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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenErben des NS-Vermögens22.01.2015

Hamburg Erben des NS-Vermögens

Am 3. Mai 1945 übernahmen die Briten Hamburg, eine in großen Teilen zerstörte und bankrotte Stadt. Zwei deutsche Körperschaften verfügten damals über erstaunlich wertvolle Besitztümer: die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei und das Deutsche Reich. Historiker untersuchen jetzt, wie mit diesem Besitz nach 1945 verfahren wurde.

Von Ursula Storost

Kapitulationserklärung von Reichspräsident und Oberbefehlshaber der Wehrmacht Karl Dönitz am 08.05.1945 im Rundfunk:

"Wir müssen den Tatsachen klar ins Gesicht sehen. Die Grundlagen, auf denen das Deutsche Reich sich aufbaute, sind zerborsten. Die Einheit von Staat und Partei besteht nicht mehr."

Am 8.Mai 1945 erklärte Karl Dönitz, testamentarischer Nachfolger Adolf Hitlers in einer Rundfunkansprache die Kapitulation.

Dönitz: "Mit der Besetzung Deutschlands liegt die Macht bei den Besatzungsmächten."

Bereits fünf Tage vorher hatten die Briten Hamburg übernommen, sagt Professor Axel Schild, Historiker an der Hamburger Universität und Leiter der Forschungsstelle für Zeitgeschichte.

"Man hat zunächst von den Engländern auch die deutsche Verwaltung eigentlich völlig unangetastet gelassen. Bis hinauf zu den Senatoren, die in der NS-Zeit schon im Amte waren, sind einige bis zum Oktober 1945 im Amt belassen worden."

Größte materielle Umverteilung seit dem 30-jährigen Krieg

Die bestehende deutsche Verwaltung war in der zerstörten Stadt die einzige Instanz, die halbwegs das alltägliche Leben organisieren konnte.

"Der Staatshaushalt war völlig zerrüttet, weil die NS auch gearbeitet hatten mit ner Politik von Verschuldung, die im Prinzip von den besetzten Ländern aufgebracht werden musste. Aber jetzt nach 1945 kann man ja nicht mehr irgendwelche andere Länder ausplündern," sagt Axel Schild.

Bei den Fragen um Wiedergutmachung und Rückgabe, ging es damals vor allem um den von Nazis enteigneten jüdischen Besitz, erklärt der Historiker Joachim Szodrzynski von der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte. Stichwort Arisierung.

"Insgesamt kann man sagen, dass es sich bei der Arisierung in Deutschland um die größte materielle Umverteilung und das größte Enteignungsverfahren in der deutschen Geschichte seit dem 30-jährigen Krieg gehandelt hat."

Die nationalsozialistische Regierung, so Joachim Szodrzynski, hatte die jüdische Bevölkerung finanziell ausgeplündert. Aber auch die Auflösung zahlreicher Organisationen spülte den Nazis viel Geld in die Kassen. Zum Beispiel das Verbot der Gewerkschaften 1933.

"Und das Gewerkschaftsvermögen fließt in die neu geschaffene sogenannte Deutsche Arbeitsfront. Also mit den Gebäuden, dem Barvermögen, mit allem, was an Sachen vorhanden ist. Und dient dann der neu geschaffenen Einrichtung deutsche Arbeitsfront als Grundlage mit ihrem Anliegen in der Gesellschaft sofort loslegen zu können."

Vermögenswerte, die nach Kriegsende noch vorhanden waren, weiß der Historiker Marc-Simon Lengowski, der sich am Hamburger Institut für Zeitgeschichte mit dem NS Vermögen nach 1945 beschäftigt.

Gewerkschafter und Sozialdemokraten waren unverdächtig

"Das betrifft besonders häufig die alten Gliederungen der NSDAP, die noch über große Immobilien verfügten, die auch nicht vom Krieg zerstört worden waren, die über Bankkonten verfügten auf denen noch viele Reichsmarkgelder drauf waren. Die über ganz rudimentäre Dinge verfügten wie Schreibmaschinen oder Kraftfahrzeuge, die damals auch sehr wichtig waren."

