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StartseiteInterview"Für Festlandchina so wichtig wie noch nie"29.12.2019

Handelsplatz Hongkong"Für Festlandchina so wichtig wie noch nie"

Viele westliche Firmen zögen sich vom chinesischen Festland nach Hongkong zurück, sagte der Ökonom Heribert Dieter im Dlf. Dadurch gewinne die chinesische Sonderverwaltungszone an Bedeutung, vor allem für den Finanzsektor. Der finde in Hongkong auch die besseren Handelsbedingungen vor.

Heribert Dieter im Gespräch mit Benedikt Schulz

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Hong Kongs Finanzviertel (imago images / PhotoAlto)
"Hongkong kennt keine Beschränkung des Kapitalverkehrs, Festlandchina sehr wohl", erklärte Ökonom und China-Kenner Heribert Dieter im Dlf (imago images / PhotoAlto)
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Seit dem Sommer steht die chinesische Sonderverwaltungszone Hongkong unter dem Eindruck teils gewaltsamer Proteste. Heribert Dieter, Ökonom und Politikwissenschaftler der Stiftung Wissenschaft und Politik sowie Gastprofessor an Universität Hongkong sagte im Deutschlandfunk, die Proteste hätten den Alltag verändert, seien aber nicht so bedrohlich, wie oftmals wahrgenommen. 

"Was sich wirklich verändert hat, ist, dass die Stadt sehr intensiv über diese Fragen diskutiert. Es gibt keinen Tag, wo nicht über die Proteste gesprochen wird. Die Stadt ist elektrisiert, die Menschen suchen eine Lösung, aber es gibt keine. Und das spornt sie an, die Proteste aufrecht zu erhalten. Die Regierung schaut passiv zu, also so schnell wird Hongkong nicht zur Ruhe kommen."

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Die Proteste in Hongkong gegen das Auslieferungsgesetz stehen für die Sorge, dass die Unabhängigkeit der Justiz weiter ausgehöhlt werde, sagte China-Expertin Kristin Shi-Kupfer im Dlf. Das Misstrauen gegenüber Peking und der eigenen Regierung sei massiv.

Demonstrierende wollen Einfluss Pekings zurückdrängen

Das umstrittene Auslieferungsgesetz sei gestoppt worden und damit ein überraschender Erfolg gewesen - vor allem in der Auseinandersetzung mit der Volksrepublik China. Es gebe zudem die Forderungen nach freien Wahlen, allerdings keine Anzeichen, dass das kommen werde. Außerdem gebe es Forderungen, dass sich in den Wirtschafts- und Sozialpolitik Hongkong etwas ändere.

"Es ist ziemlich schwer auszumachen, was die Bewegung will, weil die Bewegung keinen Kopf hat." Das sei 2014 noch anders gewesen, damals seien die Köpfe der Bewegung ins Gefängnis gekommen. Als Ergebnis dieser Proteste habe die heutige Bewegung keine identifizierbaren Sprecher.

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Nach den Protesten gegen das umstrittene Auslieferungsgesetz haben vermögende Bürger Hongkongs bereits begonnen, ihr Geld ins Ausland zu bringen. Noch ist Hongkong ein wichtiger Handels- und Finanzplatz. Aber diese Bedeutung könnte abnehmen, sagt Stefan Riße von der Fondsgesellschaft Acatis im Dlf.

"Die Protestierenden wollen in jedem Falle den Einfluss Chinas zurückdrängen und keine weitere chinesische Stadt mit kommunistischer Führung werden, die alles überwacht und kontrolliert." Es bleibe relativ unklar, was genau die Protestierenden als Nächstes erreichen wollen.

Hongkong ist wichtiger Wirtschaftsstandort

"Hongkong ist für Festlandchina heute so wichtig wie noch nie", sagte der China-Experte - auch weil sich europäische und amerikanische Firmen aus Festlandchina nach Hongkong zurückziehen, weil sie die zunehmende Überwachung durch die Kommunistische Partei ablehnen. Das gelte besonders für den Finanzsektor. Denn mit den dort eingeworbenen Mitteln gingen die chinesischen Firmen in OECD-Ländern einkaufen.

"Hongkong kennt keine Beschränkung des Kapitalverkehrs, Festlandchina sehr wohl", erklärte Ökonom Dieter. "Es wird schwer, diesen Sonderstatus auf eine andere Stadt zu übertragen. Dann müsste man den Kapitalverkehr für ganz China liberalisieren."  

"Wir werden uns als Europäer positionieren müssen"

Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping habe jedoch gegenwärtig nicht nur Hongkong und den Handelskrieg als Problem, sondern noch zwei weitere Baustellen: den Immobilienboom, der jederzeit aus dem Ruder laufen kann, was wiederum mit Wohlstandsverlusten verbunden wäre - und die hohe Verschuldung, die bei über 300 Prozent des Bruttoinlandsproduktes liege, erklärte China-Experte Dieter. Wenn man das stabilisiere, gehe das zulasten des Wachstums.

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Angesichts der massiven Menschenrechtsverstöße in China müsse sich Deutschland andere Märkte in Asien stärker erschließen, sagte der FDP-Politiker Johannes Vogel im Dlf. Deutsche Unternehmen dürften nicht von dem Unrechtssystem profitieren und müssten in der Lage sein, sich aus China zurückzuziehen.

"Das chinesische Volk hat bisher akzeptiert, dass die Kommunistische Partei Dissens unterdrückt, weil die Chinesen sehr wohlhabend geworden sind. Falls das bröckeln sollte, hat der Präsident ein gravierendes innenpolitisches Problem."  

China sei in den letzten Jahren insgesamt sehr viel nationalistischer geworden und trete sehr viel aggressiver auf, auch militärisch. "Wir werden uns als Europäer positionieren müssen", sagte Dieter. "Das ist vielleicht die größte Herausforderung der nächsten zehn, 20 Jahre in internationalen Beziehungen: Wie geht die Welt mit diesem zunehmend aggressiven China um?"  

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