der wohl erst vor Kurzem erfahren hat, dass er zurückgeschickt werden soll nach Bulgarien, wo er wohl anerkannt worden ist als Flüchtling -, dass das unter Umständen bei psychisch labilen Menschen das dann relativ kurz erst hervorbringt. Es kann sein, dass man jemanden dann mit Sicherheitsmaßnahmen behandelt hat, für unverdächtig eingestuft hat, der- oder diejenige ist aber psychisch labil und erweist sich dann später doch noch zum Sicherheitsrisiko. Sprich: Da gibt es keine Sicherheit.

"Mehr Aufmerksamkeit für das, was in unserem eigenen Umfeld, am Arbeitsplatz oder in der Schule stattfindet"

Brandes: Heißt das dann, dass wir besser als über Gesetzesverschärfungen oder schnellere Abschiebung lieber über eine bessere auch psychologische Betreuung von Flüchtlingen sprechen sollten?

Münch: Natürlich wäre die zu wünschen. Auch die Diskussion hatten wir schon. Aber natürlich ist das gar nicht zu machen. Wenn man alleine daran denkt, wie viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wir in Deutschland haben, die ohnehin schon sehr, sehr viel Geld kosten, sehr, sehr viel personelle Ressourcen in Anspruch nehmen, die wir zum Teil gar nicht haben, das wird in der Form gar nicht machbar sein. Was aber machbar ist, ist, dass man die Leute, die mit diesen Jugendlichen, aber auch mit jungen Männern in Asylbewerber-Heimen zu tun haben, dass man dieses Personal besser schult, dass Leute aufmerksam werden, die professionell mit den Jugendlichen, mit diesen jungen Männern, den Flüchtlingen insgesamt zu tun haben, dass man die versucht, besser zu schulen. Da braucht man nicht gleich Psychotherapeuten und Psychologen. Man kann Leute darauf schulen. Und schlicht und ergreifend ist es natürlich auch in unser aller Verantwortung, weil es ja nicht nur Flüchtlinge sind, die unter Umständen Gewalttaten betreiben - das haben wir jetzt in München gesehen; das war ein hier geborener junger Mann, der Amok gelaufen ist -, sondern dass schlicht und ergreifend wir das auch nicht immer nur auf staatliche Institutionen abwälzen können, mehr Aufmerksamkeit für das, was in unserem eigenen Umfeld, am Arbeitsplatz oder in der Schule stattfindet.

Brandes: Das war Ursula Münch, Direktorin der Akademie für politische Bildung Tutzing. Wir haben das Gespräch vor der Sendung aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk