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StartseiteInformationen am MorgenZwischen Dornröschenschlaf und Überschwang23.01.2019

Handball in DeutschlandZwischen Dornröschenschlaf und Überschwang

Millionen Zuschauer verfolgen aktuell die Handball-Weltmeisterschaft, bei der die deutsche Nationalmannschaft das Halbfinale erreicht hat. Wie schon nach dem WM-Sieg 2007 stellt sich auch diesmal die Frage: Kann die Sportart die Euphorie nachhaltig für sich nutzen?

Von Niklas Potthoff

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Nationaltorhüter Andreas Wolff schreibt Autogramme nach dem Spiel Deutschland gegen Island bei der Handball Weltmeisterschaft 2019 | Verwendung weltweit (SVEN SIMON)
Neue Handball-Euphorie in Deutschland: Nationalkeeper Wolff mit den Fans (SVEN SIMON)
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Wer es verpasst hat, für die Partie Deutschland gegen Kroatien im Voraus Karten zu kaufen, hat es schwer. Die Tickets sind heiß begehrt. Und die Suchenden vor der Köln Arena sind bereit, tief in die Tasche zu greifen:

"Wir sind eigentlich Fußballfans. Aber Deutschland, da sind wir überall dabei. Wenn man die Stimmung sieht - da muss man einfach dabei sein."

Es sind noch zwei Stunden bis zum Anpfiff der Partie Deutschland gegen Kroatien, aber einige Fans sind schon jetzt da - für die erste Partie des Tages - sie beeilen sich bei eisigen Temperaturen in die Halle zu kommen. Die Arena ist restlos ausverkauft - über 19.000 Zuschauer werden an diesem Abend die Teams anfeuern. Bereits vor dem Start der Handball-WM, die Deutschland und Dänemark im Verbund austragen, wurde vermeldet: Es gibt einen Zuschauer-Rekord. Insgesamt 850.000 Tickets wurden da bereits verkauft.

Wer es in die Arena geschafft hat, erlebt eine spannende Partie, in der Deutschland mit einem knappen 22:21-Sieg den Halbfinaleinzug perfekt macht. Neben den Zuschauern in der Arena verfolgen das Ganze über zehn Millionen Menschen in Deutschland vor ihren Fernsehern.

"Ich genieß den Moment und bin froh, dass es so ist".

Wird Mannschaftskapitän Uwe Gensheimer nach dem Spiel sagen.

"Ich hoffe das wir viele Fans für unseren Sport gewinnen können, die sich dann bei ihrem regionalen Klub eine Dauerkarte kaufen und dann öfter zu den Spielen gehen, das wär schon so ein Wunsch von uns das war auch ein Ziel von uns das wir die Leute mit unserer Art und Weise wie wir spielen begeistern. Ich glaube das haben wir bislang sehr gut geschafft."

Hanning: "Zehn-Millionen-Grenze überschritten"

Die Heim-WM als Chance für mehr Aufmerksamkeit. Natürlich steht der sportliche Erfolg im Vordergrund. Aber der Deutsche Handballbund arbeitet gezielt daran, dass es mehr wird, als nur das. So beschreibt es der Vizepräsident Bob Hanning auf der Pressekonferenz:

"Wir sind jetzt da wo wir hinwollten, wir haben die 10-Millionen-Grenze überschritten, 13 Millionen in der Spitze gehabt. Es gibt - gerade nen Zeitungsartikel gelesen von einer kleineren Zeitung - da steht: Die machen Public Viewing mit anschließendem Probetraining. Das merkst du jetzt, das sich das bewegt und das ist das was wir unbedingt brauchten um zu sagen: Wir verkürzen zur Lieblingssportart. Und das ist das was uns die Türen auch wirklich öffnet."

Die Hoffnungen sind groß. Doch: Es ist nicht das erste Mal. Vor zwölf Jahren, im Jahr 2007, holte das deutsche Handballnationalteam nach einem furiosen Turnier den Weltmeistertitel, vor eigenem Publikum, in der Kölner Arena. Nach der WM folgte eine Anmeldeflut in Handballvereinen, die Mitgliederzahl schnellte auf ein Rekordhoch, auf fast 850.000. Heute sind es 100.000 weniger. Zum Vergleich: Der Deutsche Fußballbund hat rund sieben Millionen Mitglieder.

Bei den Handballfans in der Köln-Arena muss keine Überzeugungsarbeit mehr geleistet werden. Viele kommen am Abend des Kroatien-Spiels eingekleidet im Trikot oder Trainingsanzug ihres eigenen Vereins. Wie Gerd Hoffmann.

"Ich war 2007 schon hier von Anfang bis Ende, und das ist einfach phänomenal. Ich bin selber Jugendtrainer - Ich hab schon wieder viele Anfragen von Kindern bekommen: Wo kann man Handball spielen, wo kann man sich melden? Es ist einfach toll."

Aber nicht alle sind so positiv, dass der Effekt bleibt:

"Man hat in dem Jahr danach gerade im Jugendbereich  gesehen, dass das Interesse so ein bisschen da war. Viele Eltern meinten: ja ich schick mein Kind mal dahin. Das hat man irgendwie nicht so richtig mitnehmen können."

Vermarktung ist das Eine. Doch es fehlt im Handball auch an Förderung, erzählt einer der vielen Fans vor Ort, die auch seit Jahrzenten in Handballvereinen aktiv sind:

"Wenn Sie in den Vereinen ihre Trikots selber kaufen müssen, weil im Prinzip nur Geld für Fußball da ist. Sie zahlen zusätzliche Beiträge im Verein weil die Hallen angeblich so teuer sind. Da fehlt es an allen Ecken und Enden, und im Fußball wird’s hinterhergeschmissen. Das ist einfach so. Fußball, da geht in Deutschland nix drüber, das ist die heilige Kuh. Wir machen in diesem Jahr ne schöne Erfahrung mit der WM, das ist ne tolle Veranstaltung zusammen mit Dänemark, aber das da groß was bei rauskommen wird, das glaub ich kaum."

Hoffnung auf einen nachhaltigen Boom

Mark Schober, Generalsekretär des Deutschen Handballbundes, will sich mit dem Fußball nicht vergleichen. Der Handball müsse eigene Wege gehen. Doch wie erhält man das Interesse? Schober betont, man habe aus den Fehlern gelernt:

"Wir sind zumindest ein Stück besser vorbereitet, weil wir seit vier  Jahren sehr intensiv an dem Thema Mitgliederentwicklung arbeiten. Wir haben viele Maßnahmen eingeleitet. Zum Beispiel eine bessere Ausbildung unserer Trainer. Wenn man nämlich gute Trainer hat, dann kann man auch mehr Kinder gewinnen. Insofern glaub ich das wir diese Leuchtturmveranstaltung etwas besser nutzen können als 2007".

Um das zu schaffen, hat man auch im Marketing-Bereich aufgestockt. Acht Mitarbeiter sind es inzwischen. Vor fünf Jahren war es gerade mal einer. Aber: Im Bereich Infrastruktur und Sporthallen sei noch viel zu tun. So versuche man inzwischen verstärkt, durch politische Lobby-Arbeit die Interessen des Sports stärker zu vertreten.

Nachdem die deutschen Spiele bei der letzten Handball-Weltmeisterschaft nur auf der Seite eines DHB-Sponsors im Internet zu sehen waren, werden sie nun wieder von ARD und ZDF übertragen. Die mediale Präsenz ist ein ganz wichtiger Schritt für Mark Schober:   

"Wir haben die nächsten sechs Jahre ARD und ZDF als übertragender Partner bei allen Welt- und Europameisterschaften, wir haben 2024 eine eigene Europameisterschaft, deswegen glaub ich daran, dass wir die Sportart weiterhin entwickeln können und dauerhaft höhere Reichweiten und mehr Mitglieder generieren können."

Heute steht das letzte Hauptrunden-Spiel gegen Spanien an. Zum letzten Mal hat das Kölner Handball-Publikum die Gelegenheit, das deutsche Team anzufeuern. Danach geht’s zum Halbfinale nach Hamburg - möglicherweise sogar zum Finale in Dänemark. Bis zum nächsten großen Handballturnier in Deutschland, der EM 2024 sind es dann fünf Jahre. Spätestens dort wird man sehen, ob die aktuelle Handball-Lust des Publikums mehr sein kann, als nur eine Turniererscheinung.

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