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StartseiteInterview"Die Kunden brauchen nicht ständig Verbote"13.08.2019

Handelsverband zu Plastiktütenverbot"Die Kunden brauchen nicht ständig Verbote"

Ein Komplettverbot von Plastiktüten wäre reine Symbolpolitik und gehe im Moment zu weit, sagte Kai Falk vom Handelsverband Deutschland im Dlf. Besser wäre es, wenn die Verbraucher mitreden, nachdenken und ihr Verhalten verändern. Zudem seien Alternativen zur Plastiktüte oft auch nicht unkritisch.

Kai Falk im Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker

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Ein Mann packt in einem Supermarkt in Flensburg Obst in einen Plastikbeutel  (dpa / Benjamin Nolte)
Ein Mann packt in einem Supermarkt Obst in einen Plastikbeutel (dpa / Benjamin Nolte)
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Ann-Kathrin Büüsker: Umweltministerin Svenja Schulze hat Plastiktüten den Kampf angesagt. Erst hatte sie eine freiwillige Selbstverpflichtung mit dem Handel geschlossen. Infolgedessen sollten Plastiktüten Geld kosten, damit sie uns Konsumenten quasi abgewöhnt werden. Jetzt legt Schulze noch einen drauf: Sie will die Tüten ganz verbieten. Andere Länder wie Neuseeland und Kanada haben entsprechende Pläne längst in Gesetze gegossen, oder sind kurz davor. Und auch auf europäischer Ebene gibt es eine klare Anti-Plastik-Strategie.

All das hat natürlich Auswirkungen auf den Handel, über die wir jetzt sprechen wollen mit Kai Falk, Geschäftsführer Kommunikation und Nachhaltigkeit beim Deutschen Handelsverband. Einen schönen guten Morgen!

Kai Falk: Einen schönen guten Morgen, Frau Büüsker.

"Wir halten das für Symbolpolitik"

Büüsker: Herr Falk, nach der freiwilligen Selbstverpflichtung, die Ihr Verband mit dem Umweltministerium geschlossen hatte, könnte jetzt ein klares Verbot kommen. Wie froh sind Sie über dieses klare Signal, diese klaren Richtlinien?

Falk: Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich am Sonntagabend die drei Millionen Beschäftigten des deutschen Einzelhandels schon die Augen gerieben haben, als sie davon gehört haben, denn sie werden sich fragen, was sie die letzten drei Jahre gemacht haben, als sie eine Vereinbarung mit dem Umweltministerium lupenrein umgesetzt haben. Sie haben mit all den Millionen Verbraucherinnen und Verbrauchern gesprochen, warum es sich lohnt, darüber nachzudenken, ob sie jetzt diese Plastiktüte mitnehmen sollen oder ob es eventuell eine Alternative gibt. Wir haben damit das Europaziel für 2025 noch mal um die Hälfte unterboten im Pro-Kopf-Verbrauch und trotzdem kommt jetzt ein Verbot. Wir halten das für Symbolpolitik und ich denke, es gibt in der Branche insgesamt wenig Verständnis dafür.

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Büüsker: Ihr Verband sagt ja auch, seit Inkrafttreten der Selbstverpflichtung ist der Verbrauch in Deutschland um knapp zwei Drittel gesunken. Das zeigt doch aber eigentlich auch, dass die Plastiktüte gar nicht mehr gebraucht wird. Dann kann man sie auch abschaffen.

Falk: Es ist sicherlich ein wichtiger Schritt gewesen auf die Verbraucher zu, damit sie sensibilisiert werden, brauchen sie jetzt unbedingt eine Tüte oder nicht. Viele haben sicherlich bisher wenig darüber nachgedacht, aber das hat sich in den letzten drei Jahren deutlich verändert. Und man muss einfach aus Verbraucherperspektive die Entwicklung auch betrachten. Wir haben dafür gesorgt, dass die Verbraucher mitreden, nachdenken, ihr Verhalten verändern, und das ist, denke ich, der richtigere Weg als reine Verbotspolitik.

Wenn jetzt Verbote kommen, stellt sich natürlich die Frage, was die Alternativen sind. Hier wird im Handel mächtig gearbeitet, beispielsweise im Bereich Obst und Gemüse werden Mehrwegnetze angeboten. Es wird auf andere Materialien umgestellt. Aber auch das ist nicht unkritisch zu sehen und insofern halten wir ein Verbot zur jetzigen Zeit und auch nach dieser Reduzierungsleistung für das falsche Signal.

"Für eine Reduzierung der Plastiktragetaschen"

Büüsker: Aber was rechtfertigt denn die Existenz der Plastiktüte? Wofür braucht man die?

