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StartseiteKultur heuteMartialischer Triumph23.07.2020

Hagia Sophia wieder MoscheeMartialischer Triumph

Die Hagia Sophia in Istanbul diente in ihrer Geschichte schon als Kirche und als Moschee - bevor Atatürk sie in ein Museum umwandelte. Nun darf in den Räumen wieder gebetet werden. Staatspräsident Erdogan hat "die Säkularisierung auf den Müllhaufen der Geschichte befördert", kommentiert Ingo Arend.

Von Ingo Arend, Kulturjournalist

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Gläubige vor der Hagia Sophia in Istanbul am 10. Juli 2020 nach der Entscheidung des des Obersten Verwaltungsgerichts, aus dem Museum wieder eine Moschee zu machen.  (AFP / Ozan Kose)
Aus Museum wird wieder Moschee - ab morgen findet in der Hagia Sofia in Istanbul wieder das Freitagsgebet statt (AFP / Ozan Kose)
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Als Sultan Mehmed II. 1453 zu Pferd in Konstantinopel einzog, führte ihn sein erster Weg zur Hagia Sophia. Das siegreiche Oberhaupt der Osmanen trug das Schwert Mohammeds. Mehmed ließ Gebetsteppiche in die Kirche bringen, Kreuze und Glocken entfernen, seinen Namenszug, eine Gebetsnische und ein Minarett aufstellen.

Hinter dem Schwert des Propheten wird Präsident Recep Tayyip Erdoğan zum morgigen Freitagsgebet vermutlich nicht in die mit 4.000 Quadratmeter türkisen Wollteppich ausgelegte Hagia Sophia einziehen. Eine Triumphgeste wird es dennoch sein. Tritt der martialische Präsident damit doch symbolisch in die Fußstapfen des Eroberers.

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Mit der Unterschrift unter das Moschee-Dekret beförderte Erdoğan das Symbol der Säkularisierung seines ungeliebten Vorgängers Atatürk auf den Müllhaufen der Geschichte. Und sicher nicht zufällig fällt der Tag der Wiedereröffnung auf den 97. Jahrestag des Vertrags von Lausanne. Den von Atatürk unterzeichneten Pakt über die endgültigen Grenzen der Türkei bekämpft der Präsident seit Jahren.

Verhängte Fresken und Mosaike

Zwar hat die Regierung zugesichert, die 1.500 Jahre alte Basilika mit den Mosaiken des Pantokrators, der Muttergottes und der Seraphim blieben öffentlich zugänglich. Doch welchen Wert die Türkei dem Weltkulturerbe sonst zumisst, zeigt der Fall von Hasankeyf. In der antiken Stadt am Tigris lässt sie gerade die Spuren von 11.000 Jahre Menschheitsgeschichte unter Beton verschwinden.

Schon vor einiger Zeit wurden die Hagia Sophias in Iznik, dem antiken Nizäa, und in Trabzon am Schwarzen Meer auf Betreiben führender AKP-Politiker zu Moscheen umgewandelt. Ein Großteil der Fresken und Mosaiken ist seitdem durch Vorhänge und Einbauten verdeckt. Wegen sogenannter "Restaurierungen" streiten Gerichte.

Womöglich steht auch der Istanbuler Hagia Sophia solch eine schleichende Säuberung bevor. "Das dürfte die erste Moschee sein, in der das Bild einer Prostituierten ausgestellt wird", ätzte dieser Tage Ebubekir Sofuoğlu, Kunstgeschichtsprofessor der Provinz-Universität Sakarya mit Blick auf ein Mosaik der Zoe. Die für ihre vielen Affären bekannte Kaiserin hielt 1042 den Thron von Byzanz.

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Denkmal der Zivilisationen

Schwer vorstellbar, dass ausgerechnet das Diyanet, das türkische Amt für religiöse Angelegenheiten, dem Erdoğan direkt nach der Entscheidung des Obersten Verwaltungsgerichtes die Hagia Sophia unterstellte, solche Diskussionen islamischer Fanatiker in Zukunft eindämmen wird.

Schwer vorstellbar erst recht, dass ausgerechnet die Religionshüter die Erschließung der noch unbekannten Mosaiken forcieren werden, nach denen Wissenschaftler aus aller Welt die Wände der Basilika abscannen.

Auf der Strecke bleibt damit das hybride Symbol der Verquickung von Christentum und Islam in einer Stadt an der Nahtstelle der Religionen. In ihrer wechselvollen Geschichte ist die Hagia Sophia zu einem Palimpsest der Zeichen, zu einem Denkmal der Zivilisationen geworden, die an dem "Mittelpunkt der Welt" Istanbul Geltung beanspruchten.

Islamische Reconquista

Von dem Himmelsgewölbe, das Kaiser Justinians gewaltige Kuppel symbolisieren sollte, über Sultan Mehmeds grüngoldene Medaillons mit den Aufschriften "Mohammed" und "Allah" bis zu den Graffiti, die die Wikinger bei ihrem Einfall in die Stadt 680 nach unserer Zeit hinterließen, ist sie zu einem Paradebeispiel des "außergewöhnlichen universellen Werts" geworden, welches für die UNESCO ein Stück Weltkultur ausmacht.

Wenn Ali Erbaş, der Chef der Religionsbehörde, jetzt von einer "Rückkehr zu den Ursprüngen" spricht, erklärt er die Zeit zwischen 537 und 1453 praktisch für irrelevant. Und nach Jahrzehnten der friedlichen Koexistenz soll in dem Gotteshaus wieder eine symbolische Ordnung den Ton angeben. So markiert die rückverwandelte Hagia Sophia einen weiteren Schritt zur islamischen Reconquista der Türkei.   

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