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StartseiteKommentare und Themen der WocheZölle passen nicht in die globalisierte Wirtschaft04.10.2019

HandelsstreitZölle passen nicht in die globalisierte Wirtschaft

Auch wenn die Europäer demnächst Vergeltungszölle gegen die USA erheben könnten, sollten sie dies tunlichst lassen, kommentiert Brigitte Scholtes. Denn einen Handelskrieg kann niemand gewinnen. Wäre die Welthandelsorganisation nicht geschwächt, hätte sie EU und USA zurück an den Verhandlungstisch gebracht.

Von Brigitte Scholtes

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Gestapelte Container in den Farben von den USA und der EU (imago/Christian Ohde)
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Kaum ist es an der einen, der amerikanisch-chinesischen Front im Handelskonflikt etwas ruhiger, braut sich auf der anderen Seite neues Ungemach zusammen. Nun hat die Trump-Regierung wieder die Europäische Union ins Visier genommen. Willkommener Anlass ist die Entscheidung der Welthandelsorganisation WTO, nach der die Subventionen der Europäer für den Flugzeugbauer Airbus illegal sind, deshalb seien Zölle der USA gegen die EU aus ihrer Sicht gerechtfertigt. Diesen Ball hat der innenpolitisch bedrängte amerikanische Präsident, dem die WTO-Regeln sonst schnuppe sind, gern aufgenommen und eine lange Liste von Zöllen auf bestimmte Produkte angekündigt.

Etwas absurd wird die Angelegenheit, wenn man bedenkt, dass eine entsprechende Entscheidung der WTO Anfang kommenden Jahres auch gegen die USA zu erwarten ist. Die haben schließlich ihren Flugzeugbauer Boeing auch kräftig subventioniert. Die Europäer könnten also bald Vergeltungszölle erheben und mit gleichen Mitteln zurückschlagen.

Schaden für alle Beteiligten

Das aber sollten sie tunlichst unterlassen. Denn das heizt den Handelskonflikt nur immer weiter an - mit Schäden für alle Betroffenen. Einen Handelskonflikt, man kann es nicht oft genug wiederholen, kann niemand gewinnen. Die jetzt angekündigten Zölle von 25 Prozent, etwa auf Käse aus Frankreich, Italien oder den Niederlanden oder auf Werkzeuge aus Deutschland, schaden natürlich den Herstellern dieser Güter. Aber umgekehrt müssen die Verbraucher in den USA, wenn sie diese Waren trotzdem kaufen wollen, höhere Preise zahlen – und das schwächt letztlich die amerikanische Wirtschaft und mit ihr die Weltwirtschaft.

Dass ausgerechnet auf Airbus die Zölle mit zehn Prozent niedriger ausfallen, hat einen einfachen Grund: Airbus bezieht viele Zulieferteile von amerikanischen Herstellern. Das zeigt: Zölle passen nicht in eine globalisierte Wirtschaft. Dass die WTO sie jetzt trotzdem erlaubt, kann auch ein Zeichen sein, dass sie sich nicht angreifbar machen will. Sie handelt streng nach ihren Regeln. Denn sie ist geschwächt durch die Angriffe Trumps, der seit Monaten frei werdende Stellen in der WTO nicht mehr besetzt. Dadurch droht ihr bald die Arbeitsunfähigkeit. Wäre sie in einer stärkeren Position, hätte sie es wohl geschafft, die Streithähne USA und Europa in dieser Sache an den Verhandlungstisch zu bringen.

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Doch dazu ist es zu spät. Schon längst agieren die einzelnen Regionen jeweils für sich. Sie schließen nicht mehr globale Verträge, die die WTO überwachen kann. Denn in Zeiten, in denen jedes Land, jede Region den eigenen Vorteil sucht, ist die Kompromissfähigkeit dahin. Das lässt Schlimmes ahnen für die nächsten Jahre. Denn von bilateralen Handelsabkommen profitiert nur der jeweils Stärkere. Und das ist auch der wesentliche Grund, warum die EU sich durch Trumps neue Zölle nicht auseinanderdividieren lassen darf.

Brigitte Scholtes (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Brigitte Scholtes (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Brigitte Scholtes, Jahrgang 1958, studierte Wirtschaftsgeschichte und Anglistik in Aachen und Bonn mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. Sie arbeitete zunächst für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die damals auch Hörfunksendungen für das Privatradio RPR produzierte, wechselte dann zur Nachrichtenagentur Bloomberg Business News. Seit 1992 Partnerin im Redaktionsbüro Business Report, das 1998 die Wirtschaftskorrespondenz aus Frankfurt für Deutschlandradio übernommen hat. 

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