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StartseiteForschung aktuellHandschuh als Handy24.05.2013

Handschuh als Handy

Berliner Designer entwickeln Kommunikationshilfe für Taubblinde

Technik. - Taubblinde kommunizieren unter anderem, indem sie in der Handinnenfläche des Gesprächspartners drücken und streichen. Das allerdings funktioniert nur auf kürzeste Distanz. Zwei Design-Forscher der Universität der Künste wollen weiterhelfen – mit einem speziellen Handschuh.

von Franziska Badenschier

Die Handfläche ist für Taubblinde eines der wenigen Kommunikationsmittel. (Stock.XCHNG - Joao Critis)
Die Handfläche ist für Taubblinde eines der wenigen Kommunikationsmittel. (Stock.XCHNG - Joao Critis)
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Kann Technik menschlich sein?

Schätzungsweise 6000 Menschen in Deutschland sind taubblind: Sie können weder hören noch sehen, oder das nur sehr, sehr schlecht. Der Designer Tom Bieling hatte sich damit beschäftigt, wie Blinde und Gehörlose kommunizieren – und stieß so auf das Thema Taubblindheit:

"Wie soll das funktionieren? Wie kommuniziert man, wenn man weder hören noch sehen kann? Das schien mir unmöglich."

Tom Bieling ist Doktorand am Design Research Lab der Universität der Künste in Berlin. Dass Taubblinde durchaus kommunizieren können, das erlebt er gerade: In dem Design-Forschungslabor sitzen Bärbel Klapötke und ihre taubblinde Mutter Rosemarie. Rosemarie Klapötke fährt mit ihren Armen durch die Luft. Sie "spricht" in Gebärdensprache, die ihre Tochter sehen und somit lesen kann. Dann nimmt Rosemarie Klapötke eine Hand ihrer Tochter und drückt und streicht über die Innenfläche. Dabei bewegt sie auch die Lippen. Die Tochter übersetzt:

"Sie ist gehörlos geboren und hat auch eine angeborene Augenkrankheit und hat als Kind ganz normal gesehen, war zu Schule, hat eine Ausbildung gemacht zur Schneiderin, zur Maßschneiderin. Und mit 35 wurde dann mein Sehfeld eingeschränkter, das heißt, ich konnte an den Seiten nichts mehr sehen, nur noch vorne, und habe dann auch nicht mehr die Gebärden gesehen."

Deswegen lernte Rosemarie Klapötke das sogenannte Lorm-Alphabet: Das ist ein Tast-ABC, das der Schriftsteller Hieronymus Lorm entwickelt hat. Er war erst ertaubt und dann erblindet. Bieling:

"Die Buchstaben sind an ganz bestimmten Positionen in der Handfläche festgelegt. Die Vokale liegen alle oben. Also oben am Daumen, an der Daumenspitze liegt das A. Am Zeigefinger oben liegt das E, am Mittelfinger das I und so weiter und so weiter."

Man nimmt also die Hand des Gesprächspartners und tippt dort Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, was man mitteilen möchte. Doch selbst, wenn man diese Lorm-Sprache beherrscht, gebe es Kommunikationsbarrieren, sagt Tom Bieling:

"Bin ich immer nur wirklich auf die angewiesen, die meine Lorm-Sprache beherrschen, oder kann ich auch mit anderen Leuten Kontakt aufnehmen? Und wie funktioniert das zum Beispiel, wenn ich die Person gerade nicht anfassen kann, mit der ich sprechen möchte, wenn die zum Beispiel in einem anderen Zimmer ist oder in einer anderen Stadt?"

Ein spezieller Handschuh soll diese Kommunikationshürden überwinden. Den hat Tom Bieling mit seiner Kollegin Ulrike Gollner entwickelt. Die beiden holen den allerersten Prototypen aus ihrer Werkstatt, um ihn mit Rosemarie Klapötke zu testen. Der Handschuh war mal ein ganz normaler Sport-Handschuh. Auf der Handinnenfläche befinden sich jetzt kleine Drucksensoren, verdeckt von einer Lage Stoff. Über die können Taubblinde buchstabieren. Auf der Außenseite des Handschuhs sind fast 30 Vibrationsmotoren befestigt, um Text empfangen zu können, erklärt Tom Bieling.

"Beim A zum Beispiel: Also ich drücke auf die Fingerspitze meines Daumens, dann ist das der Buchstabe. Und den kann ich als SMS oder E-Mail versenden."

Ganz so trivial ist das natürlich nicht. Zunächst einmal muss man den Empfänger anwählen. Dazu drückt man beim Prototyp dreimal die Taste A und buchstabiert dann den Namen des Empfängers. Dann tippt man seine Nachricht in den Handschuh. Von jedem Drucksensor geht ein Kabel durch den Stoff zum Schaft. Dort kommen die Kabel gebündelt zum Vorschein und werden mit einem Bluetooth-Gerät am Unterarm verbunden. Von dort werden die Daten auf ein Handy übertragen. Dann wird der Text weitergeschickt, als SMS oder als E-Mail. Es geht also nicht für jeden Buchstaben eine eigene Nachricht raus – ein paar Sätze dürfen es schon sein. Der Lorm-Handschuh empfängt auch Nachrichten. So kann selbst jemand, der das Lorm-Alphabet nicht beherrscht, einer taubblinden Person eine SMS oder E-Mail schreiben. Bieling:

"Die wird mir auf meinen Handschuh geschickt. Und auf der Handrückseite habe ich kleine Motoren, die vibrieren dann genau an den Stellen, wo die Buchstaben liegen."

Weil man nicht mehr die Hand des Gesprächspartners berühren muss, wären sogar Gruppengespräche möglich. Im April 2013 hat der mobile Lorm-Handschuh einen internationalen Design-Preis gewonnen, und zwar in der Kategorie Barrierefreiheit. Rosemarie Klapötke hofft, dass sie bald einen eigenen Lorm-Handschuh bekommt.

"Der Handschuh hilft mir halt, dass ich auch Kontakt herstellen kann, ohne daran gebunden zu sein, zu Hause zu sein. Jetzt muss ich halt zu Hause sein am PC oder am Fax. Und so bin ich auch unterwegs mobil und kann, wenn was ist, mehrere Leute gleichzeitig erreichen."

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