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StartseiteMarkt und MedienDen Tod dokumentiert04.04.2015

HandyvideosDen Tod dokumentiert

Handyvideos etwa aus dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Syrien sorgen beim Betrachter für eine extreme emotionale Wirkung. Diese Schockwirkung wird bewusst ausgenutzt, sagen Medienwissenschaftler. Und sie würden letztendlich zu einem Aufheizen des Konflikts beitragen.

Von Klaus Deuse

Ein von der Islamischen Front veröffentlichtes Video zeigt eine gewaltige Explosion im syrischen Maaret al-Numan. (AFP/Youtube)
Ein von der Islamischen Front veröffentlichtes Video zeigt eine gewaltige Explosion im syrischen Maaret al-Numan. (AFP/Youtube)
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"Man kann halt einfach bei Youtube oder auch nur bei Google Syrien und Tod, Syrien und Blut oder irgendetwas halt eingeben. Und man findet sofort solche Videos. Unzensiert teilweise. Da kann jeder sofort drauf zugreifen. Da ist keine Sperre, nichts drauf."

Stellt die Medienwissenschaftlerin Mareike Meis von der Universität Bochum lakonisch fest. Sie selbst hat mittlerweile mehrere hundert Handyvideos aus den Konfliktregionen Iran und Syrien analysiert. Deren Echtheit, sagt Meis, lasse sich zwar nicht immer zwingend belegen, aber:

"Wir gehen erst einmal davon aus, da findet ein realer Tod statt."

Handykamera-Perspektive lässt Geschehen hautnah erleben

Bewegte Bilder, die beim Betrachter eine extreme emotionale Wirkung auslösen. Dieser Schockeffekt resultiere aus der vermittelten Handykamera-Perspektive, die das Geschehen hautnah erleben lässt. Darin liege auch der Unterschied zu Filmen von professionellen Berichterstattern für TV-Sender. Andererseits steckt hinter diesen Todesvideos, wie Mareike Meis sie nennt, immer eine politische Intention. Egal, ob die Videos aus Kreisen der Regimes oder von oppositionellen Gruppen stammen. Letztlich gehe es darum, die Gegenseite zu diffamieren.

"Wer versucht, das ins Netz zu stellen? Oder wer verarbeitet das weiter? Ein Video, das ins Netz gestellt wird, das bleibt nicht so, sondern jeder kann das Video auch verändern und für seine Intentionen halt nutzen."

Das jederzeit verfügbare und internettaugliche Kamerahandy verändert den Blick auf das Geschehen. Das, so die Medienwissenschaftlerin, erschwere es auch neutralen Beobachtern, mediale Propaganda zu entlarven. Aus Interviews mit Syrern, die inzwischen in Deutschland leben, weiß sie, dass in deren Heimat kaum jemand den Informationen im staatlich kontrollierten Fernsehen glaubt. Handyvideos hingegen, in denen Regimegegner zu Tode kommen, gelten als authentisch und werden schnell verbreitet. In ihrer Analyse kommt Mareike Meis allerdings zu dem Schluss, dass Befürworter solcher Videos einer Fehlwahrnehmung erliegen.

"Weil die sind der Meinung, dass diese Videos dazu beitragen, dass dort halt weniger Menschen sterben. Aber der Konflikt ist im Grunde verlängert durch diese Videos, weil er auch immer angeheizt wird."

Immer neue Handyvideos im Netz verhärten im Endeffekt die Fronten, tragen zur Eskalierung der Auseinandersetzung bei. Die Darstellung des Sterbens in Bildern oder einem Video ist keineswegs neu. Doch diese Bilder besitzen unter massenmedialen Aspekten eine neue Qualität.

"Es wurde schon immer in der Vergangenheit versucht, den Tod visuell einzufangen. Also wirklich den Moment des Todes. Aber was man tatsächlich, wenn man ein Foto schießt, sieht, ist entweder ein lebender Mensch oder ein toter Mensch. Der Tod selbst ist unsichtbar."

Auch bewusste Fälschungen im Netz

Bei ihren Recherchen stieß Mareike Meis zudem auf Filme, die sie als "Mocking Death Videos" bezeichnet. Filme, die eine vermeintliche Folterung oder Hinrichtung zeigen, am Ende aber als Fälschung, beispielsweise durch Horrorsymbole, aufgelöst werden. Hier bedienen Trittbrettfahrer in makaberster Manier obszöne Erwartungen von Voyeuren, die sich im Netz tummeln. In der realen Welt lässt sich mit dem Tod jedoch nicht spaßen. Die von Mareike Meis untersuchten Handyvideos aus den Krisengebieten zeigen, dass die mediale Begegnung mit dem Tod für den Betrachter beklemmend intensiver wird.

"Durch diese Körperlichkeit, die das Handy mitbringt, durch das verwackelte Bild, durch die Geräusche, die wir dort wahrnehmen. Und da wäre die Frage: Bewegt sich der Tod eigentlich nicht auf der visuellen Ebene, sondern auf den anderen Wahrnehmungsebenen."

Und wenn mittlerweile Nachrichtenkanäle wie CNN oder die ARD-Tagesschau auf Handyvideos zurückgreifen, natürlich nach gründlicher Recherche des Ursprungs, dann spiegelt das auch eine durch die omnipräsente Handykamera veränderte Wahrnehmung wider.

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