Samstag, 16.10.2021
 
Seit 20:05 Uhr Hörspiel
StartseiteBüchermarkt Hanebüchenes und gotischer Horror27.07.2010

Hanebüchenes und gotischer Horror

Die Krimi-Kolumne

Ja, es gibt ein Jenseits des Fußballs ... und ein anderes Mittel, den Herzschlag zu steigern. Es ist die Literatur in ihrer verschärften Form, dem Krimi, der - ganz auf Wirkung abzielend und wie keine andere Literaturform - den Porno einmal ausgenommen -direkte körperliche Reaktionen beim Leser hervorrufen soll: Angst, Anspannung, Aufgeregtheit bis hin zum "Nicht-mehr-zu-lesen-aufhören-können".

Von Andreas Ammer

Die Kolumne - diesmal mit einer gehörigen Prise schwärzen Humors. (Stock.XCHNG / Mateusz Atroszko)
Die Kolumne - diesmal mit einer gehörigen Prise schwärzen Humors. (Stock.XCHNG / Mateusz Atroszko)

Heute als literarische Herzschrittmacher im Angebot:

- Ein Krimi, der so gut ist, dass er als große Literatur durchgeht.

- Ein Autor, der so gut ist, dass er Krimis nur unter einem Pseudonym veröffentlicht.

- Außerdem: der beste Krimi für den Monat Juli.

- Und ein Krimi, der noch besser ist

- Sowie unser unvermeidlicher Rezensent! Kurzum: Die "Krimikolumne"

Heute ganz ohne Massenmörder, fast ohne CIA-Agenten, mit keiner einzigen Weltverschwörung, dafür mit einer gehörigen Prise schwärzen Humors.

Benjamin Black heißt eigentlich John Banville. Mit einem solchen Satz könnten Krimis beginnen. Aber mit dem Satz "Benjamin Black heißt eigentlich John Banville" muss jede Rezension des Krimis "Der Lemur" von Benjamin Black beginnen. Denn der Ire John Banville, der sich für seine Krimis das Pseudonym Benjamin Black gegeben hat, hat vor fünf Jahren den wichtigsten britischen Literaturpreis, den "Booker Prize", gewonnen.

Und immer wenn Banville den Literaten in sich vergessen und literarisch mal wieder die Sau rauslassen will, nennt er sich Benjamin Black und schreibt einen kleinen feinen Krimi. Spüre ich da etwas Herablassung gegenüber unserem Genre? Mag sein. Man merkt es dem Plot von "Der Lemur", erschienen als Paperback bei rororo und übersetzt vom "Druck-Reif"-Kollektiv Gerlinde Schermer-Rauwolf und Thomas Wollermann ...

Zwischenfrage: Wieso legen sich Übersetzer so selten Pseudonyme zu? Herr Rezensent, Contenance! Bitte weiter im Text!

Man merkt es dem Plot von Benjamin Blacks "Der Lemur" an, dass John Banville die Spielregeln des Krimis kennt. Denn die Personenkonstellation in "Der Lemur" ist reichlich übertrieben: Da ist der - natürlich! -milliardenschwere New Yorker Besitzer einer Kabelgesellschaft, der früher - natürlich - der berüchtigtste Geheimagent des Landes war.

Da ist seine - natürlich! - berückend schöne Tochter, die einer - natürlich - immens wichtigen Wohlfahrtsorganisation vorsteht. Und da ist John Glass, der Ehemann dieser Tochter, und somit der Schwiegersohn des milliardenschweren Ex-Geheimagenten.

John Glass wiederum ist - natürlich! - ein weltberühmter Enthüllungsjournalist, der früher von allen Brennpunkten der Weltpolitik berichtet hat, aber jetzt - rätselhafterweise! - daran scheitert, für eine Million Dollar im Auftrag des Schwiegerpapas dessen Biografie zu schreiben. Eine - natürlich - hanebüchene Ausgangslage für einen Krimi.

Einerseits will der milliardenschwere Ex-Geheimagent seine Biografie geschrieben haben, andererseits verrät er seinem Schwiegersohn so wenig von seinem Leben, dass dieser einen Rechercheur anstellt, eben den titelgebenden "Lemur" der dann - natürlich! - sofort tot aufgefunden wird.

Soweit - so hanebüchen.