Diese Vermögen wurden von den Alliierten nach Kriegsende sofort gesperrt. Ab 1947 wurden drei Ausschüsse gebildet, die entscheiden sollten, wie vorhandener Nazi-Besitz verteilt wird. Ein Ausschuss beschäftigte sich mit den enteigneten Vermögen von Genossenschaften, ein Ausschuss mit allen ehemaligen Gewerkschaftsvermögen. Und es gab einen weiteren Ausschuss:

"Den sie allgemeinen Organisationsausschuss nannten und der für sämtliche andere demokratischen Einrichtungen zuständig war", ergänzt Lengowski.

Besetzt wurden diese Ausschüsse mit Deutschen, die unverdächtig waren mit den Nazis kollaboriert zu haben. Zum Beispiel Gewerkschafter und Sozialdemokraten. Und, so Marc-Simon Lengowski, die Rückgabe sollte schnell von statten gehen. Aber viele kleine Organisationen brauchten Zeit, um sich wieder zu gründen und ihre Ansprüche zu stellen. Deshalb profitierten oft die Großen, zum Beispiel jene Gewerkschaften, die im DGB organisiert waren:

"Gerade im Vergleich zu anderen kleineren Gewerkschaften. Weil nämlich der Gewerkschaftsprüfungsausschuss, der die letztendliche Entscheidung traf, deutlich von DGB Mitgliedern dominiert war, die entsprechend einen großen Einfluss auf die Verteilung nehmen konnten. Und die es auch getan haben."

Besonders interessant für alle Mitspieler waren damals die sogenannten NS-Neuvermögen.

"Das sind die Vermögen, die von der NSDAP und ihren Organisationen selbst generiert worden waren. All diese Organisationen hatten Mitgliedsbeiträge. Die haben also ihre eigenen Einnahmen gehabt. Die haben nicht nur ihr Vermögen anderen Organisationen oder Menschen gestohlen. Das heißt, es gibt also Vermögen auf das niemand einen Rückerstattungsanspruch stellen kann. Wo niemand sagen kann, das gehörte mal mir", sagt Marc-Simon Lengowski.

Ein Neuvermögen war zum Beispiel das am Hamburger Speersort gelegene Pressehaus, das 1938 für die nationalsozialistische Parteizeitung gebaut worden war.

Flächen auch in bester Lage

"Für diese Fälle sah die Kontrollratsdirektive 50 vor, dass das Vermögen an das jeweilige Belegenheitsland fällt. Also an das Land, in dem das Vermögen liegt. In Hamburg ist das ein klarer Fall und das Pressehaus wurde ohne weitere Diskussion der Stadt Hamburg zugesprochen."

Die einzige handlungsfähige Verwaltungseinheit, die gegenüber den Alliierten überhaupt Ansprüche geltend machen konnte, war damals die Landesverwaltung in Hamburg, sagt Marc-Simon Lengowski.

"Eine Tatsache ist auf jeden Fall, dass die Stadt im Laufe dieses Prozesses sehr viele Immobilien sichern konnte, die in Hamburg an prominenter Stelle liegen, die heute sehr viel Geld wert sind und die damals sehr viel Geld wert waren. Dazu gehören große Flächen auch in bester Lage wie zum Beispiel das heutige Gästehaus des Hamburger Senates."

Auch diverse Grundstücke rund um die Binnenalster wurden der Stadt zugesprochen. Und sogar eine komplette Wohnsiedlung aus dem Vermögen der nationalsozialistischen Kriegsopferversorgung mit 69 Häusern ging an die Stadt.

"Und das liegt einmal natürlich daran, dass dieses Vermögen keine Lobby hatte. Es war ja herrenloses Vermögen. Die NS Organisationen hatten keine Nachfolger natürlich, also niemanden, der sagen konnte, das ist doch mein Vermögen. Man konnte also auf das NS Neuvermögen völlig problemlos zurückgreifen."

So wie in Hamburg lief es in vielen Landesregierungen, resümiert Marc-Simon Lengowski. Als nach Gründung der Bundesrepublik 1949 der Bund auch seinen Anteil an den NS Vermögen forderte, gab es überall harte Konflikte.

"Die letztlich sogar dahin führt, dass sich die Verwaltungen nicht mehr richtig informieren, das sie sich Informationen vorenthalten und einwandfrei zu ihrem eigenen Vorteil bestimmte Vorgänge verschweigen."

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