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StartseiteKommentare und Themen der WocheEndlich Recht für die Missbrauchten13.03.2019

Haftstrafe für Kardinal PellEndlich Recht für die Missbrauchten

Wegen Missbrauchs von zwei Chorknaben wurde der australische Kardinal George Pell zu sechs Jahren Haft verurteilt. Es sei gut, dass die Justiz den Missbrauchten recht gegeben habe, kommentiert Christiane Florin. Denn zu lange habe gegolten: Wer Bischof ist, hat recht.

Von Christiane Florin

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Der australische Kardinal George Pell in schwarzer Soutane vor dem Wappen des Vatikans im Juni 2017. (picture alliance / Gregorio Borgia)
Der ranghöchste Geistliche, der jemals wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger verurteilt wurde - aber Kardinal Pell kann noch auf ein Berufungsverfahren hoffen (picture alliance / Gregorio Borgia)
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So langsam werden die Kardinäle knapp. Das ist, zugegeben, sehr zugespitzt formuliert. Aber wer will schon noch päpstlicher sein als der Papst? Dieser Ehrentitel ist ja auch nicht mehr so ehrenvoll.

Vor einigen Tagen wurde der französische Kardinal Philippe Barbarin, der Primas Galliens, zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt wegen Vertuschung sexuellen Missbrauchs. Gestern wurde das Strafmaß für den australischen Kardinal George Pell bekannt: sechs Jahre Haft. Der Verurteilte beteuert seine Unschuld; rechtskatholische Medien nennen ihn einen Märtyrer, aber für das Gericht steht fest, dass er Mitte der 1990er-Jahre Jungen zum Sex zwang, unter anderem in der Sakristei nach der Messe.

In bestimmten Kreisen gelten die Kleriker als Märtyrer

Kurz vor dem Missbrauchsgipfel im Vatikan hatte Papst Franziskus den amerikanischen Kardinal Theodore McCarrick zum Normal-Katholiken degradiert – laisiert, sagt der Fachmann. Das ist die Höchststrafe im Kirchenrecht, angeblich schmerzlicher als sechs Jahre Kerker bei Wasser und Brot. Barbarin, Pell, Mc Carrick: Drei Kardinäle, drei kriminell gewordene Kleriker.

Seit Mitte der Neunzigerjahre ist das Thema im Bewusstsein einer größeren Öffentlichkeit. Damals ging der Blick nicht nach Australien, in die Sakristei eines George Pell, die Aufmerksamkeit galt Austria. Ehemalige Schüler des Knabengymnasiums Hollabrunn beschuldigten 1995 ihren einstigen Lehrer Hans Hermann Groer. Der Geistliche hatte es da schon zum Erzbischof von Wien, zum Vorsitzenden der österreichischen Bischofskonferenz und zum Kardinal gebracht. Er sprach von Diffamierung; auch Groer gilt bestimmten Kreisen als Märtyrer. Sein Rücktrittsgesuch aus Altersgründen hatte er zum Zeitpunkt der Beschuldigungen ohnehin schon eingereicht.

Noch gilt: Wer Bischof ist, hat Recht

Lang ist die Liste der hochrangigen Kleriker, die nach einschlägigen Vorwürfen aus alters- oder gesundheitlichen Gründen ihr Amt aufgaben. Eher kurz ist die Liste der strafrechtlich verurteilten. Manche offenbarten sich gegenüber den Medien, der frühere Bischof von Brügge etwa gestand 2011 in einem Fernsehinterview den Missbrauch seiner beiden Neffen.

Die katholische Kirche ist ein streng geordnetes System. Bischöfe sind besonders berufen, Kardinäle besonders auserwählt. Es sind Exzellenzen und Eminenzen, Hochwürdigste Herren. Hat man es erst einmal so weit gebracht, kann man es ziemlich weit treiben. Die Kirchenspitze wird sich der Tatsache, dass der Heilige Geist auch die Falschen ruft, kaum ehrlich stellen können. Die Konsequenzen für die Hierarchie wären erheblich, womöglich wäre es das Ende des geheimnisumwehten Berufungs- und Ernennungswesens, inklusive Mützen- und Hutvergabe. Noch gilt in dieser Hierarchie: Wer oben ist, wer Bischof ist, hat Recht. Gut, dass die Justiz nun denen da unten, den Kleingemachten und Missbrauchten, recht gegeben hat. Sollte es einen Heiligen Geist geben, dann hat er eher im Gerichtssaal als in der Kathedrale geweht.

Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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