Auf dem Gerüst dieser nicht ernst zu nehmenden Handlungskonstruktion, die an allen Ecken scheppert und kracht, entwickelt Banville dann allerdings seine Meisterschaft. Selten sind beispielsweise die Eckpunkte jedes Krimis: "Zeuge sein", "verdächtig sein", "Täter sein" so eindrücklich und prägnant geschildert worden. Wir zitieren einfach mal den Abschnitt "Zeuge sein":

Zeuge. Das Wort zuckte wie ein kleiner elektrischer Schlag durch Glass' Wirbelsäule. Er hatte den Eindruck, dass alles in dem durch Kopfschmerz, Lärm und Schwindel geprägten sechs Monaten, die er nun in New York lebte, genau auf diesen Augenblick hingeführt hatte, in dem er hier in diesem Büro einem Polizisten gegenübersaß, mit trockenem Mund und leichter Übelkeit, mit einem elektrisierten Rückgrat und kribbelnden Venen. Was da geschah, war zugleich alltäglich und sonderbar, unvermeidlich und beliebig.

Hut ab, ein Absatz wie ein kleiner elektrischer Schlag in die Wirbelsäule, meint unser Rezensent zu "Der Lemur" von Benjamin Black, erschienen als rororo-Paperback und lobt auch gleich die Übersetzer vom "Druck-Reif"-Kollektiv: Gerlinde Schermer-Rauwolf und Thomas Wollermann.

Zwei kleine Nachträge müssen noch sein. Der eine besteht in der bedenklich stimmenden Beobachtung eines Mordopfers, der behauptet, dass es im Neuen Testament keine Stelle gebe, in der berichtet wird, das Jesus einmal lacht oder zumindest lächelt. Die zweite besteht in Blacks eigener Beobachtung, dass man in dem Moment, in dem man nicht weiß, wer in einem Raum der Trottel ist, es höchstwahrscheinlich selbst ist. Äh, ich weiß, wer hier der Trottel ist. Ich auch. Und weiter im Text!

Und damit zu dem besten, schönsten, kältesten und dunkelsten Krimi dieses Sommers, der auf der einsamen schottischen Insel Lismore endet, wo der Held, ein gewisser Dr. Murray Watson, nächtens und im kalten Regen im Matsch eines alten Grabes herumstochert und dort auch findet, wonach er sucht, was ihm aber dem Tod nur noch näher bringt. Die Autorin hat ihrem Buch eine Danksagung hinterher geschickt. Zitat:

Lismore ist eine wunderschöne, in der Meeresbucht Lock Linnhe vor der Westküste gelegene Insel mit reicher Tierwelt und interessanten archäologischen Stätten. Die Inselbewohner sind freundlich, die Bed & Breakfast tadellos geführt und gastfreundlich.

Diese Bemerkung ist nicht weniger als notwendig, da die Insel Lismore, auf der der zweite Teil von "Das Alphabet der Knochen" spielt, im Buch den absolut gegenteiligen Eindruck macht. Lismore ist dort ein der Welt und den Menschen abgewandter Ort wahren gotischen Horrors. Ein Ort, den man nicht freiwillig besucht. Ein Ort, wo man unfreundlich empfangen und unverschämt behandelt wird und an dem man froh sein kann, ihn lebend wieder zu verlassen.

"Das Alphabet der Knochen" heißt dieser erstaunliche Roman. Geschrieben hat ihn die schottische Autorin Louise Welsh und übersetzt hat dieses im Kunstmann-Verlag erschienene Meisterwerk Wolfgang Müller. Louise Welsh ist so ziemlich das Gegenteil von Benjamin Black. Sie nimmt den Kriminalroman so ernst wie andere Menschen ein Fußballfinale. Sie benutzt das Krimi-Genre, um höchst intelligente, gleichzeitig anspielungsreiche Romane zu schreiben. Die Spannungselemente dienen dazu, das Lesevergnügen ins Unermessliche zu steigern.

Die Protagonisten von Louise Welsh heißen schon einmal Rilke, Christopher Marlowe oder eben - wie im Fall von "Das Alphabet der Knochen" Dr. Watson. Sie sind Antiquare, Schriftsteller oder wie im vorliegenden Fall ein langweiliger Literaturdozent, der sexuell frustriert ist und eine wissenschaftliche Arbeit über einen völlig unbekannten toten Lyriker schreibt. Was für ein banaler Plot! Aber was Louise Welsh diesen Figuren an Abgründen und Schicksal entlockt, das ist große Kunst.

