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StartseiteForschung aktuellHaihaut statt TBT-Giftfarben08.10.2004

Haihaut statt TBT-Giftfarben

Zähnchen machen nicht nur schneller sondern auch sauberer

<strong>Umwelt. – Schiffsrümpfe sind für Algen, Muscheln oder Seepocken ein idealer Siedlungsplatz, denn diese transportieren ihre blinden Passagiere rund um die Welt und damit mit großer Wahrscheinlichkeit von Futterplatz zu Futterplatz. Für die Transporteure ist das lästig und teuer, denn sie müssen dank des Bewuchses bis zu einem Sechstel mehr Sprit aufwenden, um vom Fleck zu kommen. Giftige Schutzanstriche sind seit zwei Jahren verboten, daher forscht man an der Hochschule Bremen an Alternativen.</strong>

Unter Wasser müssen Schiffe vor Bewuchs geschützt werden. (AP)
Unter Wasser müssen Schiffe vor Bewuchs geschützt werden. (AP)

Tributylzinn war bislang das Mittel der Wahl für so genannte Antifouling-Anstriche an Schiffsrümpfen. Doch der Stoff ist nicht am Schiffsrumpf selbst giftig sondern wird auch ins Wasser abgegeben und stört den Hormonhaushalt von Meereslebewesen. Alternativen sind daher dringend erforderlich. Der Biologe Ralph Liedert vom Fachbereich Schiffbau, Meerestechnik und Angewandte Naturwissenschaften der Hochschule Bremen sucht nach vielversprechenden Oberflächenstrukturen, mit denen sich die unerwünschten Neusiedler abschrecken lassen. Im Hafen von Meldorf im schleswig-holsteinischen Dithmarschen haben Liedert und seine Kollegen 75 Testplatten im Wasser versenkt, um in einem Langzeitversuch die Wirkung unterschiedlicher Oberflächen zu testen. Liedert: "Wir haben Platten völlig ohne Mikrostruktur, und dann gehen wir mit den Mikrostrukturen im Bereich zwischen 72 und 152 Mikrometern nach oben, in bestimmten Abständen. Der zweite Parameter, den wir variieren, ist die Elastizität der Oberfläche. Das heisst, wir haben harte Platten, mittelweiche Platten und ganz weiche Platten. Das fühlt sich ein bisschen an, als ob man über einen aufgeblasenen Luftballon drüber streichen würde."

Vorbild für einige der Platten ist wieder einmal die Haihaut, eines der berühmtesten Beispiele für Bionik, das Lernen von der Natur. Antonia Kesel, Bionikprofessorin an der Bremer Hochschule: "Der Haikörper ist komplett besetzt mit kleinen Zähnchen, die letztlich mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind. Sie sitzen auf kleinen Stielen auf einer etwas weicheren, beweglichen Unterhaut und sind daher auf Druck gegeneinander verschiebbar." Dadurch macht sie den Raubfisch zu einem schnellen Schwimmer mit optimierter Strömungsdynamik – was Bioniker in aller Welt für Flugzeugoberflächen und ähnliches nutzen wollen. Den Bremer Biologen war allerdings aufgefallen, dass sich auf dem Tier auch praktisch keine Organismen niederlassen, und wollen das jetzt für die Schiffe nutzen. Kesel: "Jetzt kommt es darauf an, die Mikrotopografie dieser Zähnchen in Verbindung zu setzen mit der Möglichkeit, dass sich diese Zähnchen durch ihre stielige Anordnung gegeneinander versetzen können. Durch die Zähnchen entsteht so eine feine Rillung in Längsachse über das Tier." Und das mögen Seepocken offenbar gar nicht. Liedert: "Seepockenlarven sind sehr wählerische Tiere. Sie besitzen zwei kleine Antennen, mit denen sie die Oberfläche chemisch wie auch mechanisch prüfen. Und dann nach einer gewissen Zeit, etwa zwei Stunden, entscheiden sie sich." Ein Kriterium ist offenbar auch die Geometrie der Oberfläche, daher suchen die Biologen jetzt nach einer möglichst unangenehmen Oberfläche. Nach stationären Tests im Jachthafen und an Seetonnen in der Aussenweser bekleben sie daher jetzt Katamaran-Rümpfe mit den Folien. Die Versuche des Sommers zeigten, dass die regelmäßige Mikrostruktur die Ansiedlung von Foulingorganismen um rund 95 Prozent verringert. Jetzt muss die Strukturfolie noch die letzten Tests bestehen und dann müssen die Bremer sich um eine praktikable und wirtschaftliche Produktionsmethode kümmern, dann könnte eine ungiftige physikalische Alternative zu Tributylzinn verfügbar sein.

[Quelle: Folkert Lenz]

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