Falk: Die Verbraucher kaufen natürlich auch impulshaft im Einzelhandel ein. Sicherlich sind Einkäufe im Lebensmittelbereich besser einzuplanen. Da kann man seinen Korb oder seine Einkaufstasche wieder mitnehmen. Aber es gibt reichlich Impulskäufe auch in den Einkaufszonen. Andere Produkte werden gekauft, Textilien, Elektronikgeräte. Da braucht man schon mal eine Plastiktüte und ein solcher Service muss auch möglich sein. Deshalb, denken wir, ist eine völlige Abschaffung sehr kritisch zu sehen.

Wenn man allein im Obst- und Gemüsebereich schaut: Wir hatten die Diskussion über Lebensmittelverschwendung. Wir haben immer kleinere Haushalte. Die Leute wollen ihre Äpfel einzeln einkaufen, damit sie keine Großpackungen mitnehmen müssen. Dafür brauchen sie auch hin und wieder mal eine Kunststofftüte.

Büüsker: Zwei Äpfel muss ich aber nicht in eine Kunststofftüte tun. Die kann ich auch so aufs Band legen?

Falk: Ja, zwei vielleicht nicht, aber fünf vielleicht doch schon. Und irgendwie müssen Sie die auch nach Hause kriegen und das ist vielleicht in einer Handtasche ein bisschen schwierig.

Büüsker: Aber letztlich, wenn ich Sie richtig verstehe, bedienen Sie hier die Bequemlichkeit der Konsumentinnen und Konsumenten?

Falk: Überhaupt nicht! Was wir sagen ist, wir setzen uns weiter für eine Reduzierung der Plastiktragetaschen ein. Da besteht überhaupt gar kein Zweifel. Davon kann sich auch jeder überzeugen. Aber ein Komplettverbot, denke ich, geht im Moment zu weit, weil sich wie gesagt auch die Frage stellt, was sind Alternativen, damit auch kleine Mengen oder andere Produkte, die sicher und trocken nach Hause gebracht werden müssen, ab und zu mal nach Hause getragen werden können.

"Baumwollnetze sind ein Thema für sich"

Büüsker: Die Alternativen haben Sie aber doch selbst genannt. Es gibt so was wie Baumwollnetze.

Falk: Wir bieten Netze an. Die sind allerdings oftmals nicht aus Baumwolle, sondern aus Kunststoff, aus recyceltem Kunststoff. Hier wird auch noch gearbeitet. Auch Baumwollnetze sind ein Thema für sich. Baumwolle braucht auch sehr viele Rohstoffe, um angebaut zu werden. Die Ökobilanz schauen wir uns hier auch genau an. Deshalb, glaube ich, sollte man auch sorgfältig abwägen, in welchen Schritten man die Reduzierung vornimmt.

Außerdem geht es ja nicht nur um die Tragetasche. Die hat natürlich einen hohen Symbolwert. Es sind sehr viele ersetzt worden durch Mehrwegtragetaschen – nicht zu vergessen auch aus Kunststoff -, die sich jetzt in den Haushalten befinden. Unsere Unternehmen sind im Moment sehr aktiv, gerade auch im Obst- und Gemüsebereich, an den Frischetheken auf Kunststoffe zu verzichten, auf Verpackungen, wo immer auch möglich, hier auch mal neue Wege zu gehen. Ich denke, all diese Schritte führen dazu, dass wesentlich weniger Kunststoff in Zukunft verbraucht wird.

Büüsker: Der Naturschutzbund Deutschland sagt, die Papiertüte, die ist eigentlich auch keine Alternative, weil die auch eine sehr schlechte Ökobilanz hat. Deshalb fordert der NABU eine Abgabe auf alle Einwegtaschen. Wenn Sie kein Verbot wollen, wäre dann so eine Abgabe vielleicht eine Alternative?

Falk: Na ja. Diese Abgabe verteuert am Ende natürlich auch wieder den Einkauf für den Verbraucher, und das sehen wir natürlich kritisch. Ich denke, es gibt wesentlich smartere Wege für weniger Kunststoffe, und beispielsweise die Mehrwegnetze, von denen wir gesprochen haben, sind ein gutes Beispiel dafür. Hier kann der Kunde einmal diese Netze kaufen und sie dann immer wieder befüllen. Er muss natürlich auch sein Verhalten entsprechend anpassen und immer wieder darüber nachdenken. Aber ich denke, da sind wir hier auf einem guten Weg, und auch die Kunden brauchen nicht ständig Verbote.

Büüsker: Um es zusammenzufassen: Wer seine Tüte selber mitbringt, der macht eigentlich alles richtig?

Falk: So ist das und deswegen haben wir auch das Umweltministerium aktiv angesprochen. Wir denken, dass eine gemeinsame Kommunikationskampagne in Richtung Verbraucher da sehr viel bewirken kann. Das hat sich auch in anderen Feldern deutlich bewiesen. Ich denke, miteinander reden, sich überzeugen und auch auf neue Angebote hinweisen, das ist wesentlich effektiver als immer nur Verbote.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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