Dr. Murray Watson jedenfalls hat sich am Institut für Literatur an der Uni von Glasgow ein Jahr freistellen lassen, um über einen gewissen Archie Lunan zu forschen, der in den wilden Siebzigern einen einzigen Gedichtband veröffentlicht hat und dann vor der Insel Lismore ertrunken ist.

Nicht gerade eine klassische Thriller-Handlung, aber doch ein Thriller auf allerhöchstem literarischen Niveau:

Packend, erotisch, voller herzerweichender Charaktere, spannend, obskur und von einer wohligen unaufgeregten Selbstironie getrieben, die es in keinem noch so guten amerikanischen Krimi gibt. Trotz regnerischen Ambientes die absolute Kauf- und Leseempfehlung für den Sommer, urteilt unser Rezensent zu "Das Alphabet der Knochen" von Louise Welsh, erschienen im Kunstmann-Verlag.

Nach den beiden Ausflügen in die irisch-schottischen Verschrobenheiten des Krimigenres noch kurz zwei amerikanische Bücher, die sich auf der Höhe der Zeit bewegen, obwohl sie nicht unbedingt auch in ihr geschrieben wurden.

Letzteres gilt für "God's Pocket" von Pete Dexter, übersetzt von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt, erschienen in dem kleinen Münchner Verlag Liebeskind", dem wir mit David Peace schon eine andere große Entdeckung im Krimigenre verdanken.

"God's Pocket" von Pete Dexter ist im Original bereits 1983 erschienen, wurde aber bis auf den Tag nicht ins Deutsche übersetzt und liest sich trotzdem heute wie ein Krimi aus unserem Jahrtausend.

"God's Pocket" , Gottes Tasche, ist ein Vorortviertel von Philadelphia, in dem um einen Mord nicht viele Worte gemacht werden. Erst recht nicht, wenn der Tote ein rassistischer Psychopat ist. Trotzdem: Die Mutter des Toten bittet ihren eigentlich nutzlosen Mann, sich ein bißchen umzuhören, und ein alkoholsüchtiger Journalist, der sich ebenfalls des Toten angenommen hat, verliebt sich in die Mutter, und das Buch, in dem all dies lustvoll und lakonisch geschildert wird, ist so gut, dass es von der "KrimiWelt"-Jury zum besten Krimi des Monats Juli gewählt wurde.

Zu diesem Buch gibt es noch eine zeitgenössische Variante: noch verstörender, noch komplizierter, noch besser und bereits in den Bestsellerlisten. "Cash" heißt dieser Krimi von Richard Price, er ist erschienen bei S.Fischer und wurde übersetzt von Miriam Mandelkow. "Cash" ist eine als Krimi getarnte Sozialstudie des Prekariats von New York, geschrieben von dem gefeierten amerikanischen Fernsehautor Richard Price.

Price hatte vor "Cash" bereits das Drehbuch für den Hollywood-Klassiker "Die Farbe des Geldes" geschrieben, sich die Story für die Rahmenhandlung von Michael Jacksons "Bad"-Video ausgedacht und an der besten amerikanischen Krimiserie aller Zeiten, "The Wire", mitgearbeitet.

"Cash" wimmelt so sehr von Figuren, Schicksalen, Einfällen, und ist in einer derart verwirrend direkten Sprache geschrieben, das das Buch anfangs sogar schwer zu lesen scheint: Polizisten sind von Verbrechern und Opfer kaum von Tätern zu unterscheiden.

Das Einzige, was von der ersten Seite klar ist ... na Herr Rezensent?

Das ist große amerikanische Literatur, lautet das eindeutige Urteil über "Cash" von Richard Price, erschienen bei S. Fischer.

Und wenn - geliebter Rezensent - ich nur ein Buch an den Strand mitnehmen will, welches packe ich dann ein? Erst die Welsh, dann den Price. Wer so eindeutige Urteile fällt wie dieses Mal unser Rezensent, der braucht im literarischen Kampf einige Schützenhilfe und die bekommt er... wie seit 20 Jahren ... folgendermaßen. (Musik)

Besprochene Bücher:
Benjamin Black, Der Lemur, rororo Paperback 25321
Pete Dexter, God's Pocket, Liebeskind
Richard Price, Cash, S. Fischer
Louise Welsh, Das Alphabet der Knochen, Kunstmann

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk