Sonntag, 16.12.2018
 
Seit 07:30 Uhr Nachrichten
StartseiteKalenderblattHalsbrecherische Jagd im Kessel15.03.2009

Halsbrecherische Jagd im Kessel

Sechstagerennen in Berlin feiert 100-jähriges Jubiläum

Es muss ein ungeheuerer Marathon gewesen sein und ein gesellschaftliches Großereignis dazu: Beim ersten Sechstagerennen in Europa vor 100 Jahren wurde noch rund um die Uhr Rad gefahren. 30 Fahrer, die jeweils zu zweit ein Team bildeten und sich gegenseitig beim Fahren abwechselten, nahmen in den Ausstellungshallen am Zoologischen Garten das Rennen um eine Siegprämie von 15.000 Mark auf.

Von Thomas Jaedicke

Die Radfahrer Erik Zabel und der Schweizer Bruno Risi beim Sechstagerennen Berlin 2009 (AP)
Die Radfahrer Erik Zabel und der Schweizer Bruno Risi beim Sechstagerennen Berlin 2009 (AP)

"Der Zeiger rückt auf zehn Uhr vor. Nur noch drei Minuten. Die Kämpfer sammeln sich an der Startlinie. Ein paar Blitzlichter flammen auf. Ein Pistolenschuss knallt, und plötzlich, als seien sie selbst aus einer Pistole geschossen, flitzen die 15 Fahrer über die Bahn."

An die 8000 Menschen drängen sich an diesem Abend des 15. März 1909 in der großen Ausstellungshalle am Zoologischen Garten. Einige haben den ganzen Tag nach Karten angestanden, um beim Start des ersten Sechstagerennens dabei zu sein. Die Six Days sind eine neue Attraktion aus Amerika; eine seltsame Mischung aus Zirkus und Radrennbahn. Viele Neugierige werden sich in dieser ersten von sechs Nächten und an den darauf folgenden Tagen die Hälse verrenken und die Füße quetschen, auf das Geländer klettern oder staunend und johlend auf die Stühle steigen. Alle wollen möglichst viel vom Fahrerfeld sehen, das nun in den kommenden 144 Stunden wie ein riesiger, bunter Schmetterling nonstop über das 150 Meter lange und vier Meter hohe Holzoval jagen wird. Gefahren wird um eine Siegprämie von 15.000 Mark.

"Die Gesellschaft, die all diesem bizarren und sehr vergnüglichen Treiben zuschaut, ist standhaft bis zum Morgengrauen", "

berichtet der Reporter des "Berliner Tageblatt" in einer Extraausgabe.

" "In den Logen und im Innenraum sieht der Kenner von Berlin West Gesichter aus jenen Kreisen, die sonst der Radrennerei nicht hold sind, die mehr den Pferderennstall und die Pferdestärken des Automobils lieben. Oder die gar nichts von Sport verstehen und nur das grelle Bild in sich aufnehmen wollen, begleitet von den Walzerklängen der nächtlichen Kapelle. Schöne Frauen im Ballkleid und Männer in schwarzem Frack und spiegelblankem Zylinder."

Angelockt von den ausführlichen Berichten und dicken Schlagzeilen, die das Spektakel in der Berliner Presse hervorruft, geben sich sogar höchste Repräsentanten des Kaiserreichs die Ehre.

"Heute Vormittag kurz nach elf Uhr erschien der Kronprinz in Begleitung des Prinzen von Thurn und Taxis im Velodrom. Er ließ sich die Praktiken bei einem Dauerrennen dieser Art auseinandersetzen und sah einige recht scharfe Vorstöße. Er hätte gern auch von einem deutschen Starter etwas mehr Energie gesehen, aber vergeblich versuchte man Robl zu einem Vorstoß zu bewegen."

Die Strapazen des Rennens fordern ihren Tribut. Der Aufmerksamkeit Fredy Budzinskis, des Chefredakteurs des Fachblattes "Radwelt", der sich im Innenraum des Ovals bei den Kojen der Fahrer Notizen macht, entgeht nichts.

"Am zweiten Tage brachte man einen Halbtoten heraus. Es war Poulain, der sich überanstrengt hatte und dringend der Ruhe bedurfte. Der Franzose wurde gefüttert und sollte dann ins Bad gebracht werden, brach aber an der Wanne vor Erschöpfung zusammen. Durch Sauerstoff-Inhalationen brachte man ihn wieder auf die Beine, und nachdem er zwei Stunden geruht hatte, nahm er das Rennen mit einer Frische wieder auf, als sei er niemals schlapp gewesen."

Am Ende der halsbrecherischen, sechstägigen Jagd in der verrauchten Halle am Berliner Zoo, nach 3865 im ewig gleich bleibenden Kreis zurückgelegten Kilometern triumphiert das amerikanische Fahrerpaar Moran/MacFarland. Die beiden Bahnrad-Haudegen hatten drei Monate zuvor schon das Rennen im New Yorker Madison Square Garden für sich entschieden. Von Berlin aus traten die Six Days nach 1909 in ganz Europa ihren Siegeszug an. Bald wurden Rennen in Paris, Brüssel, Breslau oder Kiel organisiert. Zwar wird inzwischen schon lange nicht mehr Tag und Nacht gefahren, aber im Prinzip hat sich auch 100 Jahre nach dem ersten Startschuss in Berlin nicht allzu viel geändert.

"Mensch, so is det janze Leben, alle wolln nach vorne streben. Hey, hey, hey, hey, hey!
Und der Erste, denkste, wärste, und du strampelst ohne Pause. Und denn siehste, Letzter biste und denn wankste bleich nach Hause. Ganz wie beim Sechstagerennen. Alle, die dabei sind, können nicht ins Bett. Und kein Einziger weiß: warum?"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk